VonAnika Zuschkeschließen
Wann ist die Corona-Pandemie vorbei? Diese Frage gilt es seit nunmehr zwei Jahren zu beantworten. Doch Experten sind sich sicher: Covid wird für immer bleiben.
Berlin – Seit nunmehr zweieinhalb Jahren beherrscht das Coronavirus den Alltag der Menschen, die Politik und die Wirtschaft auf der ganzen Welt – und seit mindestens zwei Jahren suchen Virologen eine Antwort auf die Frage: Wann ist die Corona-Pandemie endlich vorbei? Mit Blick auf neue, innovative Impfstoffe sprach Gesundheitsminister Karl Lauterbach erst kürzlich von einem Ende der Pandemie. Doch sind sich zahlreiche Experten sicher: Das Coronavirus wird uns nie verlassen.
Wann ist die Corona-Pandemie vorbei? „Das Virus wird uns nie verlassen“
Der Biologe Edward Holmes gilt als Spezialist in Sachen Virusausbreitung. Er äußerte laut dem Spiegel: „Es war klar, dass sich Sars-CoV-2 schnell entwickeln würde, denn die meisten Viren entwickeln sich schnell. Aber das Ausmaß, mit dem es sich seit seinem ersten Auftauchen verändert hat, hat viele von uns schockiert.“ Zwar sind der Öffentlichkeit nur die Alpha-Varianten, die Delta-Varianten sowie die derzeit dominierenden Omikron-Varianten bekannt, doch wurden seit Beginn der Pandemie insgesamt 2923 Coronavirus-Varianten entdeckt. Das allein stellt die unglaublich schnelle und anpassungsfähige Entwicklung des Virus unter Beweis.
Deswegen stellt Holmes die wenig erfreuliche Prognose auf: „Die einzigen sicheren Vorhersagen sind, dass das Virus uns nie verlassen und sich weiter entwickeln wird.“
Experten sind sicher: Covid-19 wird nicht mehr verschwinden
Eine ähnliche Meinung vertritt auch Jesse Bloom vom Forschungszentrum Fred Hutch in Seattle. „Ich glaube nicht, dass wir jemals eine Herdenimmunität in dem Sinne erreichen werden, dass die menschliche Bevölkerung ausreichend immun wird, um die Übertragung von Viren zu verhindern“, äußerte Bloom dem Spiegel zufolge. Dabei wecken derzeit sogenannte Nasenspray-Impfungen gegen Corona große Hoffnungen auf ein Ende der Pandemie.
Allein in Deutschland haben sich bereits über 30 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert – einige von ihnen sogar mehrfach – und dadurch Antikörper aufgebaut. Trotzdem finden neue Varianten immer wieder Wirte, die sie infizieren können und die das neue Virus daraufhin weitertragen. Aus diesem Grund sind sich Experten sicher, dass Covid-19 nicht mehr verschwinden wird.
Wie geht es mit der Corona-Pandemie weiter? Hängt von kommenden Corona-Varianten ab
Doch damit bleiben die Fragen: Wie geht es mit der Pandemie weiter? Und könnte diese trotz einem Bestehen des Coronavirus in eine Endemie übergehen? „Die große Unbekannte im Moment ist, ob wieder dramatisch veränderte Varianten wie Omikron entstehen, die schlagartig die Immunität eines Großteils der Bevölkerung unterlaufen und sich dadurch rasant ausbreiten können“, erklärt Richard Neher vom Biozentrum Basel dem Spiegel.
Genau diese Unbekannte hat auch den Corona-Expertenrat der Bundesregierung schon Anfang Juni dazu bewegt, drei potenzielle Szenarien für den kommenden Corona-Herbst aufzustellen. Denn genau wie der Australier Edward Holmes weiß auch Leif Erik Sander, Pneumologe und Mitglied des Expertenrats: „Wir haben ein Virus, das sich ständig weiterentwickelt.“ Und es sei nicht verlässlich vorhersagbar, wie sich Sars-CoV-2 entwickeln wird. Klar sei nur: „Die Pandemie ist definitiv nicht vorbei“, sagte Heyo Kroemer, Vorsitzender des Expertenrats, laut dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Drei Szenarien vom Expertenrat: Was Deutschland im Corona-Herbst 2022 erwarten könnte
Deswegen stellte der Expertenrat drei Szenarien vor, die Deutschland in diesem Herbst und Winter erwarten könnten – und worauf sich die Regierung mit dem neuen Infektionsschutzgesetz und neuen Corona-Regeln ab Oktober entsprechend vorbereiten sollte:
1. Günstigstes Szenario
Im besten Fall würde sich eine Virusvariante mit einer noch geringeren Krankheitsschwere als bei den Omikron-Stämmen durchsetzen. Diese Variante würde sich durch eine geringere Krankheitsschwere bei Älteren und eine kaum merkliche Beeinträchtigung des Gesundheitsempfindens bei immunisierten Erwachsenen auszeichnen. Auf diese Weise wären keine erneuten Infektionsschutzmaßnahmen nötig – oder nur für Risikopersonen.
