Exklusive Umfragedaten: Wie Kriegsangst Deutschland spaltet
VonPia Seitler
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Neue Umfrageergebnisse zeigen: Die Kriegsangst in Deutschland wächst und damit steigen auch die Manipulationsmöglichkeiten durch Desinformation.
„Am 24. Februar weckte mich meine Mutter mit einem Anruf. Sie wollte, dass wir uns mit Wasser eindecken und Bargeld abheben“, erzählte 2022 ein 24-jähriger Ukrainer. Russland hatte wenige Stunden zuvor sein Heimatland mit einer groß angelegte Invasion angegriffen. Schon damals war er sicher: Die Folgen würden Menschen auf der ganzen Welt spüren. Er behielt Recht.
Kriege wirken in unserer vernetzten Welt auch außerhalb militärischer Kampfgebiete. Sie verunsichern, wecken Ängste und spalten Gesellschaften. Drei Jahre nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs spielen Ängste vor Krieg und militärischer Eskalation auch in Deutschland eine bedeutende Rolle. Das zeigen aktuelle Umfrageergebnisse des gemeinnützigen Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), die der Frankfurter Rundschau (FR) von Ippen.Media vorab exklusiv vorliegen.
41 Prozent der Befragten haben Angst, dass es zu einem Dritten Weltkrieg kommt. Eine Mehrheit hält neue Kriege in Europa für wahrscheinlich: 52 Prozent geben an, dass diese Sorge eher oder vollkommen auf sie zutrifft. Noch pessimistischer blicken die Menschen in die Zukunft: 54 Prozent erwarten, dass sich die Sicherheitslage in Deutschland in den kommenden fünf Jahren verschlechtert. An der repräsentativen Umfrage von Cemas nahmen zwischen dem 24. April und 18. Mai 2025 2.136 Menschen teil.
„Wabernde Angst“: Die Bedrohung durch Krieg ist in Deutschland diffus
Was als fernes Szenario galt, ist für Millionen Menschen zur konkreten Sorge geworden. Der Ukrainer sagte Anfang März 2022, er sei schockiert, aber nicht in Panik. Menschen in der Ukraine seien es gewohnt, in einem Land zu leben, das sich in Aufruhr befinde. In Deutschland trifft der Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf andere Bedingungen. „Ich vermute, dass die Furcht vor Krieg zu einer wabernden Angst wurde, weil bei den meisten Menschen keine wirkliche Kompetenz im Umgang damit vorhanden ist“, sagt die Leiterin des Projekts, Psychologin und Autorin Pia Lamberty gegenüber der FR.
In Deutschland ist die Bedrohung durch Krieg diffus. Das mache die Lage laut Lamberty „schwer einschätzbar und oft leichter ideologisch aufzuladen“. Kriegsangst kann anfälliger für Desinformation und Verschwörungsideologien machen. Je höher sie ist, desto eher stimmen Menschen prorussischer Propaganda zu, zeigen die Umfrageergebnisse. „Hybride Bedrohungen, wie GPS Jamming oder Cyberangriffe, lassen sich wegschieben, weil sie nicht direkt spürbar sind. Aber genau diese Abstraktheit macht sie anfällig für Manipulation“, erklärt Lamberty. Gerade wenn Menschen mental stark belastet seien, fehle oft die Kraft, Dinge kritisch zu hinterfragen.
Populistische Parteien versuchen mit ihrem Freund-Feind-Schema zu spalten. In einer diffusen Bedrohungslage wirke das besonders effektiv, denn die Menschen nehmen die Ursachen und Verantwortlichen unterschiedlich wahr, sagt der Politikwissenschaftler Oliver Lembcke gegenüber unserer Redaktion.
Menschen wünschen sich mehr Information von der Regierung über Kriegsgefahren
Das russische Militär griff Ende August eine Reihe von ukrainischen Städten mit Kampfdrohnen und Marschflugkörpern an. Vor allem Saporischschja und Dnipro hatten die Angreifer im Visier.
Cemas erhebt seit 2022 Sorgen und Einstellungen der Bevölkerung. Die Kriegsangst schwankt zwischen 31 und 41 Prozent und erreichte im Mai 2025 ihren Höhepunkt. Im März 2024 lag sie auf fast demselben hohen Niveau. Während die Ängste hoch sind, fühlen sich die Menschen von der Politik schlecht informiert. Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) wünscht sich, dass die Regierung mehr über mögliche Kriegsgefahr in Deutschland aufklärt. „Menschen möchten an die Hand genommen werden, um mit dieser Bedrohung umzugehen. Das passiert bisher kaum“, sagt Lamberty.
Diese Diskrepanz hat Folgen. Viele Menschen sind misstrauisch. 42 Prozent der Befragten vermuten, dass wirtschaftliche Interessen, etwa der Rüstungsindustrie, die aktuelle Kriegspolitik antreiben. 38 Prozent glauben, politische Eliten nutzen die Angst vor Krieg, um militärische Ausgaben zu rechtfertigen. Auch die Medienberichterstattung über Krieg sehen viele skeptisch: 37 Prozent finden, Medien inszenieren Krieg zu oft als notwendiges Übel, um Zustimmung zu erlangen.
„Was ich auch bemerkenswert fand, war das Gefühl vieler, in den Debatten falsch eingeordnet zu werden. Manche fühlen sich als Kriegstreiber, andere als naive Pazifisten. Das zeigt, wie schlecht wir in der Gesellschaft darüber sprechen können, ohne direkt in eine Ecke gedrängt zu werden“, ergänzt die Psychologin und Mitbegründerin des Cemas, Lamberty.
Prorussische Influencer und AfD befeuern und benutzen Kriegsängste in Deutschland
Wo Menschen und Politik schweigen, drängen sich andere hinein. „Aus der Forschung wissen wir, dass Ängste ein Einfallstor für Radikalisierungsprozesse sein können“, sagt die Psychologin. Gleichzeitig sehe sie in ihrer Arbeit, dass Kriegsängste gezielt befeuert würden, beispielsweise durch Russland. In ihrer Analyse berichten Lamberty und ihre Kolleginnen Lea Frühwirth und Julia Smirnova von einer gefälschten Website, die sich als Auftritt der Bundeswehr ausgab. Ende November 2024 wurde darauf eine vermeintliche Wehrpflicht für 2025 angekündigt.
Bevor die Seite als Fälschung entlarvt und vom Netz genommen wurde, verbreitete sie sich in sozialen Netzwerken. Unter denen, die die gefälschte Seite bewusst oder unbewusst teilten, war auch die prorussische Influencerin Alina Lipp. Im Sommer 2025 verbreiteten unter anderem prorussische Accounts unbelegte Behauptungen über einen angeblich bevorstehenden Nato-Angriff auf das russische Gebiet Kaliningrad. Die Aktionen zeigen, wie Kriegsangst ausgenutzt werden kann. Um die Ukrainehilfen zu diskreditieren, wird mit vermeintlicher Kriegsbetroffenheit gedroht. Die Botschaft: „Hört auf, die Ukraine zu unterstützen, sonst kommt der Krieg zu euch“.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Auch deutsche Parteien instrumentalisieren die Verunsicherung in der Bevölkerung. Die Cemas-Umfrage zeigt Unterschiede zwischen den Parteianhängern: Die höchsten Kriegsängste haben Anhänger der Linken, gefolgt von BSW und AfD. Die AfD inszeniere sich als vermeintliche Friedenspartei – trotz ihrer bekannten Beziehungen zu Russland und China. „Sie behauptet, das Problem aufzulösen, vor dem Menschen Angst haben. Das ist Teil ihres Populismus“, erklärt Lamberty.
Gleichzeitig zur hohen Kriegsangst ist die Verteidigungsbereitschaft laut der Cemas-Umfrageergebnisse in Deutschland gering. Nur 20 Prozent der Befragten würden ihr Land militärisch verteidigen und nur neun Prozent haben darüber nachgedacht, sich bei der Bundeswehr zu melden. Aktuelle Zahlen des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) zeichnen ein anderes Bild: Demnach liegt die persönliche Verteidigungsbereitschaft bei Männern bei 54 Prozent, bei den Frauen sind es 21 Prozent.
Kriegsangst gefährdet die Demokratie: Was die Politik aus der Cemas-Analyse ableiten muss
Was kann die Politik tun, um die Gefahr für die Demokratie einzudämmen, die von Kriegsangst ausgeht? „Das Thema Krieg muss besprechbar werden – in seiner ganzen Komplexität. Es geht nicht nur um Waffenlieferungen, sondern darum, wie Frieden erarbeitet werden kann“, fordert Lamberty. Es brauche mehr Informationen, mehr Unterstützung und weniger Angst, mit dem Thema Wählerstimmen zu verlieren. Auch praktische Dinge wie Erste-Hilfe-Kurse mit Inhalten zu Katastrophenschutz könnten helfen, den Menschen wieder Stabilität zu geben.