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Die EU beabsichtigte die Zeitumstellung schon zu streichen. Dennoch ändern wir weiterhin im Frühjahr und Herbst die Uhrzeit. Woran liegt das?
München – Die Uhren werden in der EU zweimal jährlich umgestellt — im Frühjahr eine Stunde vor und im Herbst eine Stunde zurück. Am 26. Oktober ist es wieder so weit. Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Sommerzeitregelung in Europa unpopulär ist. 2018 startete die EU-Kommission deshalb eine Online-Befragung. 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmenden, darunter drei Millionen Deutsche, forderten ein Ende der Zeitumstellung. Die Mehrheit bevorzugte eine dauerhafte Sommerzeit. Doch noch immer stockt es bei der Einführung einer neuen Regelung.
Nach der Umfrage schlug die Kommission vor, die halbjährliche Umstellung abzuschaffen. Das EU-Parlament unterstützte diesen Plan und wollte die Umstellung 2021 beenden. Das gestaltete sich komplizierter als gedacht. In Absprache sollten die Mitgliedsstaaten zwischen einer dauerhaften Sommer- oder Normalzeit entscheiden. Hier gehen die Meinungen allerdings auseinander. Einige Staaten sprechen sich für eine dauerhafte Sommerzeit aus, andere bevorzugen die Winterzeit. Länder wie Portugal oder Griechenland hingegen möchten am bisherigen System festhalten.
Abschaffung der Zeitumstellung: EU-Entscheidung stockt seit Jahren
Derzeit wartet die Kommission darauf, dass der Rat eine Position bezieht. Die Mitgliedstaaten sind erst dann verpflichtet, ihre zukünftige Standardzeit festzulegen, wenn die Richtlinie zur Abschaffung der halbjährlichen Zeitumstellung von den Gesetzgebern offiziell beschlossen ist. Seit 2019 ist das Thema im Rat der EU nicht mehr behandelt worden. Entscheidend fehlt bis heute die Zustimmung der 27 Mitgliedsländer. Zudem gibt es unter den Staaten keine gemeinsame Linie darüber, welche Zeit künftig verbindlich sein soll.
Einheitliche Uhrzeit: Vor- und Nachteile einer Abschaffung der Zeitumstellung
Kritiker der Abschaffung warnen, dass mögliche Auswirkungen einer neuen Regelung nicht ausreichend erforscht seien, so die Tagesschau. Es gibt Befürchtungen, dass ein Flickenteppich unterschiedlicher Zeitzonen entstehen und dies negative Folgen für Wirtschaft und Alltag haben könnte. Gleichzeitig verweisen Kritiker der Zeitumstellung auf gesundheitliche Belastungen: Der „Mini-Jetlag“ durch die Umstellung störe den Biorhythmus, verursache Schlafprobleme und Konzentrationsschwächen. In einer DAK-Umfrage berichteten 27 Prozent der Befragten von gesundheitlichen Beschwerden.
„Längst überfällig“: Forderung nach Umsortierung der Zeitzonen in der EU
Andere gehen noch weiter und fordern eine Umsortierung der Zeitzonen in der EU. Dass sich die Abschaffung der Zeitumstellung zieht, sei kein Wunder. Laut Korbinian von Blanckenburg, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) liege das einerseits an der großen europäischen Zeitzone – die vom Westen Spaniens bis zur Ostgrenze Polens reicht.
Andererseits können sich die Länder nicht auf Sommer oder Normalzeit einigen, schreibt er in einer Pressemitteilung. Hier müsse weitergedacht werden, damit mit jedes Land den besten Nutzen des Tageslichts hat. „Wir brauchen eine Neusortierung der Zeitzonen“, so von Blanckenburg. „Länder östlich von Deutschland wechseln in die Zeitzone ‚GMT +2‘. Und Spanien wechselt in die ‚GMT‘ und wäre damit in derselben Zeitzone wie Portugal oder Großbritannien.“ Davon würden alle profitieren. „Wann und ob eine Neuregelung kommt, kann ich natürlich nicht sagen. Aber wie man es auch dreht und wendet, sie ist längst überfällig.“
Technisch problemlos: Einheitliche Sommerzeitregelung in der EU
Die Zeitumstellung selbst ist technisch problemlos: In Deutschland sorgen die Atomuhren der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig für die exakte Zeit, deren Signale Funkuhren automatisch übernehmen. Auch für die Deutsche Bahn ist der Wechsel Routine. Eine einheitliche Uhrzeit gibt es hierzulande erst seit 1893 mit der Einführung der Mitteleuropäischen Zeit. Während der Weltkriege galt zeitweise Sommerzeit, um Tageslicht besser zu nutzen. Nach 1950 wurde sie zunächst abgeschafft, kehrte jedoch in der Ölkrise der 1970er-Jahre zurück, um Energie zu sparen. Seit 1996 gilt in der gesamten EU eine einheitliche Sommerzeitregelung. (Quellen: Europäische Union, SWR, Tagesschau) (hk)
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