VonYannick Hankeschließen
Halten die Beschwerden nach einer Corona-Infektion an, ist von Long Covid die Rede. Das vermeintliche Wundermittel BC 007 soll dagegen helfen. Wie genau?
Berlin – Es war im Sommer 2021, als die Universität Erlangen eine Pressemitteilung veröffentlichte. Eine Mitteilung, die Betroffenen von Long Covid leichte Hoffnungen machte. „Weltweit erster Heilversuch eines Patienten mit Long-Covid-Syndrom an Erlanger Augenklinik erfolgreich durchgeführt“, hieß es damals.
Dass Beschwerden nach einer Corona-Infektion anhalten, ist keine Seltenheit. Dann wird von besagtem Long Covid gesprochen. Dagegen helfen soll nun BC 007. Doch was genau hat es hiermit auf sich?
Kampf gegen Long Covid: Was das Medikament BC 007 verspricht
Nach besagter Pressemitteilung folgten drei weitere erfolgreiche Behandlungen mit BC 007. Hierbei handelt es sich um ein winziges RNA-Molekül, das „derzeit weltweit einzige Medikament, das Long Covid heilen könnte“, wie es auf der Homepage des Start-ups Berlin Cures heißt. Das ist das 2014 gegründete Start-up, das an BC 007 forscht.
Was ist eigentlich ME/CFS?
Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine chronische Krankheit, deren Ursachen nicht vollends verstanden sind. Sie zeichnet sich durch extreme Erschöpfung und weitere Symptome, etwa Muskelschmerzen und Konzentrationsstörungen, aus. Auch nach der Corona-Infektion kann es zu schweren Fällen von Long Covid kommen, mit einem ME/CFS-ähnlichen Krankheitsbild.
Das vermeintliche Wundermittel steht für die Hoffnung auf Heilung von schweren Formen von Long Covid und ME/CFS. In Berichten über BC 007 wird positiv über das Medikament gesprochen. Es hätte tatsächlich geholfen, den Gehirnnebel aufzulösen, den Long Covid mit sich bringt. Doch, das gehört auch zur Wahrheit: Bisher gibt es erst vier Patienten, denen dieses Medikament verabreicht wurde.
Wirksamkeit vom Long-Covid-Medikament BC 007 muss an mehr Menschen getestet werden
Das sei „noch kein Nachweis der Wirksamkeit“, heißt es dann auch von Rainer Böhm gegenüber Zeit Online. Das Pikante dabei: Böhm ist kein Kritiker von außerhalb, sondern sitzt im Vorstand von Berlin Cures. Die Heilversuche in Erlangen seien für ihn „interessante Hinweise“, mehr aber auch nicht. Jetzt brauche es dringend aussagekräftige Studien.
„Wir wissen noch nicht, wie hoch die Wirksamkeit ist, wenn wir BC 007 mehr Menschen verabreichen“, sagt Böhm. Und zugleich hält er das Medikament für einen „ganz wichtigen Ansatz, der es verdient, richtig getestet zu werden“. An einer sogenannten klinischen Phase II-Studie wird gearbeitet.
Doch hat es bis zum Herbst 2022 gedauert, ehe das Unternehmen einen mittleren, zweistelligen Millionenbetrag hierfür zusammen hatte. Geld, das teilweise von den Managern von Berlin Cures selbst stammte, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtete. Mittlerweile würden die Anträge für die Studie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) liegen.
Welche Symptome deuten auf Long Covid hin?
Nach ihrer Corona-Infektion leiden Long-Covid-Patienten unter anderem diesen Symptomen:
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Kopfschmerzen
- Atembeschwerden
Geruchs- und Geschmacksstörungen - kognitiven Beeinträchtigungen wie Gehirnnebel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
depressiven Verstimmungen
Doch auch Herzbeschwerden, Nieren- und Stoffwechselstörungen können in Folge einer Infektion auftreten. Grundsätzlich ist die Liste der möglichen Symptome, die sich bei Long Covid äußern, lang. Verschiedene Studien haben bereits ergeben, dass Betroffene insgesamt bis zu 200 verschiedene Symptome genannt haben.
„Neue Volkskrankheit“ Long Covid: Aussagekräftige Ergebnisse zum Medikament BC 007 liegen wohl erst Ende 2023 vor
Wie geht es im Folgenden also mit BC 007 weiter? Liegt die Genehmigung vor, kann die Studie an verschiedenen medizinischen Einrichtungen beginnen. Für aussagekräftige Ergebnisse in Bezug auf das Medikament gegen die „neue Volkskrankheit“ Long Covid bräuchte man laut Böhm in etwa 100 Patienten. Mit validen Ergebnissen rechnet er allerdings erst Ende 2023. Sollte eine sehr hohe Wirksamkeit bei sehr geringen Nebenwirkungen vorliegen, könnte es schneller gehen.
