VonJana Stäbenerschließen
Der Mann „chillt“ einfach, während die Frau um ihn herum hüpft und Kinder will. Dieses humorvolle Instagram-Video enthält laut einer Psychologin viel Wahrheit.
Daria Strelchenko teilt auf Instagram immer mal wieder Videos aus ihrem Leben in München. Mit dem, was Anfang Januar 2025 passiert ist, hat die 26-Jährige jedoch nicht gerechnet. Sie dreht gemeinsam mit ihrem Mann ein selbstironisches Video über die eigene Beziehung. Es geht viral: über 46 Millionen Menschen haben es bis zum 7. Februar 2025 gesehen.
Im Video steht Strelchenkos Mann mit einem Kaffee-To-Go lässig da, will einfach nur „chillen“, während sie als Ehefrau um ihn herum hüpft, ein Haus kaufen, einen Hund adoptieren oder Kinder kriegen will. Das Instagram-Video löst Diskussionen aus. „Frauen wollen Fortschritt“, kommentiert eine Person. Eine andere bezeichnet Frauen in heterosexuellen Beziehungen als „Gas“ und Männer als „Bremse“.
„Ich habe irgendwann aufgehört, die Kommentare zu lesen, das war mir echt zu viel“, sagt die 26-Jährige BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Mittlerweile hat sie die Kommentarfunktion sogar ausgestellt. „Aus manchen Kommentaren hat richtig der Schmerz gesprochen“, sagt sie. Sie habe gemerkt, dass es ein richtig „heißes Thema“ sei und an ihrem Video für viele Paare „definitiv etwas Wahres dran“ sei.
Virales Video über Beziehungen: „Männer planen ihre Karriere, Frauen planen ihr Leben“
Einige Personen machen Darias Video über Beziehungen nach, eine von ihnen Nadine Berneis (siehe unten). „Eins zu eins in vermutlich 90 Prozent aller Ehen so“, kommentieren Menschen das Video. „Yes, genauso ist es“, schreibt eine Frau. „Fühle ich“, eine andere, die Szene komme ihr „so bekannt vor“, das Video sei „sooooo gut“.
„Das Video ist hammer, ich verstehe, warum es viral gegangen ist“, sagt die Psychotherapeutin Franziska Hunkemöller BuzzFeed News Deutschland. „Nur so lustig ist es im echten Leben nicht. Es kann unglaublich frustrierend sein, wenn nur eine Person die Lebensplanung übernimmt und die andere teilnahmslos zuschaut.“
Hunkemöller beschäftigt sich damit, wie sich Kapitalismus und Patriarchat auf die psychische Gesundheit von Frauen auswirken. Bei ihren Patientinnen sehe sie so eine Dynamik wie bei Daria ganz oft. „Männer planen ihre Karriere, Frauen planen ihr Leben“, sagt sie. Oft würden sie tendenziell früher und intensiver über Familiengründung, Mutterschaft und den „Nestbau“ nachdenken. Warum ist das so?
Frauen und Männer: Was sie bei der Lebensplanung-Lust unterscheidet
Darüber, ob es auch biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die sich auch auf die Lebensplanungs-Lust auswirken, streitet sich die Wissenschaft. „Östrogen ist das Kümmerhormon und Testosteron das Scheuklappenhormon“, sagt die Psychologin Yvonne Beuckens BuzzFeed News Deutschland. Deswegen falle es Frauen vielleicht auch hormonell bedingt schwerer, sich nur um sich zu kümmern, nicht nur, wenn es um emotionale Arbeit gehe, sondern auch bei der gemeinsamen Lebensplanung.
Für Hunkemöller ist die Sozialisation der Grund: „Männer sind nicht gut im Nestbau, weil ihnen im Gegensatz zu Frauen nicht beigebracht wird, wie wichtig er ist“, sagt Hunkemöller. Während Frauen wüssten, dass ihre Karriere irgendwann zwangsläufig aufgrund von Familie unterbrochen werde, lernten Männer unabhängig zu sein. „Das macht sie einsam, vor allem im Alter.“ Die Psychologin findet es „problematisch“, dass immer noch vor allem Frauen auf „Nestbau“ und Familie hin sozialisiert werden.
Lebensplanung in Beziehungen: Wie ein „Lebensbuch“ helfen kann
Was können Paare tun, wenn sie merken, dass nur eine Person die Last der Lebensplanung trägt? „Ein Lebensbuch schreiben“, sagt Hunkemöller. Sich fragen, was bis zum eigenen Tod passieren soll. In dem Buch könnten Dinge wie Karriere, Reisen, Kinder vorkommen. Aber auch, dass einmal die Woche Blumen auf dem Tisch stünden, oder man regelmäßig die Eltern sehen wolle.
Indem beide Personen in einer Beziehung all dies auf Papier bringen, könnten sie den Mental Load der Lebensplanung teilen und einander im „besten Fall sogar inspirieren“, sagt die Psychotherapeutin. „Oft haben Männer nämlich sehr wohl eine Vorstellung davon, wie ihr Leben aussehen soll. Sie werden jedoch eher ermutigt, über Karriere nachzudenken als über Beziehungsaspekte und Familiengründung.“
Damit sich das in Zukunft ändert und sowohl Frauen als auch Männer zur gemeinsamen Lebensplanung beitragen, müssten Väter ihren Kindern vorleben, dass auch sie sich Gedanken machen, sagt Beuckens. Die gute Nachricht: „Wir erleben da momentan einen Paradigmenwechsel.“ Das merke sie auch daran, dass das Thema Mental Load (also unsichtbare Arbeit) in ihren Beratungen zunehme.
Rubriklistenbild: © Screenshot Instagram @dariaastrelchenko
