Tunesien ist ein nordafrikanisches Land, das zu den fortschrittlichsten Ländern des afrikanischen Kontinents zählt. Seit dem „Arabischen Frühling“ im Jahr 2011 hat sich viel getan. Doch die Demokratie steht inzwischen wieder auf wackligen Füßen.
- Tunesien war bis ins 20. Jahrhundert hinein französisches Protektorat.
- Das Land wurde 1956 in die Unabhängigkeit entlassen.
- Der Islam ist Staatsreligion.
Tunis – Mit einer Gesamtfläche von 163.610 Quadratkilometern ist Tunesien etwa halb so groß wie Deutschland und gilt auch als das kleinste Land in Nordafrika. Der Staat blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück. Zuletzt sorgte die Jasminrevolution 2010/2011 für einen politischen Wandel in der Republik. Die Demokratie des Landes gilt aber immer noch als unvollständig. Dennoch zieht das Land mit seiner märchenhaften Landschaft und Architektur jährlich zahlreiche Besucher in seinen Bann.
Tunesien: Frühgeschichte, Karthago und Arabisierung
Funde belegen, dass auf dem Gebiet des heutigen Tunesiens schon in der Altsteinzeit Jäger und Sammler lebten. In der Jungsteinzeit wanderten schließlich die Berber in das Land ein und es kam zu ersten Kontakten mit den Phöniziern, die hier später das Karthagische Reich gründeten. Dieses entwickelte sich innerhalb von 150 Jahren zur größten See- und Handelsmacht am Mittelmeer. Nach dem dritten Punischen Krieg wurde Karthago schließlich vom Römischen Reich besetzt, zerstört und in die römische Provinz Africa eingegliedert.
In den Folgejahrhunderten wanderten immer mehr Christen ein. Ab dem Jahr 400 begann schließlich eine sukzessive Christianisierung des Landes. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts eroberten schließlich die Araber Karthago. Sie errichteten arabische Dynastien und verfolgten eine Islamisierung des Landes. Die Dynastie der Hafsiden galt im Mittelalter als eine der bedeutendsten Herrscherhäuser in den Maghreb-Staaten.
Ihr Einfluss nahm ab dem 14. Jahrhundert allerdings immer mehr ab und unterlag im 16. Jahrhundert schließlich dem Osmanischen Reich. Erst im 18. Jahrhundert konnte sich Tunesien unter der Dynastie der Husainiden einen hohen Grad an Selbständigkeit erkämpfen.
Tunesien: Französische Kolonie und Unabhängigkeit
Aus den finanziellen Schwierigkeiten Tunesiens im 19. Jahrhundert zog Frankreich ihre Vorteile. Über den Bardo-Vertrag wurde das Land am 12. Mai 1881 schließlich französisches Protektorat. Zwei Jahre später reichten die Befugnisse Frankreichs schon so weit, dass Tunesien schließlich zur französischen Kolonie wurde. Die Wirtschaft des Landes machte von da an deutliche Fortschritte. Auch die Infrastruktur und das Bildungssystem wurden weiter ausgebaut.
Im 20. Jahrhundert regte sich dennoch der Widerstand gegen die französische Besatzung anhand nationaler Strömungen. Führend war vor allem die Destour-Partei. Es kam in den 1930er und 1940er Jahren immer wieder zu blutigen Aufständen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal deutlich verschärften. 1954 wurde dem Land schließlich eine innere Autonomie zugesichert. Nach weiteren Verhandlungen erkannte Frankreich am 20. März 1956 die Unabhängigkeit Tunesiens an.
Tunesien: Diktatur und Jasminrevolution
Tunesien zeigte sich bald schon sehr fortschrittlich gegenüber islamistischen Strömungen. 1959 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt, die Scharia als Rechtssystem abgeschafft und Habib Bourguiba zum ersten Präsidenten des Landes gewählt. Er regierte bis 1987 und wurde schließlich von seinem Ministerpräsidenten Zine el-Abidine Ben Ali abgesetzt. Obwohl Ben Ali weitere Modernisierungen verfolgte, regierte er das Land zunehmend diktatorisch, indem er die Meinungsfreiheit und demokratische Bewegungen unterdrückte.
Ben Alis Regime führte zu großem Unmut in der Bevölkerung. Die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi löste am 17. Dezember 2010 Unruhen in Tunesien aus. Ab Januar 2011 kam es zu heftigen Aufständen, in welchen die Tunesier um Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit kämpften. Der Arabische Frühling hatte in Tunesien begonnen. Ben Ali flüchtete nach 23 Jahren Diktatur aus dem Land und Tunesien erhielt eine neue Verfassung. Der Aufstand der Bevölkerung ging auch als „Jasminrevolution“ in die Geschichte des Landes ein.
Tunesien: Das politische System
Tunesiens neue Verfassung, die 2014 verabschiedet worden war, garantiert Glaubens- und Gewissensfreiheit und behandelt die Gleichstellung von Mann und Frau. Sie verteilt die Macht auf den Präsidenten und dem Premierminister so, dass ein zukünftiges autokratisches Regime verhindert werden soll. Tunesien erhielt 2015 von der Organisation Freedom House als erstes arabisches Land den Staus „frei“.
