Tragödie auf dem Weg zur Titanic

Mutter und Ehefrau von „Titan“-Passagieren enthüllt: So liefen die letzten Momente im Unglücks-U-Boot ab

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Fünf Menschenleben kostet das Unglück des Tiefsee-U-Bootes „Titan“ im Atlantik. Die Frau des verstorbenen Milliardärs Shahzada Dawood äußert sich jetzt zur Tragödie.

München/London/Neufundland – Immer mehr Details zum tragischen Unglück des privaten Tiefsee-U-Bootes „Titan“ unweit des Wracks der „Titanic“ vor der nordamerikanischen Küste bei Neufundland (Kanada) werden bekannt.

Unglück der „Titan“: Pakistanischer Milliardär Shahzada Dawood und Sohn Suleman unter den Todesopfern

So berichtet etwa das US-Medium The New Yorker Anfang Juli, dass die Finanzdirektorin von OceanGate gekündigt haben soll, als CEO Stockton Rush sie gebeten habe, Chefpilotin des Unterwasser-Gefährts zu werden. Zuvor habe das Unternehmen angeblich den eigentlichen Piloten David Lochridge gefeuert, weil dieser Sicherheitsbedenken geäußert haben soll. Es klingt absurd. Umso tragischer ist das Geschehene.

Konkret: Während der riskanten Unterwasser-Fahrt zum geschichtsträchtigen Wrack der „Titanic“, die am 2. April 1912 gesunken war, war das Tiefsee-U-Boot Rushs am 18. Juni 2023 aus noch ungeklärter Ursache implodiert. Alle fünf Insassen wurden dabei in Millisekunden getötet, neben dem Milliardär selbst, der 61 Jahre alt wurde, starben bei dem Unglück der französische „Titanic“-Experte Paul-Henri Nargeolet (77 Jahre), der britische Milliardär und Abenteurer Hamish Harding (58) sowie der britisch-pakistanische Milliardär Shahzada Dawood (48) und dessen Sohn Suleman (19).

Überreste des implodierten Tauch-U-Bootes: Trümmer der „Titan“ wurden Ende Juni unweit des Wracks der „Titanic“ geborgen.

Rush, der letztlich wohl selbst der Pilot der Unterwasser-Kapsel war, und die weiteren Passagiere hatten den Tauchgang am 18. Juni um 8 Uhr morgens gestartet. Eine Stunde und 45 Minuten später war der Kontakt zum Mutterschiff abgebrochen. Schon zu diesem Zeitpunkt soll die US-Marine das Geräusch einer Implosion registriert haben. Die Deutsche Christine Dawood, 46-jährige Ehefrau des verstorbenen Unternehmers aus London, schilderte nun der New York Times (NYT) von den letzten Momenten ihres Mannes und ihres Sohnes. Gemeinsam mit ihrer 17-jährigen Tochter war sie vor Ort an Bord des Trägerschiffs „Polar Prince“, als das Unglück seinen Lauf nahm.

„Titan“-Unglück im Atlantik: Ehefrau von Shahzada Dawood schildert letzte Momente

Ihren Angaben zufolge hätten die Insassen das Licht abgedreht und in völliger Dunkelheit Musik gehört, um Strom zu sparen, zitiert das Nachrichtenportal oe24.at aus ihrem Interview mit den NYT. Aus dem kleinen Fenster der Kapsel hätten die Passagiere biolumineszierende Tiefsee-Kreaturen (Lebewesen, die in extremen Tiefen selbst Licht erzeugen, d. Red.) beobachten können, wird sie weiter zitiert. Dann sei der Kontakt abgebrochen und das bange Warten begann, was sich in den Tiefen des Atlantischen Ozeans zugetragen hat.

Oceangate-CEO Rush sei mit seiner Frau Wendy im Februar 2023 eigens nach London gereist, um die Familie von einer Teilnahme an der Reise zur „Titanic“ zu überzeugen, erzählte sie demnach weiter. Er habe geglaubt, eine Reise mit der „Titan“ in die Tiefen des Atlantiks sei sicherer „als die Straße zu überqueren“, berichtete Christine der NYT. In einem Interview mit dem britischen Sender BBC hatte sie zuvor erzählt, dass sie ihrem Sohn den Platz an Bord überlassen hatte. „Ich wusste, dass Suleman so gerne hin wollte“, sagte sie.

Vor dem Tauchgang hätten sich alle umarmt und noch Witze gerissen, schilderte sie: „Beide waren sehr aufgeregt. Suleman hatte sogar noch vor zwei Jahren eine Titanic aus Lego mit zehntausend Teilen gebaut. Ich habe mich wirklich für die Beiden gefreut, sie wollten das schon sehr lange tun.“ Trotz der damit verbundenen Risiken, die mit jedem Bericht zur Tragödie offensichtlicher werden. „Titan“-Chef und OceanGate-CEO Rush soll Sicherheitsbedenken jedoch als „unbegründeten Aufschrei“ abgetan haben.

„Titan“ unweit der „Titanic“ implodiert: Leiter der Bergungsmission wird emotional

Die Trauer ist vielerorts greifbar. Edward Cassano, Leiter der Bergungsmission von „Pelagic Research Services“, hatten bei der jüngsten Pressekonferenz zum Unglück die Emotionen überkommen. „Während der gesamten Entwicklungen der Geschehnisse hatten wir den gleichen grundlegenden Fokus“, erklärte er: „Trotz der Dringlichkeit der Rettung waren wir immer um die Sicherheit aller Einsatzkräfte bemüht. Wir waren darauf vorbereitet, vor Ort einzutreffen und die Menschen an Bord zu retten.“

An Bord der „Titan“ ums Leben gekommen: der britisch-pakistanische Unternehmensberater Shahzada Dawood und sein Sohn Suleman.

Er glaubte demnach noch an eine Rettung, obwohl es keinen Kontakt mehr gab und davon auszugehen war, dass nicht mehr ausreichend Sauerstoff an Bord der „Titan“ ist. Die Implosion als Unglücksursache wurde erst später bekannt. „Das, was wir uns gewünscht hätten, war natürlich, die ‚Titan‘ auf dem Meeresgrund zu finden. Das Schiff wäre intakt gewesen und die Crew am Leben“, erklärte Cassano: „Der Roboter hätte die ‚Titan‘ dann mit seinem Arm packen und nach oben ziehen können.“ Die Hoffnung auf Rettung der Insassen erwies sich jedoch als vergeblich – am 22. Juni wurden stattdessen Trümmer geborgen, samt mutmaßlich sterblichen Überresten der getöteten Passagiere.

„Titan“ implodiert: Shahzada Dawood soll für sich und Sohn jeweils 229.000 US-Dollar gezahlt haben

Laut BBC soll Unternehmensberater Dawood für sich und seinen Sohn jeweils 229.000 US-Dollar für den Tauchgang gezahlt haben, für den eigentlich acht Stunden veranschlagt waren. Der Grund für die Implosion ist weiterhin nicht hinreichend geklärt. Jasper Graham-Jones, Professor für Maschinenbau und Meerestechnik an der Uni Plymouth, geht in einer Analyse für den Insider davon aus, dass die Kohlefaserhülle der „Titan“ dem Druck bei über 3000 Metern Tiefe nicht standgehalten habe - und das U-Boot deshalb implodiert ist. (pm)

Rubriklistenbild: © HANDOUT / DAWOOD HERCULES CORPORATION / AFP

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