VonAnna Laura Müllerschließen
Flora Geske, Mitgründerin des Start-ups Summ AI, spricht im Interview über mehr Barrierefreiheit in der Sprache und wie KI dabei helfen kann.
Wenn beim Lesen vom Steuerbescheid nicht klar ist, wie hoch die Nachzahlung wirklich ausfällt, oder einen das Formular für die Behörde vor mehr Rätsel als Lösungen stellt, dann liegt das oft an der zu komplizierten Sprache. Umgangssprachlich als „Beamtendeutsch“ verschrien, ist diese Sprache für einige Menschen nicht einfach nur lästig. Menschen mit Lernschwierigkeiten sind beispielsweise darauf angewiesen, dass Texte zugänglich gemacht werden. Denn auch bei Informationen gilt Barrierefreiheit. Das Münchner Start-up Summ AI hat sich genau das zur Aufgabe gemacht: Flora Geske und ihre Mitgründer:innen haben ein KI-Tool entwickelt, das Texte in Leichte oder Einfache Sprache übersetzt.
Frau Geske, wie oft haben Sie selbst schon ein Schreiben von einer Behörde durch Ihr KI-Tool übersetzen lassen?
Tatsächlich des Öfteren! Zum Beispiel, wenn es um unser Unternehmen geht und ich es mit juristischen Texten oder steuerlichen Informationen zu tun habe. Da bekommen wir manchmal ein Schreiben, bei dem ich sage: Moment, was ist denn jetzt hier gemeint? Und dann packe ich den Text ins Tool und das hilft sehr gut, erst mal im Grundsatz zu verstehen, worum es geht. Natürlich halte ich bei sehr wichtigen Themen dann aber auch noch Rücksprache mit den Fachleuten.
Oft ist die Grenze zwischen Einfacher und Leichter Sprache nicht ganz klar. Wie definieren Sie das?
Wir richten uns da nach den offiziellen Definitionen, denn die Leichte und die Einfache Sprache sind mittlerweile durch DIN- bzw. ISO-Normen spezifiziert. Die Leichte Sprache ist sehr leicht, es gibt zum Beispiel keine Nebensätze und der Wortschatz orientiert sich am Sprachniveau A1-A2. Und dann gibt es zusätzlich die Einfache Sprache, die etwas mehr Komplexität zulässt, vor allem Nebensätze. Das liest sich etwas flüssiger, aber ist nicht maximal barrierefrei. Sie hilft aber zum Beispiel Laien beim Zugang zu Fachtexten oder Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen.
Zielgruppe des Tools sind also sowohl Menschen mit Lernschwierigkeiten, Nicht-Muttersprachler:innen und auch Menschen, die bei sogenanntem Beamtendeutsch aussteigen. Wer stand bei der Entwicklung im Fokus?
Die Idee ist bei mir im Familienkreis entstanden. Meine Tante hat eine kognitive Behinderung und braucht deswegen Leichte Sprache, um im Alltag Texte lesen zu können und an Informationen zu kommen. Sie interessiert sich zum Beispiel sehr für Politik, aber kann Artikel zu dem Thema nicht einfach so lesen, weil die zu kompliziert für sie sind. Und wenn sie wichtige Infos recherchieren möchte, zum Beispiel auf der Website ihrer Kommune, kommt sie auch nicht weiter. Genau deshalb gibt es die Leichte Sprache als definierten Sprachstil aus dem Bereich Barrierefreiheit. Den haben nicht wir uns überlegt, sondern er ist ursprünglich entwickelt worden, um Menschen wie meiner Tante und Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit funktionalem Analphabetismus und anderen Behinderungen Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Das Tolle daran ist darüber hinaus, dass die Leichte Sprache sozusagen „aufwärts kompatibel“ ist. Sie ist also der kleinste sprachliche gemeinsame Nenner – das heißt, wir alle profitieren davon, wenn Texte leichter sind, nicht nur die Menschen, die zwingend darauf angewiesen sind.
Andersherum könnte man auch sagen: Einige Menschen sind darauf angewiesen, während es für andere nur ein „nice-to-have“ ist. Wie sensibel gehen Sie mit diesem Unterschied um?
