„Schock“

Psychologin erklärt, was wir bei Angst vor Krieg tun können

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Seit Beginn des Ukraine-Kriegs werden wir ständig durch Medienberichte mit Gewalt und Leid konfrontiert. Strategien gegen überhandnehmende Kriegsängste.

„Es fühlte sich an, als wäre ich in einem der Geschichtsbücher über die Weltkriege aufgewacht. Ich war schockiert, geriet aber nicht in Panik“, erzählt ein junger Ukrainer 2022 über den Beginn des Ukraine-Kriegs. Der Schock breitete sich in ganz Europa aus. Die Auswirkungen sind auch dreieinhalb Jahre später noch spürbar.

Aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media vorab exklusiv vorliegen, zeigen: Die Angst vor Krieg und einer militärischen Eskalation ist hoch. Die Mehrheit der Befragten (41 Prozent) gibt an, Angst zu haben, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommt. Angst vor einem Atomkrieg haben 35 Prozent. Mehr als die Hälfte hält neue Kriege in Europa für wahrscheinlich und denkt, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland verschlechtern wird. An der repräsentativen Umfrage nahmen zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2.136 Menschen teil.

Psychisches Wohlbefinden nach Beginn des Ukraine-Kriegs international beeinträchtigt

Zwischen dem 24. April und dem 18. Mai wurden 2.136 Personen befragt. Die Cemas-Umfrage wurde über „Bilendi“ organisiert.

Wie sehr sich der Ausbruch des Ukraine-Kriegs auf die mentale Gesundheit auswirkte, hat ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Psychologen Julian Scharbert und Mitja Back der Universität Münster in einer Studie untersucht. Menschen in Europa hatten während der zwei Monate nach Kriegsausbruch ein deutlich niedrigeres Wohlbefinden – unabhängig von Alter, Geschlecht, politischer Orientierung oder sonstigen Eigenschaften.

Die messbare kollektive psychische Beeinträchtigung war größer als nach dem Corona-Lockdown 2020. Woran liegt das? Am 24. Februar sind alle mit der Nachricht aufgewacht, dass es in Europa Krieg gibt. Dieses plötzliche Ereignis habe viele Menschen emotional stark getroffen – stärker, als es bei der Corona-Pandemie der Fall war. „Das könnte daran liegen, dass der Schock des Kriegsausbruchs emotional schwerer zu verarbeiten war als eine Krise, die sich langsam aufbaut“, sagt Scharbert gegenüber der FR. Ein Krieg wird von Menschen verursacht. Das könne nicht nur eine unmittelbare Bedrohung auslösen, sondern auch das Menschenbild infrage stellen und dadurch Menschen noch einmal mehr erschüttern, als ein unglückliches Ereignis wie eine Pandemie.

Durch Medienberichte über Krieg sind wir ständig mit Gewalt und Kontrollverlust konfrontiert

Krieg bedroht unser elementares Sicherheitsgefühl. Selbst wenn er nicht direkt vor unserer Haustür stattfindet, sind wir durch Medienberichte ständig mit Gewalt und Leid konfrontiert – und psychologisch gesehen besonders wichtig: auch mit Kontrollverlust“, sagt Eva-Lotta Brakemeier gegenüber der FR. Sie leitet den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald und ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Unser Gehirn reagiere auf solche existenziellen Gefahren intuitiv mit Angst – und das sei auch gut so. Angst ist ein Schutzmechanismus, der uns wachsam macht. „Viele sehen Angst als etwas Negatives, aber sie ist ein wichtiges und zutiefst menschliches Gefühl. Gerade in Zeiten von Dauerkrisen bleibt dieser Alarmzustand oft sehr lange bestehen – länger, als es hilfreich ist“, sagt Brakemeier.

Kriegsangst könne zu Stress, innerer Unruhe, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen führen. Sie verstärke Zukunftspessimismus und untergrabe unser allgemeines Sicherheitsgefühl sowie das Vertrauen in eine gestaltbare Zukunft. „Manche Menschen fühlen sich wie gelähmt und ziehen sich zurück, andere sind besonders reizbar oder reagieren mit Aktivismus.“

Wie sich Unterschiede beim Empfinden von Kriegsangst begründen lassen

Kriegsangst ist eine Mischung aus existenzieller Angst, Zukunftsangst und Verlustangst, erklärt die Psychologin. Sie richtet sich weniger auf eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung, als vielmehr auf die Vorstellung, dass unser jetziges Leben zerstört werden könnte. „Kriegsangst ist diffus – nicht greifbar, aber emotional hochwirksam.“

Der Ukrainer berichtete, er sei es gewohnt, in einem Land zu leben, das sich in Aufruhr befinde. In Deutschland ist das anders: „Wir haben weniger Erfahrung mit Krieg und sind daher anfälliger für diese diffuse Angst. In anderen Ländern, in denen Krieg präsenter ist, haben die Menschen oft mehr Resilienz entwickelt“, erklärt Brakemeier. Und dann gibt es noch Unterschiede, die sich auf der individuellen Ebene begründen lassen. Schabert und sein Team fanden heraus, dass sich Menschen mit hoher emotionaler Stabilität schneller wieder auf dem Niveau vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs angekommen sind. Menschen, die traumatische Vorerfahrungen haben, Unsicherheiten schwer aushalten können oder besonders empathisch sind, erscheinen anfälliger für Kriegsangst, ergänzt Brakemeier.

Bei spezifischen Ängsten, wie der Angst vor Spinnen, setzen Psychologen in der Verhaltenstherapie auf Exposition. Dabei begegnen die Betroffenen ihrer größten Angst und erleben, dass ihre katastrophisierenden Gedanken nicht eintreten. Mit der Zeit nehme die Angst ab. „Bei Kriegsangst ist es schwieriger, weil die Angst so diffus ist und eher existenzielle Themen wie Zukunft und Verlust betrifft“, sagt die Psychologin der FR.

Strategien, die bei Kriegsangst helfen und wann man professionelle Hilfe suchen sollte

Brakemeier betont: „Wir sind der Kriegsangst nicht hilflos ausgeliefert.“ Sie nennt Strategien, wie Menschen mit Kriegsangst umgehen können. Der Schlüssel sei nicht Kontrolle, sondern Akzeptanz. Evolutionsbedingt würden Menschen auf Angst mit Angriff, Flucht oder Erstarrung. „Bei diffusen, langanhaltenden Bedrohungen können wir diese Reaktionen umwandeln: Statt zu kämpfen, aktiv werden – zum Beispiel durch politische Teilhabe oder solidarisches Engagement. Und wenn sich viele Menschen engagieren, können wir im Großen wie im Kleinen wirklich etwas bewirken – für Solidarität, Mitgefühl und Frieden“, sagt die Psychologin.

Auch Flucht und Erstarrung können wir umwandeln. Statt zu erstarren, akzeptieren, was wir gerade nicht ändern können, rät Brakemeier. Und statt zu fliehen, können wir uns fragen: Was brauche ich jetzt? Was tut mir gut, auch um Kraft für Engagement zu haben? „Medienkonsum zu regulieren, ist sehr wichtig. Die ständige Nachrichtenflut kann das Gefühl verstärken, ununterbrochen bedroht zu sein“, ergänzt die Psychologin. Wenn Angst dauerhaft den Alltag bestimme, wenn Schlaf, Arbeit oder soziale Kontakte leiden und das allgemeine Funktionsniveau deutlich beeinträchtigt sei und wenn bisherige Strategien nicht mehr greifen, sollte man professionelle Hilfe suchen.

Rubriklistenbild: © Poolfoto/Imago

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