„Wasserstoff ist ineffizient“

Debatte um Gasnetze wird hitziger

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Die Ampel-Koalition hat die Debatte um die Zukunft der Energieversorgung angestoßen. Stadtwerke stehen vor der Herausforderung, ihre Gasnetze neu zu denken.

München – Die Debatte um die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland ist durch die Ampel-Koalition intensiver geworden als je zuvor. Insbesondere das Gebäudeenergiegesetz (GEG) hat für kontroverse Diskussionen gesorgt. Aktuell steht ein Diskussionspapier des Wirtschaftsministeriums im Fokus, das die Zukunft des Gasnetzes und dessen Notwendigkeit thematisiert.

Für viele Unternehmen, insbesondere Stadtwerke, steht bei dieser Debatte ihre Existenz auf dem Spiel. Laut Handelsblatt generieren sie zwischen 20 und 60 Prozent ihres Gewinns aus der Gasversorgung. Daher ist es für sie nahezu unvorstellbar, die Gasnetze einfach stillzulegen. Doch diese Entscheidung liegt nicht allein in ihren Händen - wenn niemand mehr Gas kaufen möchte, wird es unrentabel, die Netze weiterzubetreiben.

Insbesondere für Stadtwerke steht bei der Energie-Debatte ihre Existenz auf dem Spiel.

Stadtwerke Augsburg legen Gasnetz möglicherweise in zehn Jahren still

Die Stadtwerke Augsburg haben vor kurzem einen ungewöhnlichen Schritt gewagt und angekündigt, die Gasnetze möglicherweise stillzulegen. Sie informierten ihre Kunden, dass sie bis 2040 etwa 70 Prozent der Augsburger mit einem Wärmenetz versorgen können. Wenn sich die Verbraucher in einem Gebiet dann mehrheitlich für Fernwärme entscheiden, werde in das dortige Erdgasnetz allerdings nicht weiter investiert, erklären die Stadtwerke weiter.

Ein radikaler Schritt, den nur wenige Gasnetzbetreiber bereit sind, zu gehen - aus nachvollziehbaren Gründen. Gas war bisher eine zuverlässige Einnahmequelle, da etwa die Hälfte der Deutschen es als Hauptenergiequelle nutzt. „Alle wissen, dass die Erdgas-Nachfrage stark sinken wird. Aber es gibt verständlicherweise noch große Vorbehalte, die Konsequenz zu ziehen, das Gasnetz abzuschreiben und den Rückbau zu initiieren“, so Olaf Geyer, Stadtwerke-Experte bei der Unternehmensberatung ADL, gegenüber dem Handelsblatt.

Es ist daher nachvollziehbar, dass kommunale Unternehmen nach Alternativen suchen, um das Gasnetz weiter zu betreiben. Biomethan, das chemisch gesehen identisch mit Erdgas ist, aber aus biologischen Abfällen hergestellt wird, wird oft als mögliche Lösung genannt. Allerdings fehlt bisher der politische Wille, die Produktion maßgeblich zu fördern.

Bundesregierung sieht Wasserstoff als Schlüssel zur Energiewende

Die Bundesregierung sieht Wasserstoff schon seit längerem als Schlüssel zur Energiewende. Im Zuge der Debatten um das GEG wurde daher die Frage aufgeworfen, ob Wasserstoff in Zukunft zum Heizen verwendet und dafür das bestehende Gasnetz genutzt werden könnte.

Diese Idee stößt jedoch auf Widerstand bei Experten. Vor kurzem haben sich 200 Verbände zusammengeschlossen, um in einem Warnbrief die 10.753 Kommunen im Land vor einem Einsatz von Wasserstoff zur Wärmeversorgung zu warnen. „Heizen mit Wasserstoff ist wie Duschen mit Champagner“, wird die Energieexpertin Claudia Kemfert zitiert.

„Wasserstoff ist ineffizient, voraussichtlich kaum verfügbar und wird dementsprechend mittel- und langfristig teuer bleiben. Wasserstoff in der kommunalen Wärmeplanung stellt somit eine Kostenfalle für Kommunen und ihre Bürger dar. Außerdem gefährdet Wasserstoff in der Wärmeplanung die nationalen Klimaziele“, heißt es in dem Brief der Umweltschützer, der IPPEN.MEDIA vorliegt. Sie betonen jedoch auch: „Ein Wasserstoffnetz zur Versorgung der Industrie ist hier nicht gemeint. Im Gegensatz zum Heizen kann grüner Wasserstoff einen Beitrag zur Dekarbonisierung von Hochtemperaturprozessen leisten.“

Ökonomen warnen: Keine Stilllegung ohne sicheren Plan B

Es gibt aber auch Bedenken am Stilllegen der Gasnetze. Gegenüber der Bild-Zeitung kritisierte ifo-Präsident Clemens Fuest: „Hier wird der Fehler wiederholt, funktionierende Anlagen abschalten zu wollen, bevor klar ist, ob und wie neue Anlagen funktionieren.“ Er warne daher vor Schnellschüssen. Und auch Achim Wambach von ZEW sagte der Zeitung: „Bevor nicht klar ist, wie die Versorgung mit Wasserstoff, Biomasse und anderem in Zukunft sein wird, sollte das Gasnetz nicht zurückgebaut werden. Damit die Energiewende effizient klappt, braucht Deutschland ein gutes und vorausschauendes Risikomanagement. Das muss bei regionalen Gasnetzen bei den Stadtwerken liegen.“

Das Wirtschaftsministerium weist darauf hin, dass genau das nun mit dem Diskussionspapier angeregt wird. Die Unternehmen sollen sich jetzt mit der Frage auseinandersetzen, um gemeinsam mit der Regierung eine rechtssichere Lösung zu finden. Bis zum 12. April können die Unternehmen ihre Ideen und Vorschläge dem Wirtschaftsministerium mitteilen. Danach wird wahrscheinlich ein Gesetzesentwurf folgen. Der Streit darüber ist bereits vorprogrammiert.

Hinweis der Redaktion: Der Deutsche Presserat hat eine Rüge gegen eine frühere Version dieses Artikels ausgesprochen. In der Überschrift hieß es zunächst: „„Fehler wird wiederholt“: Ampel will Aus für Gasnetze – Debatte wird hitziger“. Diese haben wir mittlerweile geändert. Von einer konkreten Absicht, Netze stillzulegen, war jedoch nicht die Rede. Zudem hieß es in einer früheren Version in einer Zwischenüberschrift verkürzt, dass die Stadtwerke Augsburg die Gasnetze in zehn Jahren stilllegt. Wir haben dies mit „möglicherweise“ ergänzt, da die Stilllegung an Bedingungen geknüpft ist und keine feste Gegebenheit darstellt. Der Presserat sah in den nicht belegten Aussagen schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Rubriklistenbild: © dpa /Marcus Brandt/Michael Kappeler (Montage)

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