Man muss, glaube ich, im Bereich Inklusion allgemein sensibel sein, auch bei der Art und Weise, wie man über eine Zielgruppe spricht. Deshalb haben wir von Anfang an erst einmal in die Community „reingehört“ und Fragen gestellt: Wie können wir wirklich mit KI helfen? Und macht das Sinn, was wir hier tun? Was wir gemerkt haben, ist, dass für den Bereich Barrierefreiheit die Akzeptanz oft viel größer ist, wenn man auf solche positiven Effekte wie die „Aufwärts-Kompatibilität“ aufmerksam macht.
Welche sind das konkret?
Ich mache das immer gerne am Beispiel der Rampe deutlich: Als Rollstuhlfahrer:in ist man darauf angewiesen, eine zu haben. Aber wenn ich mit dem Rollkoffer unterwegs bin, dann freue ich mich auch darüber. Insofern machen wir an ganz vielen Stellen auch darauf aufmerksam, dass eine Maßnahme der Barrierefreiheit für manche Menschen essenziell ist, aber für ganz viele Menschen auch einen positiven Effekt hat und gar nicht stört – im Gegenteil. Denn wenn wir mit Unternehmen sprechen, die unser Tool einsetzen wollen, geistert da ganz oft das „Schreckgespenst Barrierefreiheit“ herum. Da kommen dann Bedenken wie: Das wird jetzt ganz teuer, das ist ganz aufwendig. Wenn man aber auf diese positiven Effekte hinweist, dann steigert das die Akzeptanz.
Zur Person
Flora Geske (30) hat zunächst Wirtschaftsinformatik an der Universität Passau und später an der TU München und University of Toronto studiert. Im April 2022 gründete sie in München mit Vanessa Theel und Nicholas Wolf das Start-up Summ AI. Mittlerweile arbeiten dort 22 Menschen. alm/Bild: Fabian Tode
Sie richten sich vor allem an Behörden und Unternehmen. Verorten Sie so die Verantwortung für barrierefreie Kommunikation gezielt bei den Institutionen?
Es hat zwei große Gründe, wieso wir das ganz bewusst so entschieden haben. Der eine ist technischer Natur: Wenn KI-Output generiert wird, ist uns wichtig, dass noch mal ein Mensch drüberliest, der den Ausgangstext auch versteht. Allgemein ist unser Tool mit einem Klick im Content-Management-System integriert. Die Leute, die zum Beispiel eine Behörden-Website pflegen, sind aber trotzdem dazu angehalten, den generierten Leichte-Sprache-Text noch einmal durchzugehen und dann zu entscheiden, ob alles von den Fakten her passt. Wir wollen nicht, dass Falschinformationen verbreitet werden, gerade bei so einer vulnerablen Leserschaft. Und unser Tool ist zwar sehr gut, aber es kann immer mal sein, dass etwas durchrutscht, genau wie uns Menschen beim Lesen Missverständnisse passieren.
Und der andere Grund?
Weil wir ein privatwirtschaftliches Unternehmen sind und ziemlich viel Geld in die Entwicklung von dem KI-System gesteckt haben, können wir es Menschen wie meiner Tante nicht umsonst anbieten. Außerdem gibt es die gesetzliche Verpflichtung für Institutionen und Unternehmen, Barrierefreiheit zu gewährleisten. Deswegen gehen wir gezielt dahin, wo das regulatorisch gefordert wird und wo auch Geld dafür da ist. Wir gehen nicht zu den Menschen, die sowieso schon die Barriere haben und die dann auch noch für den Service bezahlen müssten, um die Barriere abzubauen. So kann unser Modell für alle Beteiligten funktionieren und die Zielgruppe profitiert maximal.
Ist man dann nicht wieder abhängig davon, dass sich Behörden auch wirklich darum kümmern?
