Nach Gletschersturz

„See hinter Geröllmassen wird immer höher“: Jetzt drohen zwei Szenarien nach Gletschersturz in der Schweiz

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Ein Gletscherabbruch ereignete sich im Schweizer Kanton Wallis – mit verheerenden Auswirkungen.
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Die Bewohner des Schweizer Lötschentals blicken nach dem Gletschersturz fassungslos auf eine meterhohe Fels- und Eiswüste. Dahinter droht die nächste Katastrophe.

Blatten – Ein Gletscherabbruch im Lötschental im Schweizer Kanton Wallis begräbt fast das gesamte Dorf Blatten unter sich. Die rund 300 Einwohner haben alles verloren. „In Sekunden war die ganze Heimat kaputt“, berichtete ein Anwohner. Nach Schätzungen donnerten drei Millionen Kubikmeter Fels, Geröll und Eis des Birchgletschers ins Tal. Und die Gefahr ist nicht vorbei: Eine weitere Katastrophe droht.

Nach Gletscherabbruch: Wassermassen stauen sich – Szenario eins ist eine Flutwelle

Ein meterhoher Damm aus Geröll, Fels und Eis verhindert den Abfluss des Flüsschens Lonza. Dahinter stauen sich bereits immense Wassermassen. „Der See hinter den Geröllmassen wird immer höher. Und die Wassermassen drücken auf den Damm. Damit steigt der Druck“, erklärte Christoph Hegg der Schweizer Zeitung Blick. Er ist Geomorphologe von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Ganzes Dorf unter Erdmassen – Bilder zeigen dramatisches Ausmaß des Gletschersturzes in der Schweiz

Gletscherabbruch im Wallis: Monumentale Lawine aus Eis und Geröll donnerte mit ohrenbetäubendem Lärm talwärts.
Am 28. Mai um 15.30 Uhr stürzt der Großteil des Birchgletschers in der Schweiz ab. Eine monumentale Lawine aus Eis und Geröll donnerte mit ohrenbetäubendem Lärm talwärts.  © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletscherabbruch im Wallis: Lawinen flossen bis zum Schutzdamm des angrenzenden Dorfes Blatten.
Mehrere Lawinen gingen vom Birchgletscher im Lötschental ab. Trümmer der Lawinen flossen bis zum Schutzdamm des angrenzenden Dorfes Blatten. © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletschersturz in der Schweiz: Behörden lassen Dorf bereits Tage zuvor evakuieren.
Der Gletschersturz wurde bereits vorhergesagt, die Behörden haben deshalb das angrenzende Dorf Blatten bereits am 22. Mai evakuieren lassen.  © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletscherabbruch im Wallis: Lawine rast mit Lärm talwärts.
Die Eis- und Geröllmassen überrollen alles auf ihrem Weg. Bäume werden entwurzelt, Felsen weggerissen, während die Lawine Richtung Blatten rast. © Jean-Christophe Bott/dpa
Lawine in der Schweiz begräbt Häuser unter sich – mittlerweile steht sie.
Die Lawine erreicht das evakuierte Dorf Blatten und begräbt mehrere Häuser unter sich. Mittlerweile ist sie zum Stillstand gekommen.  © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletschersturz in der Schweiz: Eine gigantische Staubwolke hüllte das gesamte Tal ein und verdunkelt den Himmel.
Die Lawine erreicht Geschwindigkeiten von mehreren Metern pro Sekunde. Eine gigantische Staubwolke hüllte das gesamte Tal ein und verdunkelt den Himmel.  © Jean-Christophe /dpa
Gletscherabbruch im Wallis: Das Gewicht des auf den Gletscher gestürzten Materials wurde auf 9 Millionen Tonnen geschätzt.
Das Gewicht des auf den Gletscher gestürzten Materials wurde auf 9 Millionen Tonnen geschätzt. Ein ganzer Landstrich ist von den Lawinen betroffen.  © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletscherabbruch im Wallis: Ursprünglich waren 4 bis 6 Millionen Kubikmeter Felsmasse als absturzgefährdet eingeschätzt worden.
Ursprünglich waren 4 bis 6 Millionen Kubikmeter Felsmasse als absturzgefährdet eingeschätzt worden. © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletscherabbruch im Wallis: Am Tag der Evakurierung waren zwei bis drei Millionen Kubikmeter Felsbrocken vom Kleinen Nesthorn abgebrochen.
Bereits am Tag der Evakurierung waren zwei bis drei Millionen Kubikmeter Felsbrocken vom Kleinen Nesthorn abgebrochen und auf den Birchgletscher gerollt.  © Jean-Christophe Bott / dpa
Gletscherabbruch im Wallis: Die genaue Menge der abgebrochenen Gletschermasse wird derzeit noch von den Behörden erfasst.
Die genaue Menge der abgebrochenen Gletschermasse in der Schweiz wird derzeit noch von den Behörden erfasst. © Jean-Christophe Bott/dpa
Eine Luftaufnahme, die einen Tag nach einer massiven Lawine, die durch den Abbruch des Birchgletschers ausgelöst wurde, aufgenommen wurde, zeigt einen See und die Zerstörung, die sie anrichtete, als sie auf den Talboden beim Dorf Blatten niederging.
Eine Luftaufnahme, die einen Tag nach der massiven Lawine, die durch den Abbruch des Birchgletschers ausgelöst wurde, aufgenommen wurde, zeigt einen See und die Zerstörung, die sie anrichtete, als sie auf den Talboden beim Dorf Blatten niederging.  © Jean-Christophe Bott/dpa
90 Prozent des Alpen-Dorfes wurden bei dem Bergsturz zerstört.
90 Prozent des Alpen-Dorfes wurden bei dem Bergsturz zerstört. © Jean-Christophe Bott/dpa
Die rund 300 Einwohner von Blatten wurden bereits im Vorfeld evakuiert. Dennoch gilt eine Person als vermisst.
Die rund 300 Einwohner von Blatten wurden bereits im Vorfeld evakuiert. Dennoch gilt eine Person als vermisst. Sie soll sich zum Zeitpunkt des Gletschersturzes im betroffenen Gebiet aufgehalten haben. © Jean-Christophe Bott/dpa
Ein Gletscherabbruch ereignete sich im Schweizer Kanton Wallis – mit verheerenden Auswirkungen.
Die gigantischen Geröllmassen haben das Flussbett der Lonza verstopft. Der See, der sich dahinter gebildet hat, dürfte „in den frühen Morgenstunden“ des Freitags (30. Mai) überlaufen, wie Christian Studer von der Dienststelle Naturgefahren im Lötschental sagte.  © Alexandre Agrusti / AFP
Der Pegelstand des entstandenen Sees hinter den Geröllmassen steige ständig, wie die Behörden am Donnerstag mitteilten. Die meisten der wenigen übriggebliebenen Gebäude im Dorf Blatten stünden bereits im Wasser.
Der Pegelstand des entstandenen Sees hinter den Geröllmassen steige ständig, wie die Behörden am Donnerstag mitteilten. Die meisten der wenigen übriggebliebenen Gebäude im Dorf Blatten stünden bereits im Wasser. © Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa
Die Anwohner in der Schweiz bringen ihre Tiere in Sicherheit.
Die Anwohner in der Schweiz bringen ihre Tiere in Sicherheit. © Jean-Christophe Bott/dpa
Schafe werden von den Nachbargemeinden mit einem Hubschrauber abtransportiert.
Schafe werden von den Nachbargemeinden mit einem Hubschrauber abtransportiert. © Jean-Christophe Bott/dpa
Auch Soldaten der Schweizer Armee sind am Unglücksort in den Schweizer Alpen eingetroffen.
Auch Soldaten der Schweizer Armee sind am Unglücksort in den Schweizer Alpen eingetroffen. © Jean-Christophe Bott/dpa
Sogar Autos werden von Helikopter aus dem verschütteten Dorf Blatten transportiert.
Sogar Autos werden von Helikopter aus dem verschütteten Dorf Blatten transportiert. © Jean-Christophe Bott/dpa
Ein großer Teil des Dorfes Blatten im Lötschental im Kanton Wallis wurde unter Massen von Eis, Schlamm und Felsen begraben. Die Bewohner stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.
Ein großer Teil des Dorfes Blatten im Lötschental im Kanton Wallis wurde unter Massen von Eis, Schlamm und Felsen begraben. Die Bewohner stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. © Jean-Christophe Bott/dpa
Derweil droht bereits die nächste Katastrophe. Im Fluss Lonza hat sich der Schutt zu einem meterhohen Damm aufgetürmt. Dahinter staut sich das Wasser. Sollte dieser brechen, droht eine Flutwelle.
Derweil droht bereits die nächste Katastrophe. Im Fluss Lonza hat sich der Schutt zu einem meterhohen Damm aufgetürmt. Dahinter staut sich das Wasser. Sollte dieser brechen, droht eine Flutwelle. © Jean-Christophe Bott/dpa