Dann nämlich könnte das hohe öffentliche Interesse zu einer beschleunigten Zulassung durch die Behörden führen. Doch ist das noch ein Reden im Konjunktiv. Die Hoffnung bleibt natürlich bestehen. Auch darauf, dass BC 007 eines Tages die Symptome eines komplexen Krankheitsbildes lindern könnte, deren Ursachen vielfältig und noch nicht richtig verstanden sind. So verhält es sich nämlich mit Long Covid.
Long-Covid-Medikament BC 007 existiert bereits seit den 1990er-Jahren
Den vier Long-Covid-Patienten, die 2021 mit BC 007 behandelt wurden, würde es unterschiedlich gehen. „Der Mechanismus hinter Long Covid scheint wieder anzulaufen, wenn er getriggert wird“, sagt Bettina Hohberger zu Zeit Online. Die Augenärztin hatte die vier Patienten zusammen mit ihrem Team behandelt. Sie tippt auf erneute Infektionen mit Corona oder auch anderen Viren oder Stress, die letztlich dafür sorgen würden, dass körpereigene B-Zellen wahrscheinlich wieder die problematischen Autoantikörper produzieren.
Dementsprechend müsse BC 007 weiter getestet werden. Das Medikament wurde vom US-amerikanischen Unternehmen Gilead übrigens bereits in den 90er-Jahren entwickelt. Das Ziel: die Blutgerinnung bei Operationen hemmen. Dies tat das Medikament zwar auch, doch verschwand es binnen weniger Minuten bereits wieder aus dem Blut. Deswegen wurde es von Forscher für unbrauchbar erachtet. In den Nullerjahren sollte BC 007, so die Kurzform, aber eine Renaissance erleben.
Verursachen Autoantikörper Long Covid?
2021 wurde ein Patent darauf angemeldet, BC 007 gegen Long Covid einzusetzen. Wie aber kam es eigentlich dazu, dass mit Hohberger eine Augenärztin das Medikament testen sollte? Das war letztlich ihrer Intuition zu verdanken. Schließlich wird schon seit Jahren der Vermutung nachgegangen, dass auch der Grüne Star, Glaukom genannt, in einigen Fällen von Autoantikörpern verursacht wird. Und das sollen eben jene sein, die auch mit Long Covid in Verbindung gebracht werden.
Das ist jedoch der springende Punkt. Autoantikörper gelten als eine mögliche Ursache für Long Covid. Gewiss ist das aber nicht. Ein Teil der Betroffenen würde Autoantikörper in sich tragen. Und diese können die Zellen, im Herz, im Gehirn, in den Augen, im Magen-Darm-Bereich, eigentlich überall, aus dem Tritt bringen.
Betroffene von Long Covid hoffen auf Medikament BC 007
Weitere Ursachen, die als Auslöser für Long Covid aktuell diskutiert werden: eine weiterschwelende Corona-Infektion, winzige Gerinnsel im ganzen Körper, ein psychosomatischer Hintergrund sowie die Reaktivierung bestimmter Virusinfektionen. Sollten Autoantikörper tatsächlich für die Beschwerden einzelner Long-Covid-Patienten verantwortlich zeichnen, muss das noch nichts bedeuten, denn:
Bei Long Covid sind viele Autoantikörper beschrieben und wir wissen noch nicht, welche Rolle die einzelnen Gruppen spielen.
Wenn es gut läuft, könnte das Mittel einen Durchbruch in der Behandlung bringen, sagt Scheibenbogen über BC 007. Auch sie nennt Studien als zwingend notwendig. In die bereits erwähnte Phase-II-Studie werden Patienten mit ME/CFS aber nicht aufgenommen. Das trifft nur auf Menschen zu, die unter Long Covid leiden und nachgewiesene Probleme mit Autoantikörpern haben. Vonseiten Berlin Cures hieß es dazu nur, man sei nun mal ein privat finanziertes Unternehmen und man müsse sich fokussieren.
300.000 Euro an Spendengeldern zur weiteren Erforschung von BC 007
Nichtsdestotrotz bleibt die Hoffnungen unverändert enorm groß. 2022 sammelte ein Verein fast 300.000 Euro an Spendengeldern. Geld, damit die Universität Erlangen weiter mit BC 007 forschen kann. Dem Medikament gegen Long Covid. Das viele Corona-Patienten betrifft. Und über das noch immer nicht alles bekannt ist.