2. Basisszenario
Im Basisszenario wird davon ausgegangen, dass die Krankheitslast ähnlich bleibt wie bei den aktuell dominierenden Omikron-Varianten BA.4, BA.5. und BA.2.12.1. Infolgedessen wäre eine Winterwelle zu erwarten, die sich über mehrere Monate erstreckt und vermehrt zu Arbeitsausfällen führen könnte. Das hätte wiederum erneute flächendeckende Maßnahmen wie Abstandsregeln und Maskenpflicht in Innenräumen zur Folge. Die Intensivstationen würden in diesem Szenario aber nur moderat belastet.
3. Ungünstiges Szenario
In einem ungünstigeren Szenario könnte eine neue Virusvariante mit höherer Übertragbarkeit und schwererer Krankheitslast entstehen, die auch vollständig geimpfte Personen mit Risikofaktoren schwer erkranken lassen würde. In dem Fall würde das Gesundheitssystem erneut stark belastet werden, was wiederum Kontaktbeschränkungen und weitere Impfungen nötig machen würde.
Wegen Corona-Impfstoffen und Infektionen: Bevölkerung ist derzeit hoch immunisiert
Derzeit herrscht in der Bevölkerung noch ein hoher Immunisierungsgrad, den die Menschen einerseits durch Infektionen und andererseits mithilfe von Impfungen erreicht haben. Denn auch Corona-Impfstoffe beeinflussen die Pandemie maßgeblich. „Wir haben es geschafft, dass für die allermeisten der erste Kontakt mit dem Virus erst nach der Impfung erfolgte“, erklärt Biophysiker Neher dem Spiegel und fährt fort: „Das hat die Zahl der schweren Verläufe dramatisch reduziert.“
Auch Lauterbach sprach sich im Zuge der Ankündigung von neuen Omikron-Impfstoffen im Oktober deutlich für die kommenden neuen Vakzine aus. Ihm zufolge würden die alten Impfstoffe im Vergleich zu den neuen Vakzinen sogar „mehr oder weniger“ wertlos werden, wie der Gesundheitsminister im Gespräch mit dem ZDF sagte.
Corona-Experten hoffen auf schwächer werdende Virusvarianten – und eine hohe Impfquote
Doch trotz neuer Impfstoffe setzen Virologen ihre Hoffnung auf das günstigste Corona-Szenario und damit auf immer schwächer werdende Coronavirus-Varianten. „Ich gehe davon aus, dass die langfristige Zukunft von Sars-CoV-2 ähnlich aussehen wird wie die derzeitige Situation beim Influenzavirus, möglicherweise aber etwas schlimmer“, prognostiziert Jesse Bloom dennoch und fährt fort: „Die meisten Menschen werden sich alle zwei bis fünf Jahre infizieren, wobei Häufigkeit und Schwere dieser Infektionen durch die Impfung zwar verringert, aber nicht beseitigt werden.“
Biologe Edward Holmes fügt dem im Gespräch mit dem Spiegel hinzu: „Alles, was wir tun können, ist, zu versuchen, eine möglichst hohe Durchimpfungsrate zu erreichen – weltweit, nicht nur in den reichen westlichen Ländern – und die Menschen zu ermutigen, Gesichtsmasken zu tragen, damit die Übertragung verringert wird. Dann können wir nur noch zuschauen und abwarten.“ Lauterbach würde diesem Konsens vermutlich zustimmen – er erntet für seine Corona-Regeln im Herbst bislang jedoch überwiegend Kritik.
