VonJana Stäbenerschließen
„Frauen an die Macht“: Wenn du diesen Satz schon mal gedacht hast, dann bist du wahrscheinlich von weißem Feminismus betroffen. Warum das problematisch ist.
Immer wieder schreiben wir bei BuzzFeed Deutschland über feministische Themen wie den Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen (Gender-Pay-Gap), über die Tatsache, dass Frauen öfter Care-Arbeit übernehmen als Männer oder die Ungleichheit der Geschlechter in der Rente (Gender-Pension-Gap).
Es ist wichtig, über solche Themen zu sprechen, findet die Autorin Sibel Schick. Doch meist diskutieren wir sie aus einer sehr weißen Perspektive heraus. Über dieses Phänomen hat Schick ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Weißen Feminismus canceln“. Hä? Geht es nach den weißen Männern (wie Rudi Völler) nun den weißen Frauen an den Kragen? BuzzFeed News Deutschland fragt nach.
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Darum ist „Weißer Feminismus“ problematisch
„Das Problem ist das ‚Weiß sein‘, nicht, ob es Frauen oder Männer sind“, sagt Schick über weißen Feminismus. Und noch wichtiger: „Weiß sein“ sei keine festgeschriebene Körpereigenschaft, sondern immer vom Kontext und von Machtverhältnissen abhängig. „Wir müssen davon wegkommen, dass ‚Weiß sein‘ einen ganz bestimmten Körper definiert“, sagt die 38-Jährige. „Uns muss klar werden, dass ‚Weiß sein‘ eine rassistische Privilegierung ist.“
Das Problem ist das ‚Weiß sein‘, nicht, ob es Frauen oder Männer sind.
Das bedeute nicht, dass alle weißen Menschen rassistisch sind. Sondern nur, dass sie eben das Privileg des „Weiß Seins“ haben. Die kommen aber in allen Formen und Farben, Diskriminierung sei also intersektional: Auch Geschlecht könne so ein Privileg sein. Genauso wie Sprachkenntnisse, Religion, Sexualität, Gesundheit, Schönheit oder Reichtum. Je mehr dieser Privilegien eine Person habe, desto mehr werde sie als Archetyp von Mensch wahrgenommen, je weniger, desto marginalisierter (ins Abseits geschoben) sei sie.
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Weißer Feminismus: „Es gibt sogar Frauen, die Nazis sind“
„Unsere Identitäten sind sehr komplex, es gibt nicht nur die eine Sache, die uns ausmacht“, sagt Schick BuzzFeed News Deutschland. „Weißer Feminismus ignoriert das und reduziert die Frau auf das Frausein, drängt sie in eine Opferrolle.“ Dabei hätten besonders weiße Frauen ja auch Privilegien. „Weißer Feminismus kehrt die Machtausübung von Frauen auf andere marginalisierte Gruppen komplett unter den Teppich. Das ist gefährlich, denn auch Frauen diskriminieren. Es gibt sogar Frauen, die Nazis sind.“
Weil sich weiße Frauen in vielen Situationen bewusst sind, dass sie sich in der Machthierarchie unter weißen Männern befinden, treten sie umso öfter nach unten. Schick erklärt das in ihrem Buch am Beispiel Cat-Calling-Verbot, das manche fordern: Wenn eine weiße Frau im Büro von ihrem Chef belästigt werde, rufe sie eher nicht die Polizei. Wenn sie ein Mann auf der Straße (vielleicht mit Migrationshintergrund) belästige, sei die Hürde viel niedriger. Natürlich sollte eine Frau durch den Park gehen, ohne belästigt zu werden, so Schick. Nur sei ein Cat-Calling-Verbot vielleicht keine intersektionale Maßnahme.
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Warum Kapitalismus das eigentliche Problem ist
Sichtbar werde diese Macht-Hierarchie auch in der Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz, in der Feministinnen wie die Biologin Marie-Luise Vollbrecht aktiv gegen trans*Frauen nach unten drehten. Oder in der Arbeitswelt, wenn Frauen auf dem Rücken anderer Menschen (zum Beispiel ausländischer Pflegekräfte oder Reinigungspersonal) Karriere machen. „Endlich von einer Frau ausgebeutet werden – was macht das für einen Unterschied?“, fragt die Autorin.
Endlich von einer Frau ausgebeutet werden – was macht das für einen Unterschied?
Auch deswegen sei eine Frauenquote „kein Allheilmittel“. Sie sorge nur dafür, dass die „Norm-Frau“ und der „Norm-Mann“ (wir denken da sofort an Barbie und Ken) beide gleichberechtigt ausbeuten dürfen. „Weißer Feminismus ist, Frauen in Machtpositionen zu tragen, ohne zu sehen, wer auf dem Weg dorthin leidet.“ Das Problem sei nicht die Konzentration auf Macht, sondern dass alle anderen marginalisierten Gruppen sie nicht bekommen.
„Um Frauen und Männer, die sich die Miete nicht leisten können, die radikal verarmen, um die geht es nicht“, sagt Schick. „Feminismus ist wichtig, aber anstatt uns auf gläserne Decken und Gender-Pay-Gap zu konzentrieren, sollten wir über Kapitalismus reden.“ Warum das? „Weil ein Mensch im Kapitalismus niemals fair bezahlt wird“, erklärt Schick BuzzFeed News Deutschland. Kapitalismus brauche Ausbeutung, sonst könnte er nicht existieren.
„Armut ist die selbstverständlichste Diskriminierungsform der Welt“, sagt Schick. „Wir haben uns da so dran gewöhnt, dass arme Menschen vermeintlich selbst schuld an ihrem Schicksal sind, dass wir gar nicht mehr sehen, wie ungerecht Reichtum ist.“ Statt in der Hierarchie weiter nach oben zu wollen, wie es der weiße Feminismus tue, sollten wir also lieber versuchen, die Arbeitswelt nachhaltig zu verändern. Genau dazu wolle ihr Buch anregen.
Armut ist die selbstverständlichste Diskriminierungsform der Welt.
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