Lage der Rentenversicherung

Rentner mit niedrigem Einkommen: Mehr Rente für eine Gruppe im Alter

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Berater der Bundesregierung stützen sich auf einen Regensburger Ökonomen beim Thema Rente. Der schlägt vor, Arbeitnehmer mit niedrigen Löhnen im Alter stärker abzusichern.

München – Im November (08.11.23) hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung „eine Kombination mehrerer Reformmaßnahmen“ der Rente „unverzichtbar“ genannt. Denn die Rentenversicherung blickt schwierigen Zeiten entgegen. So steht nicht durch das Renteneintrittsalter vieler Jahrgänge der Babyboomer-Generation bevor. Auch die niedrigen Geburtenraten der späten 1990er und 2000er Jahre könnten sich bald auf den Arbeitsmarkt ausschlagen. 

Von politischer Seite soll nun darauf reagiert werden. Im Zuge seines Jahreswirtschaftsberichts schlägt Bundeswirtschafts- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) eine Steigerung der Erwerbstätigkeit über alle demografischen Gruppen hinweg vor. Demzufolge will Habeck mehr Menschen nach Erreichen des Renteneintrittsalters dazu motivieren, weiterzuarbeiten. Eine ähnliche Richtung schlägt auch die CDU in ihrem neuen Grundsatzprogramm ein. Mit einer „Aktivrente“ sollen Beschäftigte, die das gesetzliche Rentenalter erreicht haben und dennoch weiterarbeiten, bis zu 2000 steuerfrei im Monat hinzuverdienen können. 

Auch einigen Ökonomen und weiteren Experten sind Rentenreformen unumgänglich. Zu ihnen gehört Wirtschaftswissenschaftler Fabian Kindermann. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg und dort auf den Schwerpunkt Ökonomie des öffentlichen Sektors spezialisiert. Aktuell kommt es ihm vor allem darauf an, dass Menschen mit niedrigen Einkommen mehr Rente erhalten. Wie aber kann das funktionieren?

Ökonom Kindermann: Müssen alles tun, um Arbeitnehmer im Arbeitsmarkt zu halten

Kindermann hält „höhere Rentenbeiträge sowie Kürzungen der Rentenleistungen“ angesichts des anstehenden demografischen Wandels „für vorprogrammiert“, wie er kürzlich in einem Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung sagte. Um die Konsequenzen des demografischen Wandels über die kommenden 20 bis 30 Jahre abfangen zu können, hält er es für unabdinglich, das gesamte Arbeitskräftepotenzial in Deutschland zu mobilisieren. 

„Kurz gesagt bedeutet das, dass wir alles Mögliche tun sollten, um potenzielle Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt zu integrieren und sie dort auch zu halten. Dies gilt natürlich auch für Arbeitnehmer jenseits des 67. Lebensjahres“, fügt Kindermann hinzu. Entgegen dieses Vorschlags zeigen die Statistiken der letzten Jahre jedoch, dass eine Vielzahl von Angehörigen der Babyboomer-Generation am liebsten so früh wie möglich in Rente gehen will.

Wie aber kann trotz dieser Tendenz verhindert werden, dass Arbeitsmarkt und Rentenkasse noch größere Probleme bekommen? Dem Experten zufolge könne dies nur mit einer Gesetzgebung funktionieren, die sich den unterschiedlichen Bedürfnissen älterer Beschäftigter annimmt. „Hier muss man einerseits positive Anreize für eine längere Lebensarbeitszeit schaffen und andererseits die Bedürfnisse derjenigen im Blick behalten, für die eine längere Lebensarbeitszeit nicht infrage kommt“, betont Kindermann. Zudem müsse die Zuwanderung gezielt gesteuert werden – vor allem im Bereich qualifizierter Arbeitskräfte, wo es noch immense Defizite gebe.

Reformvorschlag für die Rentenversicherung – so sollen Risikogruppen im Alter abgesichert werden

Als kurzfristige Maßnahme empfahl der Sachverständigenrat auch, den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor zu verstärken. Er ist Teil der Rentenanpassungsformel, mit der jährliche Veränderungen des Rentenniveaus berechnet werden. In ihm werden Veränderungen im zahlenmäßigen Verhältnis von Rentenbeziehern zu Beitragszahlern berücksichtigt. Steigt die Zahl der Rentner schneller als die der Beitragszahler, wirkt sich dies dämpfend auf die Rentenanpassung aus. Umgekehrt wirkt er steigernd bei der Rentenanpassung. In diesem Jahr erhöht der Nachhaltigkeitsfaktor die Rentenanpassung um 0,64 Prozentpunkte.

Aktuell wird die Last der alternden Bevölkerung durch den Nachhaltigkeitsfaktor nämlich zu 75 Prozent von Arbeitnehmern getragen und zu 25 Prozent von Rentnern. Dem Vorschlag des Sachverständigenrats zufolge soll das Verhältnis künftig 50 zu 50 betragen. Dadurch würde das Arbeitseinkommen zwar weniger durch zunehmende Alterung belastet werden, jedoch müssten Rentenleistungen in der Folge gekürzt werden.

Das wiederum würde verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark treffen. Während sich einige infolge gekürzter Rentenleistungen auf Formen der Eigenvorsorge stützen könnten, bliebe anderen diese Möglichkeit nicht. Unter anderem deshalb haben Kindermann und Kollegen an der Universität Regensburg einen Reformvorschlag für die Rentenversicherung entworfen. Er soll Risikogruppen im Rentenalter absichern. Demnach sollen Arbeitnehmer mit geringen Einkommen und folglich geringen Rentenanwartschaften überproportional hohe Rentenleistungen erhalten. Dem Modell nach würde die Finanzierung der Rentenleistungen für einkommensstärkere Gruppen gekürzt werden.

Von politischer Seite gibt es bislang wenig Resonanz zum Reformvorschlag

Obwohl der Sachverständigenrat vom Reformvorschlag so überzeugt war, dass er ihn in seine Empfehlungen im Jahresgutachten aufnahm, gibt es Kindermann zufolge von politischer Seite bislang wenig Resonanz. Schuld daran könnte unter anderem das milliardenschwere Defizit im Bundeshaushalt sein. 

Menschen im Rentenalter bei einem Spaziergang

Kindermann betont, er vermisse diesbezüglich den Mut der Bundesregierung, Regelungen der gesetzlichen Rentenversicherung an den demografischen Wandel anzupassen, wie es etwa Anfang der 2000er Jahre geschah. 

„Seitdem haben wir jedoch eher das Gegenteil beobachtet, nämlich eine Ausweitung der Rentenversicherungsleistungen. Man kann es der Politik kaum verübeln. Rentner sind eine starke Wählergruppe, und schlechte Nachrichten zur Rente spiegeln sich oft in schlechten Wahlergebnissen wider“, fügt der Wirtschaftswissenschaftler hinzu.

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