VonAlina Schröderschließen
Der Klimawandel belastet mit Hitze und Unwetter immer mehr Länder. Worauf müssen sich Touristinnen und Touristen einstellen? Ein Experte klärt bei IPPEN.MEDIA auf.
München – Überflutungen, starke Hitze und Verwüstungen durch Orkane: Das Extremwetter nimmt besonders in südeuropäischen Ländern zu – und trifft damit unter anderem beliebte Urlaubsregionen. Besonders in Spanien, Italien oder Teilen von Frankreich wird aufgrund anhaltender Dürre regelmäßig der Notstand ausgerufen.
Doch was bedeuten solche Situationen langfristig für den Tourismus und für künftige Reisepläne? Wenn die Temperaturen aufgrund des Klimawandels weiter steigen und es in Mittelmeerregionen in der Hauptsaison schlichtweg zu heiß wird: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Touristenströme und Urlaubsziele verändern?
Temperaturen steigen, Extremwetter nimmt zu: Studie zeigt mögliche Auswirkungen auf Reisen
Mit solchen Fragen haben sich unter anderem Forschende in einer Studie der Europäischen Kommission beschäftigt. In dieser geht es um die regionalen Auswirkungen des Klimawandels auf den Tourismus in Europa bis zum Jahr 2100. Die Expertinnen und Experten betrachteten dabei zwei mögliche Erwärmungsstufen – eine nach den Zielen des Pariser Abkommens, die Erwärmung um 1,5 bis 2 Grad, – und eine Erwärmung von 3 bis 4 Grad.
Anhand von Daten kommen die Forschenden auf folgende Einschätzung: Bei einem 4-Grad-Szenario werden demnach erhebliche Veränderungen in der Urlaubsnachfrage prognostiziert. „Wir stellen ein klares Nord-Süd-Muster fest, mit einem Anstieg der touristischen Nachfrage in den zentralen und nördlichen Gebieten und einem Rückgang der Nachfrage in den südlichen Gebieten“, heißt es in der Studie.
Der stärkste Rückgang sei besonders im beliebten Reiseziel Griechenland zu erwarten. Nördlichere Länder in Europa wiederum, wie beispielsweise Küstenregionen in Großbritannien, könnten einen starken Anstieg an Touristinnen und Touristen verzeichnen. Deutlich steigen könnte die Nachfrage in nordeuropäischen Ländern besonders im Sommer und den frühen Herbstmonaten. In südeuropäischen Gebieten hingegen ist es möglich, dass die steigenden Temperaturen für einen Rückgang sorgen, da es am Mittelmeer in der Hauptsaison schlichtweg zu heiß werden könnte – insbesondere bei den wärmeren Klimaszenarien.
Tourismus-Experte zu Klimawandel und Extremwetter: „Das kann noch dicker kommen“
Laut Wolfgang Günther, Tourismusforscher und Themenleiter Nachhaltigkeit im Tourismus am Institut für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT), ist solch eine Prognose allerdings mit Unsicherheiten behaftet. „Ich finde es ausgesprochen schwierig, so etwas vorherzusagen“, sagte der Experte im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Die oben genannten Ergebnisse griffen „ein bisschen zu kurz, weil wir mit dem Klimawandel nicht nur direkte Folgen, sondern auch eine Vielzahl indirekter Effekte haben, die zusätzlich Einfluss nehmen dürften.“ Dazu zählen beispielsweise steigende Kosten durch die Umsetzung von klimafreundlichen Maßnahmen in Deutschland, um Klimaziele bis 2050 zu erreichen. Diese würden das frei verfügbare Einkommen von Reisenden schließlich drücken.
In der Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) sei tatsächlich eine gestiegene Preissensibilität zu beobachten. „Die Leute achten schon darauf, wofür sie ihr Geld ausgeben“, so Günther. Aktuell würde beim Reisen zwar eher zuletzt gespart, doch „das kann noch dicker kommen, weil der Klimawandel auf die Wirtschaft wirkt und die Kosten für die Klimaanpassung auch die Volkswirtschaften belasten.“ Vor allem, wenn Mobilitätskosten in Zukunft steigen – etwa für CO₂-neutrale Flüge mit Treibstoff aus erneuerbaren Energien. Mit Blick auf die gemeinschaftlich beschlossenen Reduktionsziele für Treibhausgase sei es schwer vorstellbar, dass Urlaubsflüge in den nächsten zwei Jahrzehnten auf dem aktuellen oder gar einem noch höheren Niveau klimaverträglich möglich sein werden.
