„Schafft Unsicherheit“

Absage an Erbschaftsteuer-Reform: Frei stoppt Spahn-Vorstoß und fordert Bürgergeld-Reform

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Die Union plant Reformen: Beim Bürgergeld herrscht Einigkeit, doch die Erbschaftssteuer sorgt für Streit in der Koalition.

Berlin – Die Union will beim Bürgergeld sparen – ganz zum Unmut der Sozialdemokraten. CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn hatte Anfang September in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, dass man „beim Bürgergeld sogar mehr als zehn Prozent“ einsparen könne. Im Sinne des geplanten „Herbst der Reformen“ betonte der Kanzleramtsminister Thorsten Frei nun, vor allem die Anzahl der Bürgergeldempfänger reduzieren zu wollen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Im Gespräch mit der Welt am Sonntag erklärte der Minister: „Ziel ist nicht weniger Unterstützung für Berechtigte, sondern deutlich weniger Empfänger, weil mehr Menschen wieder arbeiten. Das ist fair gegenüber denen, die ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit sichern, und mit Blick auf unseren Etat ist das vernünftig.“ Um das zu erreichen, solle es eine Ausgabenbegrenzung und mehr Gerechtigkeit durch klare Leistungsanreize geben, erklärte Frei.

Debatte um das Bürgergeld: Union sieht Einsparpotenzial von 10 Prozent

Laut ihm sei es eine Frage des „politischen Mutes“, beim Bürgergeld zu sparen. Doch es gibt Hürden. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte wiederholt, den sogenannten „Totalverweigerern“, also jenen, die trotz Job-Angebote keiner Arbeit nachgehen, das Bürgergeld komplett zu streichen. Rechtlich ist das allerdings schwierig umsetzbar, kritisieren Experten. Das Bürgergeld ist durch Artikel 1 des Grundgesetzes abgesichert. Ein menschenwürdiges Existenzminimum muss demnach vom Staat gewährleistet werden.

Beim Bürgergeld sind sich Spahn und Frei einig – doch bei einer Reform der Erbschaftssteuer gehen die Meinungen dafür umso mehr auseinander. Kürzlich hatte der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland als Problem bezeichnet und damit eine Debatte zur Erbschaftssteuer losgetreten. Man müsse hier eine größere Gerechtigkeit herstellen, sagte Spahn. Überraschenderweise erhielt Spahn auch Zuspruch aus der CSU. Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Hoffmann, pflichtete Spahn bei. „Ich glaube, es ist gut, dass die Argumente auf dem Tisch liegen. Allein die Diskussion zeigt, dass es da Handlungsbedarf gibt“, sagte Hoffmann den Zeitungen der Mediengruppe Bayern.

Kanzleramtsminister Thorsten Frei im Gespräch mit CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn. Frei bremst seinen Kollegen beim Bürgergeld zunächst aus.

Reform der Erbschaftssteuer: Frei stellt sich gegen Spahns Vorstoß und kritisiert Initiative

Frei pfiff seine Leute im Interview mit der Welt am Sonntag nun zurück. Haushaltskonsolidierungen gelingen nicht primär über neue Steuern, so der Kanzleramtschef. „Wir sollten nicht vergessen, dass der Staat Rekordeinnahmen erzielt. Zudem gibt es große Sondervermögen. Es geht vielmehr um Prioritäten. Darüber hinaus ist die Erbschaftsteuer hochkomplex, und hohe Privatvermögen werden bereits besteuert.“

Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland

Die Vermögensverteilung in Deutschland gehört zu den ungleichsten in Europa. Die wohlhabendsten zehn Prozent der Haushalte besitzen zusammen etwa 60 Prozent des gesamten Nettovermögens, während die unteren 20 Prozent der Bevölkerung gar kein Vermögen besitzen. Etwa neun Prozent aller Haushalte weisen sogar negative Vermögen auf und sind verschuldet.

Das durchschnittliche Nettovermögen lag 2014 bei 214.500 Euro, der Median jedoch nur bei 60.400 Euro – diese große Differenz verdeutlicht die extreme Konzentration des Reichtums. Wer mehr als 722.000 Euro besitzt, gehört bereits zu den oberen fünf Prozent der Vermögensverteilung. Zum Vermögen zählen Sachvermögen wie Immobilien und Unternehmen sowie Finanzvermögen, abzüglich aller Schulden.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

Doch die Schere zwischen Arm und Reich wird in Deutschland immer größer. Je größer das Vermögen einer Person ist, desto weniger zahlt sie statistisch prozentual an Steuern – Steuerschlupflöcher werden vor allem von den Superreichen missbraucht. Die Kritik an der aktuellen Erbschaftssteuer: Alle zehn Jahre können Eltern 400.000 Euro steuerfrei an ihre Kinder verschenken. Das kritisierte auch SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel bemerkte er: „Das ist unfair und gehört beendet.“ Im Laufe eines Lebens kämen so nämlich riesige Summen zusammen, da viele sehr wohlhabende Familien bereits ausgesprochen früh damit beginnen würden, ihre Kinder zu beschenken.

SPD legt Alternative zur Erbschaftssteuer vor – Frei pocht auf Innovation und Wettbewerbsfähigkeit

Thorsten Frei sieht das anders. Er kritisiert, dass eine Verschärfung der Erbschaftssteuer Familienunternehmen zum Verkauf ihres Betriebs zwingen könnte. „Kapital, das als Steuer abgeführt wird, fehlt für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb ist die Erbschaftsteuer immer auch Strukturpolitik. (…) Spekulationen schaffen Unsicherheit; Unternehmen brauchen aber Planbarkeit.“

Die Debatte um eine Reform der Erbschaftssteuer ist damit sicher nicht beendet. Die SPD befürwortet Spahns Vorstoß. Klüssendorf etwa fordert als Alternative einen „Lebensfreibetrag“.  Es würde dann eine bestimmte Summe X geben, die ein Mensch in seinem Leben erben oder geschenkt bekommen kann, ohne Steuern zu zahlen. (Quellen: Tagesspiegel, Hans-Böckler-Stiftung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, dpa, Welt am Sonntag, Mediengruppe Bayern) (sischr)

Rubriklistenbild: © ODD ANDERSEN/AFP

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