VonJana Stäbenerschließen
„Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn mehr Frauen an der Spitze von Unternehmen stehen?“, fragt eine Frau auf LinkedIn – es solle „nicht um Frauen an der Macht gehen“.
„Ja, ja, wir haben es alle gehört: Es gibt mehr Christians an den Spitzen deutscher Börsenunternehmen als weibliche Vorstandsvorsitzende“, schreibt die Unternehmerin und Autorin Aya Jaff auf LinkedIn. Im September 2024 heißen zehn CEOs der 160 größten börsennotierten Konzerne Christian. Nur sieben Unternehmen, die im Dax, M-Dax oder S-Dax gelistet sind, werden von Frauen geleitet. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Allbright-Stiftung.
Sie verstehe ja die Aufregung. „Aber: Ist es wirklich ein Fortschritt, wenn mehr Frauen an der Spitze von Unternehmen stehen, die genauso auf Ausbeutung und reine Gewinnmaximierung ausgerichtet sind wie ihre Vorgänger?“, fragt sie. „Ich kann keinen Applaus geben, nur weil es mal eine Frau ist, die die gleichen veralteten Ziele verfolgt wie ihre männlichen Kollegen.“
Warum der Ruf nach mehr Frauen an den Unternehmens-Spitzen „weißer Feminismus“ sein kann
Die Zahl der Frauen in den Vorständen und Chefetagen deutscher Börsenunternehmen wächst indes. Laut aktuellem Women-on-Board-Index sind in den Aufsichtsräten von 180 untersuchten Dax-Unternehmen 37,3 Prozent (2023: 35,5 Prozent) der Stellen mit Frauen besetzt – so viele wie noch nie zuvor. In den Vorständen erreichten die Unternehmen einen Frauenanteil von 19,3 Prozent (2023: 18,3 Prozent).
Viel wichtiger als die Geschlechtsidentität sei, wie diese Frauen denken, findet Jaff. Ob sie intersektional, inklusiv, feministisch und wirklich gerechtigkeitsorientiert seien. „Es geht nicht um Frauen an der Macht, sondern um Menschen, die echte Veränderungen bewirken wollen.“ Immer nur zu fordern, dass Frauen an die Macht kommen, sei „weißer Feminismus“, erklärt Sibel Schick BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Sie hat das Buch „Weißen Feminismus canceln“ geschrieben.
Weißer Feminismus reduziere die Frau auf das Frausein, dränge sie in eine Opferrolle. Dabei hätten besonders weiße Frauen ja auch Privilegien. „Weißer Feminismus kehrt die Machtausübung von Frauen auf andere marginalisierte Gruppen komplett unter den Teppich. Das ist gefährlich, denn auch Frauen diskriminieren“, sagt Schick.
Frauenquote ist „kein Allheilmittel“, wenn „echter Wandel“ auf der Strecke bleibt
Deswegen sei die Frauenquote „kein Allheilmittel“, findet Schick. Sie sorge nur dafür, dass die „Norm-Frau“ und der „Norm-Mann“ beide gleichberechtigt ausbeuten dürfen. „Weißer Feminismus ist, Frauen in Machtpositionen zu tragen, ohne zu sehen, wer auf dem Weg dorthin leidet“, sagt Schick BuzzFeed News Deutschland. Und dies sind in einer kapitalistischen Welt häufig arme Menschen, Personen aus niedriger gebildeten Familien, Menschen mit Migrationshintergrund, Behinderungen oder Sprachbarrieren.
Statt in der Hierarchie weiter nach oben zu wollen, wie es der weiße Feminismus tue, sollten wir also lieber versuchen, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern und Ausbeutung zu verhindern. Jaff ist trotz allem für eine Frauenquote, denn ihre Hoffnung sei, dass irgendwann genug Frauen und andere Minderheiten in Führungspositionen gelangen und aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen „echten Wandel bewirken können“. Das müsse sich ja nicht ausschließen.
Wichtig sei jedoch, Frauen nicht nur daran zu messen, ob sie es „geschafft“ haben, sagt sie. „Dafür gibt es zu viele Gründer:innen, zu denen ich aufblicke, die radikal Neues schaffen. Das verdient Jubel.“.
Rubriklistenbild: © Depositphotos/IMAGO


