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Der Ausbau der Stromnetze in Deutschland wird immer teuer. Die Energiebranche rechnet mit Milliardenkosten. Mitverantwortlich ist die bayerische Politik.
München – Die deutsche Energiebranche hat 2023 einige Erfolge eingefahren. Erstmals konnte klimaneutral erzeugter Strom im vergangenen Jahr über 50 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland abdecken. Doch für die Energiewende in Deutschland gibt es auch schlechte Nachrichten: Wegen vieler Verzögerungen wird sie für die Bürger teurer als nötig. Mit dafür verantwortlich ist die bayerische Politik der letzten Jahre.
Stromtrassen nach Bayern erst 2028 fertig: Zusätzliche Milliardenkosten für Energiebranche
Die Stabilisierung des deutschen Stromnetzes kostet die Energiebranche laut eigenen Angaben in den nächsten Jahren weitere Milliarden. Grund dafür sind demnach die Verzögerungen beim Netzausbau und der gemessen am hohen Bedarf unzureichende Ausbau der erneuerbaren Energien im Süden. Diese Faktoren machen nach Einschätzung von Verbänden, Unternehmen und Ökonomen auch in den nächsten Jahren ein aufwendiges „Netzengpassmanagement“ notwendig.
Das Engpassmanagement ist erforderlich, weil im Norden mehr Ökostrom produziert als verbraucht wird. Der Süden hingegen hat eine größere Nachfrage, als er selbst abdecken kann. Daher muss mehr Strom von Nord nach Süd transportiert werden. Weil der Bau der Hochspannungstrassen „Südlink“ und „Südostlink“ nach Bayern sich um Jahre verzögert, reicht die Leitungskapazität häufig nicht.
Verlegung von Erdkabeln doppelt so teuer wie Freileitungsbau – Aiwanger prominenter Trassengegner
Nach ursprünglicher Planung hätten die zwei großen Gleichstromtrassen (HGÜ) schon 2022 fertiggestellt werden sollen. Der frühere Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) beharrte auf der Verlegung als Erdkabel, was die Fertigstellung bis 2027/28 verzögern wird. Ein prominenter Trassengegner war Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, der mittlerweile sogar eine dritte Leitung fordert.
Was bedeutet Redispatch? Bundesnetzagentur klärt auf
Unter Redispatch versteht man laut Bundesnetzagentur Eingriffe in die Erzeugungsleistung von Kraftwerken, um Leitungsabschnitte vor einer Überlastung zu schützen. Droht an einer bestimmten Stelle im Netz ein Engpass, werden Kraftwerke diesseits des Engpasses angewiesen, ihre Einspeisung zu drosseln, während Anlagen jenseits des Engpasses ihre Einspeiseleistung erhöhen müssen. Auf diese Weise wird ein Lastfluss erzeugt, der dem Engpass entgegenwirkt.
(Quelle: Bundesnetzagentur)
Die Verlegung von Erdkabeln dauert nicht nur Jahre länger, sondern ist auch etwa doppelt so teuer wie der Freileitungsbau. Die Engpasskosten fließen in die bundesweit einheitlichen Übertragungsnetzentgelte ein, auch der Börsenstrompreis ist ein bundesweiter. „Den tatsächlichen Kosten entsprechende Marktpreise wären im Norden niedriger und im Süden höher, in Bayern und Baden-Württemberg sehr hoch“, sagt Ökonom Mathias Mier am Münchner Ifo-Institut der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Der Redispatch ist in dem Sinne ein umgekehrter Länderfinanzausgleich, von dem die Unternehmen in Süddeutschland sehr stark profitieren.“
Stromversorgung: Ganz Deutschland wird an höheren Kosten im Süden beteiligt
Bei der Stromversorgung wird also ganz Deutschland an den höheren Kosten im Süden beteiligt, inklusive der politisch verursachten. „Das zahlen vor allem die Privathaushalte“, sagt der Münchner Energiefachmann. „Auch wenn die Stromtrassen eines Tages fertiggestellt sind, wird das das Problem nicht lösen.“
Es gäbe eigentlich nur eine langfristige Lösung, meint der Wissenschaftler. „Und das wäre die Aufteilung Deutschlands in zwei oder mehr Strompreiszonen.“ Norddeutschland hätte dann einen Wettbewerbsvorteil bezüglich Strompreisen. Politik und Wirtschaft im Süden lehnen eine Aufteilung in zwei Zonen ab. Bayerns Staatsregierung hat mittlerweile umgeschwenkt und unterstützt sowohl den Trassenbau als auch Windräder.
Windräder im Norden werden „abgeregelt“
Durch das Engpassmanagement werden Ökostromanlagen – darunter viele Windräder im Norden – „abgeregelt“. Im Süden hingegen müssen konventionelle Kraftwerke hochfahren, die viel teureren Strom produzieren. „Es ist nicht immer möglich, den Strom von den Erzeugungsanlagen zu den Verbrauchern zu transportieren“, formuliert ein Sprecher der Bundesnetzagentur diplomatisch.
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So haben die für die Energiewende wichtigen Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee im vergangenen Jahr wegen Engpässen im Netz an Land weniger Strom geliefert als im Jahr zuvor. Insgesamt seien 19,24 Terawattstunden (TWh) Windenergie an Land übertragen worden, teilte Tennet mit. Das seien rund neun Prozent weniger als 2022. Rein rechnerisch könnte mit den 19,24 TWh der Jahresbedarf von rund sechs Millionen Haushalten gedeckt werden. Die gesamte Windstromerzeugung an Land und auf See in Deutschland bezifferte Tennet 2023 auf 148,97 TWh - 26,18 TWh mehr als im Jahr zuvor.
Engpassmanagement kostet Bundesnetzagentur viele Milliarden
Das Engpassmanagement kostet viel Geld: Im ersten Halbjahr 2023 waren es laut Bundesnetzagentur über 1,6 Milliarden Euro, im Gesamtjahr 2022 4,2 Milliarden, in Teilen bedingt durch den Anstieg der Gaspreise. In den Kosten des Engpassmanagements enthalten ist die Vergütung für ungenutzten Ökostrom, der quasi für die Mülltonne erzeugt wird. Im Jahr 2022 zahlten die vier Übertragungsnetzbetreiber allein hierfür 900 Millionen Euro, 2021 waren es laut Bundesnetzagentur 800 Millionen. Zahlen zu den Kosten des Engpassmanagements für das ganze Jahr 2023 gibt es noch nicht.
Laut Netzbetreiber Tennet konnte es noch bis zu zehn Jahre dauern, die Kosten der Netzeingriffe wieder auf ein Minimum herunterzufahren. Ob die Redispatch-Maßnahmen eventuell sogar weiter ansteigen könnten, ist nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) schwer vorauszusagen. „Kurzfristig ist noch nicht mit einer Entlastung der Redispatch-Kosten zu rechnen“, prophezeite kürzlich Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. (vfi mit Material der dpa)
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