Das Reiseverhalten von Urlauberinnen und Urlaubern müsste sich anpassen. „Das heißt, dass die Menschen dann eher mit dem Zug oder dem E-Auto“ fahren würden – was wiederum einen großen Einfluss auf die künftige Reisezielwahl hat, sagte der Tourismusforscher.
Hitze, Wassermangel und Unwetter in Südeuropa: Was bedeutet das für den Tourismus in Deutschland?
Wenn es im Süden immer heißer und das Reisen ohnehin immer teurer wird, nimmt der Inlandstourismus in Deutschland bereits jetzt schon zu? Fahren schon jetzt mehr Menschen an die Ostsee, statt ihren Sommer im Süden, wie Mallorca, zu verbringen? Laut Günther ist das aktuell nicht zu beobachten, zumindest nicht aufgrund klimatischer Veränderungen, wie eine Studie des NIT fürs Umweltbundesamt zeigt. „Das heißt aber nicht, dass es nicht in Zukunft solche Reaktionen geben kann“, stellte Günther klar. „Das Reisen wird sich verändern.“
Doch was die Veränderung künftiger Reiseströme betrifft, seien laut des Experten auch folgende Szenarien denkbar: Wenn das Wetter der treibende Faktor ist, „dann könnten die Menschen vor allem ihre Sommerurlaube in den Norden verlegen.“ Möglich wäre zum Beispiel, dass Touristinnen und Touristen den Urlaub im Frühjahr und Herbst am Mittelmeer verbringen und den Sommerurlaub dann in nördlicheren Ländern – dann, wenn es dort ohnehin oft schon ausgebucht ist“, sagte Günther. Gewisse Länder könnten sich in der Hauptsaison und Nebensaison verschieben.
Extremwetter im Urlaub „noch häufiger“: Wie sich Länder auf die klimatischen Veränderungen vorbereiten können
Was heißt das konkret für Reisen in beliebte Urlaubsländer? Eins steht fest: „Wir haben den Temperaturanstieg, es gibt mehr Extremwetterereignisse und die finden zum Teil auch in der Zeit statt, in der Menschen in den jeweiligen Regionen Urlaub machen.“ In Frankreich wird 2023 mit einem fatalen Dürre-Sommer gerechnet und in Spanien gab es bereits im März verheerende Waldbrände. Das Gegenteil ereignete sich Anfang Juni auf Mallorca: Dort kam es zu heftigen Überschwemmungen aufgrund von Starkregen.
Touristinnen und Touristen müssten sich daher darauf einstellen, „dass Extremwetter noch häufiger auftreten“, sagte Günther. Mit Blick auf die kommenden Jahre sei garantiert, dass Extremwettersituationen wie Dürren oder starke Unwetter mit Überflutungen und orkanartigen Böen den Urlaub eher ungemütlich machen können. Um diesen aber auch weiterhin attraktiv zu gestalten, müssten Destinationen in Südeuropa und auch im Norden entsprechende vorausschauende Maßnahmen treffen. „Das ist eine Aufforderung an die Urlaubsregionen, sich auf diese wetterbedingten Veränderungen einzustellen – auch damit sie in der Lage sind, unter den Bedingungen immer noch einen attraktiven Urlaub zu bieten“, betont der Tourismusforscher.
Konkret heißt das beispielsweise: Mehr Schattenplätze, genügend Trinkwasserstellen, Unterstellmöglichkeiten bei Starkregen und extremwettertaugliche Nachrüstungen in Hotelanlagen. Dann habe ein Land oder eine bestimmte Urlaubsregion Günther zufolge auch die Chance, weiterhin ein attraktives Reiseziel zu bleiben. Solche Anpassungsmaßnahmen seien zwingend notwendig, „damit das Urlauben den Touristinnen und Touristen auch in Zukunft noch Freude bringen kann.“ (asc)
Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa

