Demografischer Wandel

Altersvorsorge: Die Zukunft steht auf wackeligen Beinen

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Das deutsche Rentensystem gerät zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Die Debatte, wie das Problem gelöst werden könnte, ist hitzig und aufgeladen. Ein Überblick.

Berlin – Deutschland kämpft seit Jahren mit den Folgen einer alternden Bevölkerung, wofür allen voran der Rückgang der Geburtenraten verantwortlich ist. Zudem hat sich diese Tendenz durch die rückläufige Sterblichkeit seit den 1970er Jahren verstärkt. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf Sozialsystem, Rente, die Pflege und Gesundheit.

Denn diese Bereiche liegen einem Generationenvertrag zugrunde, der für einen Ausgleich der gestiegenen Ausgaben im Alter sorgt. Ebenso wirkt sich die Alterung auf öffentliche Finanzen aus, da mit sinkender Anzahl der Erwerbstätigen auch die Steuereinnahmen sinken – mit einem Folgeeffekt für das Sozialsystem.

Die Rente ist nicht sicher. Menschen müssen heute auch privat vorsorgen, um sich vor Armut zu schützen.

Alternde Bevölkerung und Rente: Keine Beitragszahler, keine Sicherheit

Mit Blick auf die Rente hat die aktuelle Entwicklung folgende Konsequenzen: Das deutsche Rentensystem basiert auf einem Umlageverfahren. Dadurch werden die aktuellen Rentenempfänger durch Beitragszahlungen der Erwerbstätigen finanziert. Mit sinkender Zahl der Beitragszahlenden, müssten sich die Beiträge erhöhen, um das Rentenniveau von 48 Prozent zu halten. Andernfalls wird sich das Rentenniveau – das Verhältnis zwischen Standardrente und dem Durchschnittsgehalt – verringern. Dieses lag im Jahr 1973 noch bei 52,9 Prozent und wird voraussichtlich im Jahr 2035 auf 45,8 absinken. 

Infolgedessen droht vielen Rentnern heute schon die Altersarmut. Wie stark Rentner von diesem Effekt betroffen sein werden, hängt insbesondere von der Entwicklung der Preise und Unterkunftskosten ab. Angesichts der wachsenden Wohnungsnot in Deutschland und der noch immer hohen Preise für Nahrungsmittel werden Rentner bereits heute stark belastet. 

Rentenpaket II legt Last auf Schultern der Jungen

Das Bewusstsein über das Problem hat die Menschen schon längst erreicht. So ergab eine aktuelle INSA-Umfrage im Auftrag von Bild am Sonntag, dass 72 Prozent der Befragten die Rente mittlerweile für unsicher halten. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) haben dazu das Rentenpaket II im März vorgelegt. Dies soll eine Explosion der Rentenbeiträge verhindern, indem Renditen aus dem Kapitalmarkt genutzt werden. Außerdem wird darauf abgezielt, das Rentenniveau von 48 Prozent zu halten.

Lindner plädiert ebenso für ein höheres Renteneintrittsalter. Der Rheinischen Post sagte der Minister: „Bei der Rente ist offensichtlich, dass wir die Lebensarbeitszeit verlängern müssen, idealerweise durch einen individuellen Renteneinstieg und finanzielle Anreize für längeres Arbeiten“. Dagegen stemmt sich allerdings laut INSA mit 52 Prozent die Mehrheit der Deutschen. 

Für die Aktienrente hagelte es seitens Experten bereits ordentlich Kritik. So bemängelte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger gegenüber der Bild am Sonntag, „dass der Bundesarbeitsminister jetzt noch einmal massiv die Rentenausgaben erhöhen will, obwohl wir vor dem größten Alterungsschub stehen, den es jemals in Deutschland gegeben hat“. Auch Ökonom Bernd Raffelhüschen moniert, dass das vorgelegte Muster an der falschen Stelle ansetze. Die richtige Entscheidung würde lauten „die Beiträge konstant zu halten und das Rentenniveau anzupassen“. Denn die demografische Last würde damit nicht von den Jungen, sondern von den Alten getragen.

Alternde Wählerschaft: Politik wird zum Vorteil der Rentenbezieher statt Beitragszahler geführt

Mit der Alterung der Bevölkerung wird eine Rentenpolitik betrieben, die größtenteils durch die Rentengeneration angeführt wird. Denn es ist nicht nur so, dass die Zahl der Älteren steigt, sondern auch die Wahlbeteiligung bei jüngeren Generationen wird niedriger. Laut Berechnungen des Demografie Portals hat sich die Altersverteilung bei der Bundestagswahl im Jahr 2021 gegenüber früheren Wahlen weiter zugunsten älterer Wahlberechtigter verschoben. So sei jeder siebte Wähler von insgesamt 61,2 Millionen jünger als 30 Jahre alt gewesen. Gleichzeitig war jeder fünfte über 70 Jahre alt.

Lösungen zum Schutz vor Altersarmut bieten auch Modelle der privaten Altersvorsorge. Diese Modelle wurden von der Politik allerdings bisher nicht obligatorisch gemacht. Ein Blick in das System skandinavischer Länder und der Niederlande zeigt, dass sich dort die robusteren Vorsorgemodelle der Welt vorfinden lassen. Diese setzen auf einen Mix aus Grundrente, betrieblicher und privater Altersvorsorge. So erhalten Rentner dort fast ihr früheres Gehalt. Dem UBS Global Wealth Report zufolge liegt das Vermögen im Alter bei Ländern mit stärkerem Vertrauen in Aktien bei der Altersvorsorge höher.

Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

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