Deswegen versuchen wir auch da wieder positiv zu argumentieren. Was wir zum Beispiel an vielen Stellen aus dem kommunalen Bereich hören: Oft wird nur eine einstellige Prozentzahl an Anträgen vollständig eingereicht, weil die Bürger:innen gar nicht genau wissen oder nicht genau verstehen, welche Dokumente sie mitschicken müssen oder wie das Antragsformular auszufüllen ist. Das ist dann wieder sehr viel Arbeit für die Verwaltungsmitarbeitenden. Wenn sie aber das Formular von Anfang an mit einer Erklärung in Leichter Sprache herausgeben, dann kann diese Arbeit verringert werden, weil die Bürger:innen genau verstehen, was zu tun ist. Wenn diese Abläufe an der Schnittstelle zu den Bürger:innen oder Endkund:innen einfacher zu verstehen sind, dann gibt es weniger Frust, es gibt weniger Rückfragen, man kann Aufwand und Kosten einsparen. Über diese Mechanismen versuchen wir zu argumentieren und nicht nur die Keule zu schwingen und zu sagen: Ihr müsst aber!
Gibt es Rückmeldungen von Behörden, die ihre Ausgangstexte weniger kompliziert formulieren, seit sie Ihr Tool nutzen?
Wir bekommen oft das Feedback, dass unser Tool einen „pädagogischen Effekt“ hat. Die Mitarbeitenden, die damit arbeiten, reflektieren dann vermehrt und fragen sich: Warum habe ich denn eigentlich in dem Ausgangstext so wahnsinnig kompliziert formuliert? Und sie nehmen sich dann vor, im Alltag allgemein leichter zu formulieren. Einfach weil dann das Bewusstsein dafür da ist, dass da Barrieren aufgebaut werden, die vielleicht gar nicht da sein müssten.
Bei KI kommt es ja darauf an, wer sie mit Informationen füttert. Wer macht das bei Ihnen?
Wir haben ein spezialisiertes Sprachen-Team und das ist das Herzstück unseres Entwicklungsteams. Dort arbeiten Menschen, die eine Ausbildung für Leichte Sprache haben und Expert:innen dafür sind, welche sprachlichen Regeln genau eingehalten werden müssen. Dieses Team arbeitet täglich an Trainingsbeispielen für das KI-Modell und evaluiert genau, was schon gut funktioniert und was noch verbessert werden muss.
Wie schaffen Sie es, dass das Tool dann keine Klischees, beispielsweise über Menschen mit Behinderungen, reproduziert?
Es gibt eine Feedback-Funktion, bei der Nutzende rückmelden können, wenn etwas noch nicht passt. Da würden dann auch Themen auffallen, bei denen Klischee-behaftet formuliert wird. Wir achten aber bereits im Prozess des KI-Trainings penibel darauf, dass keine diskriminierenden oder Bias-behafteten Formulierungen überhaupt erst ins Tool gelangen – zum Beispiel Formulierungen wie „an den Rollstuhl gefesselt“ zu vermeiden und stattdessen „sitzt im Rollstuhl“ zu schreiben. Aber auch inhaltlich kommt es darauf an, dass das KI-Modul sich mit den Inhalten der Bereiche „auskennt“, in denen es eingesetzt wird. Aktuell vor allem im öffentlichen Sektor und bei Behörden, aber auch im Gesundheits- und Mobilitätsbereich, etwa bei der Apothekenumschau oder der Deutschen Bahn.
Übersetzer:innen sind also nicht die Haupt-Zielgruppe. Sehen die Ihr Tool vielleicht auch als Bedrohung für ihre Arbeit?
Wir haben eine hohe Akzeptanz in der Übersetzer:innen-Community, weil dort das Tool auch einfach gerne als Grundlage für händische Übersetzungen verwendet wird. Darüber hinaus nehmen wir den Übersetzer:innen aber auch gar keine Aufträge weg, denn bisher gab es eine viel höhere Nachfrage, als Kapazitäten da waren. Da entstanden dann auch mal drei Monate Wartezeit auf einen finalisierten Auftrag. Insofern wird der Kuchen durch KI für alle ein ganzes Stück größer – auch für die Übersetzer:innen, die Lust haben auf KI und sich damit auseinandersetzen möchten. Es gibt natürlich auch ein wenig Gegenwind aus einigen Ecken, aber das ist ja bei neuer Technologie fast immer so.

