VonJana Stäbenerschließen
Eine Unterhaltung in der Umkleide einer Modekette macht eine Frau „richtig sauer“. Sie zeigt, welches Körperbild wir „permanent reproduzieren“, sagt eine Soziologin.
Viele Menschen, besonders Frauen, kennen es: Am Morgen noch fühlen sie sich gut in ihrem Körper. Beim Shopping-Bummel am Nachmittag schlägt das Gefühl um. Spätestens im Neon-Licht der engen Umkleidekabine, wenn sie sich von drei Seiten gleichzeitig sehen, ist es vorbei mit dem Selbstbewusstsein, man schämt sich nur noch für den eigenen Körper. Vor allem, wenn dann auch noch eine Verkäuferin sagt: „Ne sorry, die Hose ist super unvorteilhaft.“
So eine Situation hat die Mode-Art-Direktorin Charlotte Kuhrt vor kurzem in einer Umkleidekabine der Modekette Cos beobachtet. Dort habe eine junge Frau eine sehr schlanke Verkäuferin um ihre Meinung gebeten und diese habe der jungen Frau immer wieder von Hosen abgeraten, die sie bei sich selbst schon trotz ihrer schmalen 36 „schwierig“ finde. Irgendwann habe die Kundin gesagt, sie habe sich heute Morgen noch echt gut gefühlt und fühle sich jetzt richtig schlecht. „Das zu hören, tat sooooo weh“, sagt Kuhrt in einem Instagram-Video (siehe unten). „Ich bin richtig sauer!“
Kuhrts Video löst Wut aus: „Das Einzige, was wirklich unvorteilhaft ist und wirklich keiner Person steht, ist so abscheulich, mit anderen Leuten umzugehen“, kommentiert eine Frau. „Krass. Ich hatte auch in einem Cos-Laden so ein Erlebnis. Da war ich die mit der Hose. Das war echt schlimm“, schreibt eine andere.
Gespräch in Cos-Umkleide: „Solche Situationen gibt es dauernd“
„Wenn du in eine Größe passt, dann kannst du sie auch tragen. Punkt“, stellt Kuhrt in ihrem Instagram-Video klar. „Es muss nicht immer alles vorteilhaft aussehen!“ Nachdem sie dieses Gespräch gehört habe, sei sie „richtig traurig und unbefriedigt“ gewesen. Und vor allem „richtig müde davon, dass wir Frauen uns untereinander immer noch einreden, dass wir nicht alles tragen können“. Nicht nur bei Cos, sondern auch in anderen Klamottenläden habe sie so etwas schon erlebt. „Solche Situationen gibt es dauernd“, sagt Kuhrt.
An ihnen zeige sich, wie „kulturell geprägte Körperbilder permanent, reproduziert werden“, sagt die Körpersoziologin Miriam Brunnengräber von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. In diesem Fall der „zum universellen Schönheitsideal stilisierte Idealkörper“, der „weiß, schlank, gesund und leistungsfähig“ aussieht.
Dass dicke* Körper immer noch „unerwünschte“ Körper darstellen, sehe man daran, dass aus der Verkäuferin bei Cos eine Art „gesellschaftliche Forderung“ gesprochen habe, alle nicht-normschlanken Körper mit vorteilhafter Kleidung zu bedecken, um das „vermeintlich störende Körperfett“ unsichtbar zu machen.
Kleidung und Mode als „Konfliktfeld für Körpernormen“
Mit dem Wunsch, einfach mal unvorteilhafte Kleidung anziehen zu können, wehrt sich Kuhrt gegen ebendiese Forderung. „Kleidung und Mode werden zum Konfliktfeld, an dem Körpernormen und Schönheitsideale verhandelt werden“, erklärt Brunnengräber. Auch beim Thema KI-Models wird das deutlich.
Schon lange setze sich die „Fatshion“-Bewegung für eine größere Auswahl an körperbetonter Kleidung für große Größen ein. Im Gegensatz zur Plus-Size-Mode, die eher mit dunklen Farben und unauffälligen Schnitten arbeitet, „reklamiert sie die Möglichkeit, auch dicke* oder fette* Körper als potenziell schöne und modische Körper zu inszenieren“, so die Expertin.
*Selbstbeschreibung von Fatshion-Aktivisten und Aktivistinnen
Was sagt Cos zu dieser Situation in einer Ihrer Umkleiden?
BuzzFeed News Deutschland fragt bei Cos nach, was das Unternehmen zu der von Kuhrt beschriebenen Situation in einer ihrer Umkleiden sagt. Wie werden Verkäuferinnen geschult, damit es nicht zu Situationen kommt, in denen sich nicht-normschlanke Menschen schlecht fühlen?
Auf unsere Anfrage haben wir bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (11. Oktober) keine Antwort erhalten.
Rubriklistenbild: © @charlottekuhrt Instagram

