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Das U-Boot „Titan“ von OceansGate ist implodiert, alle Insassen sind tot. Der CEO und Missionsteilnehmer war schon lange vorher mit Sicherheitsbedenken konfrontiert.
München – Noch immer rätseln Experten um das U-Boot-Unglück am Wrack der Titanic und wie es zu der verheerenden Implosion gekommen sein könnte. Wie Berichte der britischen BBC nun zeigen, sei der ehemalige OceansGate-CEO und „Titan“-Insasse, Stockston Rush, bereits lange vor dem Unfall mit Sicherheitsbedenken über das U-Boot konfrontiert gewesen. War das Unglück vermeidbar?
| Unternehmen | OceanGate |
| Sitz | Everett, Washington, USA |
| Gründung | 2009 |
| Gründer | Stockton Rush |
Experte fordert CEO bereits 2018 auf, Betrieb des U-Bootes „Titan“ einzustellen
Der Tiefseeerkundungs-Experte Rob McCallum erklärte gegenüber der BBC, dass er bereits 2018 in E-Mail-Kontakt mit dem CEO Stockton Rush gestanden habe, dessen Firma Betreiber der verunglückten Titanic-Mission war. Bereits im März 2018 habe McCallum die Firma dazu aufgefordert, den Betrieb der „Titan“ sofort einzustellen.
Vorher sollte das Unternehmen laut dem Experten das Tauchboot von einer unabhängigen Institution prüfen lassen, ob es für derartige Missionen geeinigt sei. McCallum erklärte, dass die „Titan“ „das einzige Tauchboot auf der Welt war, das kommerzielle Arbeiten ausführte und nicht klassifiziert war. Es wurde nicht von einer unabhängigen Agentur zertifiziert.“
U-Boot-Branche versuchte Betrieb von „Titan“ zu verhindern
Zuvor hätte es immer wieder Versuche aus der Branche gegeben, den Betrieb der „Titan“ einzustellen, aus Sorge vor einem Unglück. Vertreter der Branche hätten befürchtet, dass ein Unfall das Ansehen der gesamten Branche stark gefährden könnte.
Gründe für die Versuche, den Betrieb zu stoppen, seien laut McCallum zum einen die fehlende Zertifizierung und „einer ist, dass Kohlefaser kein akzeptables Material ist“, aus dem das U-Boot gebaut sei. Der Experte erklärte in einer E-Mail an Rush wörtlich: „Solange ein U-Boot nicht klassifiziert, getestet und bewährt ist, sollte es nicht für kommerzielle Tieftaucheinsätze verwendet werden“.
Branchenvertreter warnten bereits vor „Titan“-Unglück vor „katastrophalen“ Problemen
Weiter führte Rush in dem E-Mailverkehr mit dem OceanGate-CEO aus: „Ich flehe Sie an, bei Ihren Tests und Probefahrten größte Sorgfalt walten zu lassen und sehr, sehr konservativ zu sein. So sehr ich Unternehmertum und Innovation schätze, Sie gefährden möglicherweise eine ganze Branche.“ McCallum gehörte zu den mehr als drei Dutzend Branchenführern und Experten, die 2018 einen Brief an Rush unterzeichneten, in dem davor gewarnt wurde, dass der Ansatz von OceanGate zu „katastrophalen“ Problemen führen könnte.
„Empfinde das als schwere persönliche Beleidigung“: „Titan“-CEO schmetterte Sicherheitsbedenken ab
Doch Rush, der entschlossen noch einen Freund und dessen Sohn als Gast auf die „Titan“ locken wollte, beharrte auf seinen Plan und habe die Kritik von sich abprallen lassen. Im E-Mailverkehr mit McCallum erklärte der CEO demnach, dass er „die Branchenakteure satthabe, die versuchen, Innovation mit einem Sicherheitsargument zu stoppen“. Außerdem habe er dem Experten geschrieben: „Wir haben viel zu oft den unbegründeten Aufschrei ‚Du wirst jemanden töten‘ gehört. Ich empfinde das als schwere persönliche Beleidigung.“
„Bin qualifiziert, um die Risiken zu verstehen“: OceanGate-CEO verteidigte „Titan“-Mission
Rush witterte demnach stattdessen eine Verschwörung gegen seine Innovation. Er schrieb dem Experten, „Branchenakteure“ versuchten, „neue Marktteilnehmer daran zu hindern, in ihren kleinen bestehenden Markt einzudringen“. Der Sicherheit seines U-Bootes sei er sich demnach sicher gewesen und schrieb: „Ich bin gut qualifiziert, um die Risiken und Probleme zu verstehen, die mit der Unterwassererkundung in einem neuen Fahrzeug verbunden sind“.
Das Unternehmen und sein Gründer Rush waren bereits in Vergangenheit durch unkonventionelle Arbeitsweisen aufgefallen. So erklärte bereits ein ehemaliger deutscher Insasse der „Titan“, dass das U-Boot ein Himmelsfahrtkommando gewesen wäre. Auch der Titanic-Film-Regisseur James Cameron erklärte, dass er bereits vor dem U-Boot-Unfall eine böse Vorahnung gehabt habe. Auf Social Media kursierten zudem Videos, die zeigten, dass die Titan mithilfe eines Playstations-Controllers gesteuert und Befestigungen am Boot teilweise mit Kabelbinder festgemacht wurde.
Unternehmen warb 2019 mit U-Boot „außerhalb des akzeptieren System“
In einem Blogbeitrag aus dem Jahr 2019 sagte das Unternehmen zudem, dass die Art und Weise, wie das Boot entworfen wurde, „außerhalb des akzeptierten Systems“ liege – aber das „bedeutet nicht, dass OceanGate die Standards dort, wo sie gelten, nicht erfüllt.“ „Stockton hielt sich für eine Art eigenwilligen Unternehmer“, so McCallum. „Er liebte es, über den Tellerrand hinauszuschauen, ließ sich nicht gern in Regeln einzwängen. Aber es gibt Regeln – und dann gibt es solide technische Prinzipien und die Gesetze der Physik.“
Jedoch hätte niemand in diesem U-Boot reisen sollen, das nun fünf Tote – inklusive des CEO selbst – gefordert hatte, so McCallum. „Wenn man sich von soliden technischen Prinzipien fernhält, die alle auf hart erkämpfter Erfahrung basieren, muss man einen Preis zahlen, und es ist ein schrecklicher Preis“, sagte er. „Deshalb sollte es nie wieder passieren dürfen. Diesmal hätte es nicht passieren dürfen.“ Der Kontakt zwischen dem Experten und dem CEO habe geendet, als das Unternehmen mit Anwälten gedroht habe, wie McCallum erklärt.
