VonAntje Mathezschließen
Seit dem Frühjahr 2000 wird an der Deutschen Börse mit ETFs gehandelt. Eine Geldanlage, die seither bei Privatanlegerinnen und -anlegern vor allem wegen ihrer Schlichtheit punkten kann.
Es war nichts Geringeres als der Beginn einer finanziellen Revolution, als vor 25 Jahren, im Frühjahr 2000, die Deutsche Börse als erster europäischer Börsenplatz den Handel mit Exchange Traded Funds (ETFs) einführte. Dabei hätte der Startpunkt für die Demokratisierung des Aktienhandels in Europa eigentlich nicht schlechter gewählt sein können: Nur wenige Wochen zuvor hatte sich mit einem ersten Crash des „Neuen Marktes“ das Platzen der Dotcom-Blase angekündigt.
Die Euphorie um Internet- und Mobilfunkaktien wendete sich ins Gegenteil; es folgte eine drei Jahre währende Börsenkrise, bei der sehr viel Geld vernichtet wurde – auch das von Kleinanlegerinnen und -anlegern, man denke nur an die T-Aktie oder die Pleite von Mobilcom. Und tatsächlich wirkt der Crash der Telekom-Aktie auch mehr als zwanzig Jahre später noch nach. Er ist laut einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung einer der Gründe für die verhaltene Beteiligung von Privatpersonen am Aktienmarkt in Deutschland.
2024 war das „stärkste Jahr aller Zeiten“: ETFs im Aufwind bei Sparern
Trotz dieses immensen Vertrauensverlusts haben sich ETFs inzwischen zu einem Standardprodukt in allen Anlageportfolios entwickelt. Nach Angaben des US-Finanzinformations- und Analyseunternehmens Morningstar investierten europäische Anleger – private wie institutionelle – 2024 rund 247 Milliarden Euro netto in europäische börsengehandelte Fonds (ETFs) und börsengehandelte Rohstofffonds (ETCs). Damit wurde der bisherige Rekord von 159 Milliarden Euro aus dem Jahr 2021 deutlich übertroffen – und die 145,4 Milliarden in 2023 sehen vergleichsweise gering aus.
„2024 war für die europäische ETF-Branche das stärkste Jahr aller Zeiten“, zitiert Morningstar den Leiter seines Research-Teams, Jose Garcia-Zarate. Dabei seien Aktien-ETFs die unbestrittenen Gewinner gewesen. Getrieben von einer starken Nachfrage nach US-amerikanischen und globalen sogenannten Large Caps entfielen auf sie rund 80 Prozent der Mittelzuflüsse. Large Caps sind Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über zehn Milliarden Dollar. Diese Firmen sind oft global tätig, verfügen über eine starke Marktposition und sind häufig bekannte Namen wie Apple, Microsoft oder Nestlé.
33 Prozent mehr verwaltetes Vermögen
Insgesamt wuchs das in Europa in ETFs verwaltete Vermögen im vergangenen Jahr auf fast 2,18 Billionen Euro an, was einem Plus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Dabei blieb iShares von BlackRock mit Zuflüssen in Höhe von 84,4 Milliarden Euro 2024 und einem Marktanteil von 42,2 Prozent der führende ETF-Anbieter in Europa. Es folgten Xtrackers und Amundi mit Zuflüssen von 36 Milliarden beziehungsweise 27,5 Milliarden Euro. Laut Fachleuten gibt es auch weiterhin ein erhebliches Wachstumspotenzial für ETFs in Deutschland und Europa. Das zeigt ein Vergleich mit Nordamerika: Bis Dezember 2024 summierte sich das dort in börsengehandelten Fonds investierte Vermögen auf über elf Billionen Dollar.
