Deutsche auf Mallorca in U-Haft

Gruppenvergewaltigung: Der Fall, der Spanien erschütterte – darum ist vom „deutschen Rudel“ die Rede

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Der Vorwurf einer Gruppen-Vergewaltigung deutscher Urlauber auf Mallorca sorgt für Entsetzen. Und er erinnert an einen Fall aus 2016, der bis heute in Spanien für Spannungen sorgt.

Palma de Mallorca – In Medienberichten aus Deutschland und dem Ausland liest man vermehrt von einem „deutschen Rudel“, das in der Nacht zum Donnerstag (13. Juli) auf Mallorca eine junge Frau vergewaltigt haben soll. Die Bezeichnung bezieht sich auf einen anderen Fall von Gruppen-Vergewaltigung aus dem Jahr 2016: eine Gruppe von fünf jungen Spanier, die sich selbst „La Manada“ – „das Wolfsrudel“ – nannten, und eine Frau in Pamplona zum Geschlechtsverkehr zwangen.

Der Fall schlug im ganzen Land hohe Wellen; sowohl auf den Straßen als auch in der Politik. Trotz belastendem Video fiel das Urteil überraschend milde aus. In Spanien fühlen sich nun durch die jetzigen Vorwürfe viele daran erinnert.

„La Manada“-Fall in 2016: Deutsche Verdächtige mit „Wolfsrudel“ von Pamplona verglichen

Gewisse Parallelen lassen sich ziehen, vor allem beim mutmaßlichen Tathergang der beiden vermeintlichen Gruppen-Vergewaltigungen: Auch damals soll alles einvernehmlich mit nur einem einer mehrköpfigen Männer-Gruppe aus einem Party-Flirt heraus angefangen haben, auch damals habe der Konsens geendet, als weitere Männer hinzugekommen seien. Und wie beim aktuellen Fall auf Mallorca entstand auch in Pamplona eine Videoaufnahme. Einer der Männer hatte die Tat mit seinem Handy teilweise gefilmt und später über WhatsApp verbreitet.

Der Vorfall, der Spanien zwei Jahre später erschütterte, ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 7. Juli 2016. Mehrere Tausend Menschen strömten damals in die Stadt im Norden Spaniens, um auf dem weltweit bekannten San-Fermín Fest zu feiern. Wie die Mallorca Zeitung damals schrieb, habe sich das spätere Opfer in der Innenstadt von Pamplona mit ihrer Bekanntschaft in einem Hauseingang zurückziehen wollen, in der Annahme, mit ihm dort alleine zu sein.

Dann seien die restlichen vier Männer hinzugekommen und hätten mit der damals 18-jährige Spanierin Geschlechtsverkehr gehabt, dem sie ihrer Aussage zufolge nicht zugestimmt habe.

Richter entschied auf Missbrauch statt Vergewaltigung: Milde Strafe für „Wolfsrudel“, weil Opfer sich nicht wehrte

Prekär ist an dem Fall aus Pamplona das richterliche Urteil: Denn obwohl nach Meinung des Gerichts aus dem ausgewerteten Handyvideo hervorginge, dass es vonseiten der 18-Jährigen „zum Objekt der Täter und deren eigenen sexuellen Instinkte“ geworden sei, habe laut Beschluss keine Vergewaltigung stattgefunden. Die Mitglieder des „Wolfsrudels“ wurden jeweils zu neun Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Gefordert hatte die Staatsanwaltschaft 22 bis 25 Jahre.

In 2018 demonstrierten infolge des „La Manada“-Falls tausende Menschen in Spanien für Frauenrechte.

Der Grund hing mit dem Sexualstrafrecht in Spanien zusammen, nach dem für den Tatbestand der Vergewaltigung Gewalteinwirkung oder Einschüchterung vorliegen muss. Schläge, Tritte oder Drohungen seien aus dem Video aber nicht hervorgegangen, weder von der Frau, noch von den Tätern. Das Opfer sagte damals aus, sich in einem Schockzustand befunden zu haben.

Es folgte eine Welle der Empörung und entfachte eine hitzige Debatte um das erst kürzlich reformierte Sexualstrafrecht. In ganz Spanien gingen Vertreter von Frauenrechten auf die Straße, um gegen das Urteil im „La Manada“-Fall zu protestieren. Im November 2022 trat das mittlerweile teilweise revidierte „Nur Ja heißt Ja“-Gesetz in Kraft, nach dem sämtliche Handlungen, die nicht mit unmissverständlicher Zustimmung erfolgen, als Vergewaltigung zu ahnden sind.

Vorwurf der Gruppen-Vergewaltigung: Fünf Verdächtige des „deutschen Rudels“ müssen in U-Haft

Spaniens linksalternative Gleichstellungsministerin Irene Montero wollte mit der umstrittenen Reformation gegen die oftmals milden Strafen zahlreicher Gruppen-Vergewaltigungen in Spanien vorgehen. Das neue Gesetz führte jedoch unerwartet zur vorzeitigen Haftentlassung vieler Sexualverbrecher und stürzte die Regierung in eine Krise.

2019 flammten die Proteste erneut auf, nachdem mehrere deutsche Mallorca-Urlauber unter den Verdacht einer Gruppen-Vergewaltigung geraten waren. Schon damals betitelten die spanischen Medien die mutmaßlichen Täter in Anlehnung an den „La Manada“-Fall „das deutsche Rudel“.

Fünf der sechs deutschen Ballermann-Urlaubern, denen nun Vergewaltigung vorgeworfen wird, müssen in Untersuchungshaft; die auf Mallorca mitunter mehrere Jahre andauern kann. Ein Verdächtiger des „deutschen Rudels“ kam frei, so hatte es am Samstag (15. Juli) jener Haftrichter entschieden, der 2022 auch für die „Kegelbrüder“ U-Haft anordnete. Den übrigen droht eine lange Zeit im Gefängnis. U-Haft kann in Spanien bis zu zwei Jahre dauern - und notfalls verlängert werden. (rku)

Rubriklistenbild: © Jesus Merida/Imago

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