Wenn das Wasser durchbricht, droht weiter unten im Tal eine Flutwelle oder ein Murgang, also eine Gerölllawine, wenn das Wasser dann Teile des Damms ins Tal reißt. Das sei „der schlimmste Fall“, so der Experte, der der Zeitung insgesamt zwei Szenarien schilderte. Die Meinung teilt auch Geologe Flavio Anselmetti von der Universität Bern. „Das Schlimmste wäre, dass sich Wasser aufstaut bis zur Krone des Bergsturzdammes“, sagte er dem Schweizer Radiosender SRF. Der Fluss könne sich dann in das Gestein-Eis-Gemisch einschneiden, der Damm instabil werden und brechen. „Dann könnten sehr starke Flutwellen oder Murgänge von diesem Seeausbruch für die Gemeinden, die im unteren Tal liegen, drohen.“ 

Nach gigantischem Gletschersturz: Damm aus Geröll, Eis und Fels – Auch bei Szenario zwei ist Vorsicht geboten

Das zweite Szenario, das Hegg Blick schilderte, scheint im Vergleich weniger gefährlich: Der Damm würde nicht brechen, das Wasser langsam darüber hinausfließen. Er mahnte, dass auch dabei Vorsicht angesagt sei.

Die Armee ist bereits mobilisiert. Mit Drohnen und Hubschrauberüberflügen wird die Lage stündlich beurteilt. Räumtrupps und Armee können zurzeit nichts tun, wie der Kanton Wallis mitteilte. Die Lage sei zu gefährlich. Am Berg Kleines Nesthorn drohten weitere Hunderttausende Kubikmeter Fels abzustürzen. Jederzeit könnten sich Gerölllawinen lösen, und auch der Schuttkegel sei zu instabil und könne nicht betreten werden. „Dies macht zum jetzigen Zeitpunkt jegliche Intervention im Katastrophengebiet unmöglich“, so der Kanton. (mbr/dpa)

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