Der Schlüssel zum Erfolg der ETFs liegt in ihrer Schlichtheit, Transparenz und Kosteneffizienz. Ihr Konzept basiert auf der Markteffizienzhypothese des US-Wirtschaftswissenschaftlers Eugene Francis Fama, wonach die geltenden Marktpreise alle verfügbaren Informationen widerspiegeln. Die Konsequenz dieser Annahme: Kein Marktteilnehmer, also kein noch so gewiefter Fondsmanager und auch keine Anlegerin oder Anleger, kann auf Dauer bessere Renditen erzielen als der Aktienmarkt als Ganzes – außer durch Glück oder Nutzung von Insiderinformationen. Für die Theorie erhielt Fama 2013 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
ETF verhält sich parallel zum Markt – Boom kam in Europa nicht sofort
Dieser Hypothese folgend bilden ETFs meist eins zu eins einen Börsenindex ab. Das heißt: Ein ETF verhält sich wie der Markt. Wer einen ETF auf den Dax kauft, investiert automatisch in die 40 größten deutschen börsennotierten Firmen. Steigt der Dax, steigt auch der Kurs des ETF. Ein weiterer Vorteil sind die geringen Gebühren im Vergleich zu anderen, vor allem aktiv gemanagten Fonds. Und: Da ETFs börsennotiert gehandelt werden, sind sie zugänglich für jeden und jede. Privatanlegerinnen und -anleger können problemlos den gleichen ETF erwerben wie etwa Starinvestor Warren Buffett. Sie können eine größere Summe auf einmal investieren oder einen Sparplan abschließen, bei dem sie regelmäßig einen festen Betrag einzahlen. Direktbanken und Neobroker haben inzwischen kostenlose Sparpläne etabliert. Laut dem Deutschen Aktieninstitut investiert rund die Hälfte der ETF-Anleger:innen hierzulande ihr Geld auf diese Weise.
Allerdings setzte der ETF-Boom in Deutschland und Europa nicht gleich mit der Stunde null im Jahr 2000 ein. Den Grundstein legten damals die ersten und einzigen zwei ETFs auf den Euro Stoxx 50 und den Stoxx Europe 50 von Merrill Lynch, die aber ausschließlich institutionellen Investoren vorbehalten waren. „Das Geschäft war anfangs sehr nischig“, erzählte kürzlich einer der Pioniere der börsengehandelten Indexfonds in Deutschland im Interview mit dem Münchner Merkur. Als er 2007 zur Deutschen Bank gewechselt sei, sei er dort tatsächlich von seinen Kollegen belächelt worden, so Simon Klein, der heute Vertriebsleiter bei Xtracker, der ETF-Sparte der DWS, ist. „Die Stimmung war etwa so: Was will der Typ mit seinen ETFs? Und was ist das überhaupt?“. Das Ganze habe etwas von einem Garagen-Start-up gehabt.
Erste private Sparpläne mit ETFs kamen erst 2010
Martin Bechtloff, Vizepräsident der ETF-Sparte bei der US-Investmentgesellschaft Franklin Templeton, bestätigt: „ETFs galten damals als Torheit, als ein Investment ins Mittelmaß. Entgegen den Annahmen der Kritiker sind sie aber kein Nischenprodukt geblieben, sondern sind inzwischen vor allem bei der jungen Generation praktisch das Synonym für Geldanlage“.
Los ging es für Privatanlegerinnen und -anleger im Jahr 2010, als die ersten Sparpläne aufgelegt wurden. Heute ist das Angebot riesig. Allein die Deutsche Börse bietet mehr als 2300 ETFs an. Mit ihnen kann man unter anderem in Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Edelmetalle investieren. Zudem gibt es ETFs mit Schwerpunkten wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, künstliche Intelligenz oder Rüstung. Man kann in einzelne Länder oder Regionen investieren, es gibt Batterietechnik-ETFs, Halbleiter- und Raumfahrt-ETFs und sogar Videospiel- und Luxusgüter-ETFs. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die gemessen an den Geldzuflüssen mit Abstand beliebtesten Fonds sind aber MSCI World ETFs.
