VonUlrike Hagenschließen
Bundesweit sind Kinderkliniken „am Limit“. Notfallmediziner sprechen von einer „katastrophalen Lage“. Karl Lauterbach kündigt Soforthilfe an.
Hannover/Berlin – Seit November wütet eine Welle von Atemwegserkrankungen in Deutschland – das Erreger-Dreigespann Corona, RSV und Grippe hat Deutschland im Griff, Experten warnen vor einer Eskalation der Situation. Besonders betroffen sind Babys und Kleinstkinder – vor allem vom RS-Virus, wegen dem in Frankreich bereits der Notfallplan ausgerufen wurde. Bundesweit gibt es inzwischen kaum noch freie Betten in den Kinderkliniken. Die Lage sei „katastrophal“, warnen Notfallmediziner. Gestern Abend kündigte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) endlich schnelle Hilfen an.
„Katastrophale Situation“ wegen RSV in Deutschland und Niedersachsen: Nicht mal ein Intensivbett pro Standort verfügbar
Vorangegangen hatte Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) die Welle von Atemwegsinfekten bei Kindern gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung als „ausgesprochen ernste Lage“ bezeichnet. Nach Umfragen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hatten vergangene Woche von 110 Kinderkliniken 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei.
RS-Virus wütet: Kein Bett frei – Krankes Kind wird von Hannover nach Magdeburg verlegt
Bundesweit gab es nur noch 83 freie Betten auf Kinderintensivstationen in ganz Deutschland – 0,75 pro Klinik, also weniger als eines pro Standort – deutsche Kinderkliniken sind ob der Welle von Atemwegsinfekten am Limit, es seien „katastrophale“ Zustände, so der Intensivmediziner-Verband. „Das führt dazu, dass wir kranke Kinder mit dem Rettungswagen über 100, 150 Kilometer weit transportieren müssen“, beschreibt Intensivmediziner und DIVI-Präsidiumsmitglied Florian Hoffmann den Ernst der Lage. Aus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde in der Nacht zu Freitag ein Kind nach Magdeburg verlegt: Entfernung rund 150 Kilometer.
Lauterbach über Infektionslage in Deutschland: „Sind absehbar noch nicht am Ende der Welle“
Und der Peak ist noch nicht einmal erreicht: „Wir sind absehbarer Weise noch nicht am Ende dieser Welle, die im Wesentlichen durch das RS-Virus verursacht wird“, erklärte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach am Donnerstag. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet weiter steigende Zahlen akuter Atemwegserkrankungen. Sieben Millionen Deutsche sind inzwischen erkrankt, weit mehr als vor der Pandemie zu dieser Jahreszeit üblich.
Nach dem Wochenbericht der KW 46 des Instituts explodiert vor allem der Anteil der Infektionen mit Influenzaviren (29 %) und den für Babys oft zur gefährlichen Bronchiolitis führenden RS-Viren (24 %). Das Niedersächsische Landesgesundheitsamt meldete, dass inzwischen in jeder dritten Probe (33 Prozent) RS-Viren nachgewiesen wurden. Eine Woche zuvor waren es noch 28 Prozent der Proben.
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV)
Das RSV ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege in jedem Lebensalter und einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern. In Saisonalität und Symptomatik ähneln RSV-Infektionen der Influenza.
Vor allem Säuglinge unter vier Monaten und Kinder mit chronischen Erkrankungen trifft es oft schwer. RSV kann zu einer Bronchiolitis führen, einer Entzündung der kleinen und kleinsten Atemwege. Neben Schleimhautschwellungen bildet sich Schleim, der das Atmen, vor allem das Ausatmen erschwert. Auch die Lunge kann betroffen sein.
Ihre Verbreitung in der Allgemeinbevölkerung wurde lange Zeit unterbewertet. Nach aktuellen Schätzungen kommen RSV-Atemwegserkrankungen jedoch weltweit mit einer Inzidenz von 48,5 Fällen und 5,6 schweren Fällen pro 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr vor.
Oberarzt über Intensivbetten-Notstand: „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“
„Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, erklärt Oberarzt und Kinderintensivmediziner Michael Sasse von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Lage sei ohnehin schon schwierig, doch explodierenden Zahlen der RSV-Fälle habe die Situation noch einmal verschlimmert. „Jetzt werden drei Jahrgänge von Kindern diese Infekte durchmachen, weil sie ohne Mundschutz durch die Gegend rennen“, sagte Sasse mit Blick auf die aufgehobenen Corona-Beschränkungen der dpa. Kliniken seien in „totaler Weise“ überfordert.
RS-Virus verbreitet sich stark – das sind die Symptome:
- Schnupfen
- Müdigkeit
- Verweigerung der Flüssigkeitsaufnahme
- Trockener Husten
- Halsschmerzen
- Fieber
- Schnelle Atmung, häufig rasselnd
- Giemende/knisternde Geräusche beim Ausatmen
Lauterbach verspricht schnelle Hilfen: Personalverlegung und mehr Geld für Kinderkliniken
Gestern Abend nun schaffte es die brenzlige Situation als Aufmachermeldung in die Tagesschau. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) reagierte auf die „besorgniserregenden“ Nachrichten von vollen Intensivstationen und fehlendem Personal. Er rief Eltern dazu auf, Vorsorgeuntersuchungen ihrer Kinder zu verschieben und kündigte schnelle Hilfen für die Stationen an: „Wir wollen dafür sorgen, und ich rufe auch die Krankenhäuser dazu auf, das Personal aus den regulären Erwachsenenstationen in die Kinderstationen zu verlegen.“
Dafür werde die Regelung ausgesetzt, dass Krankenkassen Personaluntergrenzen in Krankenhäusern überprüfen. Auch werde die telefonische Krankmeldung wieder eingeführt, damit Eltern unbürokratisch ihre Kinder im Haus versorgen können.
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Nach den Gesetzesplänen der Bundesregierung soll es außerdem für Kinderkliniken in Deutschland in den Jahren 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro mehr geben. Höchste Zeit. In Deutschland sorgte schon im vergangenen Jahr eine Infektionswelle durch RS-Viren, die verstärkt Kinder befallen, für große Sorge bei Kindermedizinern. „Wir steuern seit Jahren schon auf die Situation zu, dass nichts mehr geht“, so DIVI-Pressesprecher Torben Brinkema gegenüber kreiszeitung.de.
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