Allerdings kommt es laut Amnesty International immer noch zu Menschenrechtsverletzungen im Land. 2021 löste Präsident Kais Saied eine Verfassungskrise aus, indem er das Parlament auflöste, vorübergehende Notstandsbefugnisse erteilte und eine neue Regierung einsetzte. Während Saied seine Maßnahmen mit der Bekämpfung der vorherrschenden Wirtschaftskrise begründete, sah die Opposition den Vorgang als Putschversuch an.
Tunesien: Fakten im Überblick
- Hauptstadt: Tunis
- Amtssprache: Arabisch
- Fläche: 163.610 Quadratkilometer
- Einwohnerzahl: 11,951 Millionen (Stand 2021)
- Währung: Tunesischer Dinar (TND)
- Verwaltungsgliederung: 24 Gouvernements
- Religion: Islam
Tunesien: Sprachen und Bevölkerung
Aus linguistischer Sicht gilt Tunesien sprachlich als eines der homogensten Maghreb-Länder. Fast die gesamte Bevölkerung spricht Tunesisch-Arabisch. Es ist eigentlich eine Mischung mehrere Dialekte. Dennoch gilt das Schriftarabische als offizielle Amtssprache des Landes. Im Süden des Landes und auf der Insel Djerba werden allerdings noch berberische Dialekte in der Alltagssprache verwendet.
Aufgrund der kolonialen Vorgeschichte war auch Französisch weit verbreitet. Trotz der Versuche, es aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurückzudrängen, ist die Sprache immer noch bei einem Großteil der Bevölkerung im Gebrauch. 2010 sollen noch weit über sechseinhalb Millionen Tunesier die französische Sprache beherrscht haben. Französisch wird in Tunesien auch als ein Zeichen gehobenen Bürgertums wahrgenommen.
Auch wenn sich ein Großteil der Tunesier in ethnischer Hinsicht als Araber versteht, belegen Studien, dass sie genetisch eigentlich mehr den Berbern und Iberern nahestehen. Tunesien hat einen sehr geringen Ausländeranteil. Die Bevölkerung gilt als die „älteste“ Afrikas und besitzt auch die niedrigste Geburtenrate der arabischen Welt. Seit 1970 hat sich die Einwohnerzahl nahezu verdoppelt. Allerdings verlangsamt sich das Bevölkerungswachstum wieder. Es zählt mit 71 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den weniger dicht besiedelten Staaten.
Tunesien: Geografie und Städte
Tunesien grenzt im Norden und Osten an das Mittelmeer, wo es eine 1.146 Kilometer lange Küstenlinie besitzt. Im Westen grenzt das Land an Algerien, im Süd-Osten an Libyen. Zum Staatsgebiet gehört noch die vorgelagerte Insel Djerba, die eine Fläche von 514 Quadratkilometern umfasst. Während das Land im Norden Grünflächen aufweist, wird es nach Süden hin trockener. Hier bestimmen zentraltunesische Steppen mit Salzseen und Oasen das Landschaftsbild. Im Nordwesten befinden sich die Ausläufer des Atlasgebirges. Im Südwesten geht die Landschaft an der algerischen Grenze in die Sahara über.
Die Hauptstadt Tunis befindet sich im Norden des Landes. Sie wirkt mit ihren vielen Moscheen und bunten Basaren mit traditionellen Waren vielerorts wie aus einem orientalischen Märchen entsprungen. Daneben prägen aber auch zahlreiche Bürogebäude, Shoppingcenter und moderne Luxusläden das Stadtbild.
Die größten Städte Tunesiens im Überblick
- 1 Tunis: 638.845 Einwohner, Region Tunis
- 2 Sfax: 272.801 Einwohner, Region Sfax
- 3 Sousse: 221.530 Einwohner, Region Sousse
- 4 Ettadhamen: 142.953 Einwohner, Region Ariana
- 5 Kairouan: 139.070 Einwohner, Region Kairouan
- 6 Bizerte: 136.917 Einwohner, Region Bizerte
- 7 Gabès: 130.984 Einwohner, Region Gabès
- 8 La Goulette (Sukrah): 129.693 Einwohner, Region Tunis
- 9 Ariana: 114.486 Einwohner, Region Ariana
- 10 Sidi Hassine: 109.672 Einwohner, Region Tunis
Tunesien: Wissenswertes zum Land
Zu den wichtigsten Bodenschätzen des Landes zählt Phosphat, das für die Herstellung von Dünger verwendet wird. Aber auch der Tourismus gilt in Tunesien als einer der großen Wirtschaftsfaktoren. Die Besucherzahlen waren nach der Revolution im Jahr 2011 aus Angst vor Anschlägen stark eingebrochen. Inzwischen hat sich der Tourismus allerdings wieder erholt.
Vor allem die vielen Sandstrände locken zahlreiche Besucher aus aller Welt. Hammamet, Monastir, Gabes und die Insel Djerba gelten als die Touristenhochburgen. Neben Strandurlaub wird aber auch das Inland immer mehr für den Tourismus erschlossen. So zählt die Ruinenstätte Karthago zu den besonderen Programm-Highlights. Auch die Architekturgeschichte des Landes zieht die ausländischen Gäste immer wieder in ihren Bann.