„ETFs sind kein Nischenprodukt geblieben, sondern sind inzwischen vor allem bei der jungen Generation praktisch das Synonym für Geldanlage.“
In den vergangenen Jahren – nach dem Rücksetzer durch die Corona-Krise – konnten sich institutionelle wie private Anleger über beständig steigende Kurse freuen. Doch plötzlich herrscht große Unsicherheit. US-Präsident Donald Trump versetzt mit seinem Zollpoker die Weltbörsen in Unruhe. Der S&P 500, der 500 führende börsennotierte US-Unternehmen umfasst, brach nach dem sogenannten Liberation Day um mehr als 4,8 Prozent ein. Der Nasdaq 100 fiel um 5,4 Prozent, der Dax rauschte sogar um satte zehn Prozent ab. Der Volatilitätsindex Vix stieg auf einen rekordverdächtigen Punktestand von mehr als 50, ein Zeichen für die enorme Verunsicherung. Inzwischen hat sich der Dax wieder berappelt und erreichte erst Ende vergangener Woche nach dem Zolldeal mit Großbritannien und dann am Montag mit China neue Bestmarken. „Die Märkte sind derzeit extrem politisch getrieben“, sagt Marcus Weyerer, verantwortlich für die Investmentstrategie bei Franklin Templeton. „Europa ist von den Zöllen getroffen, profitiert aber von Kapitalzuflüssen.“ Im ersten Quartal dieses Jahres hat Europa die USA auch bei den Nettozuflüssen in ETFs erstmals übertroffen.
Die weitere Entwicklung der Aktienkurse hänge, so Weyerer, stark vom Konjunkturausblick der größten Volkswirtschaft der Welt ab und der wiederum von der Konsumentenstimmung in den USA. „Derzeit geben die Amerikaner ihr Geld noch aus“, sagt Weyerer, der die USA aus heutiger Sicht als „noch risikofrei“ bewertet. Allerdings korreliere die Konsumlaune in den USA stark mit der Zustimmung zum Präsidenten. Und wie man weiß, übertrifft Trump derzeit nur sich selbst als unbeliebtesten US-Präsident der Geschichte. Am vergangenen Mittwoch erklärte die US-Notenbank Fed, die Unsicherheit über den Konjunkturausblick habe weiter zugenommen, und trotzte erneut den Forderungen Trumps nach Zinssenkungen.
Ruhe bewahren ist die Devise
Angesichts der hohen Volatilität an den Märkten fragen sich Anlegerinnen und Anleger, wie sie reagieren sollen. Fachleute raten immer wieder, Ruhe zu bewahren. Schließlich sind ETFs keine kurzfristigen Spekulationsvehikel, sondern eine langfristige Geldanlage, bei der sich zeitweilige Verluste erfahrungsgemäß über die Jahre ausgleichen. Der Fondsanbieter Franklin Templeton, der weltweit rund 35 Milliarden Dollar in ETFs verwaltet, kann keine Panik feststellen. Zwar hätten institutionelle Investoren teilweise umschichten müssen, „die Retailkunden sind aber relativ ruhig geblieben“, sagt ETF-Spezialist Bechtloff. „Sie sehen die Kurskapriolen auch als eine Chance für einen Einstieg in den Aktienmarkt.“ Als vielversprechend identifiziert man bei Franklin Templeton zum Beispiel Aktien-ETFs aus China und vor allem Indien.
Als krisenfest werden von vielen Fondsanbietern inzwischen aktiv gemanagte ETFs beworben. Anders als der klassische, rein passive ETF verfolgen diese eine gezielte Anlagestrategie, bei der Portfoliomanager aussichtsreiche Investments aussuchen und Risiken aktiv steuern. Investoren, so heißt es, sollten dadurch von den Vorteilen der ETF-Struktur und gleichzeitig von aktivem Management profitieren. Das kostet allerdings Geld – und widerspricht eigentlich dem Grundkonzept des ETF.
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