Neuer Chef im Interview

Appell von Maschinenbauer an die Regierung: „Es kann doch nicht sein, dass man mit 63 in Frührente geht“

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Der frisch ernannte Chef des Maschinenbaus in Bayern äußert sich zu Steuern, Trump und Einwanderung - und warum es an der Zeit ist, die Frührente zu beenden.

Die deutsche Wirtschaft steckt in der Dauerkrise. Während aus Autobau oder Chemie Horrormeldungen kommen, hört man vom Maschinenbau vergleichsweise wenig. Doch wie ist die Lage in der deutschen Schlüsselbranche? Das haben wir Tilman Weide gefragt. Er ist seit Herbst neuer Chef des Verbands der Maschinen- und Anlagenbauer in Bayern (VDMA) und zugleich im Vorstand von Linde Engineering, der milliardenschweren Anlagensparte von Linde.

Maschinenbauer ebenfalls in der Krise: Produktion dürfte 2025 schrumpfen

Herr Weide: Wirtschaftsflaute, Politikstreit, Trump – für die deutsche Wirtschaft kommt gerade alles zusammen. Wie geht es dem Maschinenbau?
Die Lage ist schwierig. In Bayern ist der Auftragseingang im Maschinenbau 2024 um sieben Prozent gesunken, das Inlandsgeschäft ist sogar um 18 Prozent eingebrochen. Und: Die Produktion dürfte dieses Jahr weitere zwei Prozent schrumpfen.
Wieso ist das Minus in Deutschland so groß?
Der Maschinenbau beliefert vor allem die Industrie mit Anlagen und Maschinen. Und unsere Kunden halten sich im Moment wegen der politischen Unsicherheit stark mit Investitionen in ihre Produktionsstätten zurück. Wenn die nächste Regierung die richtigen Reformen anpackt, kann sich der Investitionsstau aber lösen. Dann werden wir auch wieder Licht am Ende des Tunnels sehen.

Trump-Zölle wären „schmerzhaft“: EU sollte mehr neue Handelsabkommen schließen

Auch, wenn die USA Deutschland mit Zöllen überziehen würde?
Das wäre schmerzhaft, Bayern verkauft etwa zehn Prozent seiner Maschinen in die USA, fast doppelt so viel wie an China. Andererseits: Etwa 45 Prozent gehen an unsere europäischen Nachbarn. Wenn wir geschlossen und einig auftreten, ist Europa eine Macht. Klar ist: Der jetzige Wohlstand in der Welt basiert auf den letzten 40 Jahren Freihandel. Verschwindet der, belastet das uns alle.

Wir sind wegen der gesellschaftlichen Alterung wieder auf Migration angewiesen, sie sichert unseren Wohlstand.

 Tilman Weide
Danach sieht es momentan aber aus, oder?
Leider. Das macht neue Handelsabkommen so notwendig. Das gerade abgeschlossene Mercosur-Abkommen mit Südamerika war ein wichtiger Schritt. Nun müssen möglichst schnell ähnliche Verträge mit Indien, Südostasien und gerne auch den USA folgen.
In der Industrie gibt es derzeit viele Verlagerungen ins Ausland. Ist das auch für Bayerns Maschinenbauer ein Thema?
Unsere Branche ist sehr mittelständisch geprägt. Wir haben etwa 500 Mitgliedsfirmen in Bayern. Die haben im Schnitt rund 200 Mitarbeiter, sind oft in Familienbesitz und eng mit der Region verbunden. Solche Unternehmen können ihre Produktion nicht so leicht ins Ausland verlagern. Umso wichtiger ist es für uns, dass sich die Rahmenbedingungen hier in Deutschland verbessern.

Steuern sollten auf 25 Prozent gesenkt werden – auch die Sozialabgaben müssten runter

Was muss die nächste Regierung Ihrer Meinung nach anpacken?
Die Steuern und Abgaben ersticken uns mittlerweile. Wir haben in Deutschland mit knapp 30 Prozent die zweithöchsten Unternehmenssteuern aller OECD-Länder. Das ist Geld, das der Staat nimmt und das den Firmen für Investitionen fehlt. Würde die kommende Regierung die Steuerlast zügig auf den OECD-Schnitt von 25 Prozent senken, gäbe es wieder genug Luft für Investitionen, die Entwicklung neuer Technologien und für Wachstum.
Naja, Unternehmer fordern immer Steuersenkungen.
Wir zahlen gerne Steuern. Und wir profitieren auch von guten Universitäten, Schulen, Berufsschulen, Kitas oder Straßen. Aber: Bayerns Maschinenbau exportiert knapp 70 Prozent seiner Produkte in die ganze Welt und bei der jetzigen Steuerlast sind wir einfach nicht mehr wettbewerbsfähig. Zu den Steuern kommen die Sozialabgaben. Sie liegen schon über 40 Prozent. Mehr geht nicht, es darf keine weiteren Erhöhungen geben. Sie belasten die Unternehmen und die Angestellten gleichermaßen.
Tilman Weide ist seit November Chef des VDMA Bayern. Weide hat an der TU München Maschinenbau studiert, arbeitet seit 1989 bei Linde und sitzt heute im Vorstand von Linde Engineering in Pullach, wo wir ihn getroffen haben.
Was schlagen Sie vor?
Natürlich muss man darüber nachdenken, die Kosten für Sozialleistungen nicht weiter zu steigern. Dafür braucht es aber keinen Kahlschlag beim Sozialstaat, der eine wichtige Errungenschaft ist. Die Gesundheitsreform geht in die richtige Richtung und Bürokratieabbau würde viel Geld sparen. Wir müssen den Arbeitsmarkt flexibilisieren und etwa statt der Tages- nur noch die Wochenarbeitszeit begrenzen. Vor allem müssen wir aber über die Rente reden. Es kann doch nicht sein, dass man mit 63 in Frührente geht, dann unbegrenzt hinzuverdienen kann und damit oft sogar finanziell bessergestellt ist als ein Arbeitnehmer, der sich bis 67 durchbeißt. Und das alles auf Kosten der Gemeinschaft und des Sozialstaats.

Rente mit 63 sollte abgeschafft werden

Also weg mit der Frührente?
Die Rente mit 67 muss die Regel werden. Wer früher gehen will, muss Abschläge hinnehmen. Und wer nicht mehr kann, den muss man unterstützen. Aber vorgezogene Rente beziehen und gleichzeitig steuerreduziert weiterarbeiten? Das belastet die Allgemeinheit.

Es kann doch nicht sein, dass man mit 63 in Frührente geht und dann unbegrenzt hinzuverdienen kann.

 Tilman Weide
Im Wahlkampf geht es bisher kaum um Rente und Wirtschaft, dafür viel um Migration. Das richtige Thema?
Im Wahlkampf zählen Emotionen. Es ist aber traurig, dass wir uns beim Thema Migration nur noch auf negative Aspekte stürzen. In den 1960ern haben wir die ersten Gastarbeiter zu uns geholt, weil wir sie brauchten. Heute sind wir wegen der gesellschaftlichen Alterung wieder auf Migration angewiesen, sie sichert unseren Wohlstand. In Bayerns Maschinenbau geht in den nächsten Jahren etwa ein Fünftel der Belegschaft in Rente. Wenn wir unser Produktionsniveau halten wollen, brauchen wir qualifizierten Zuzug, weil unser eigener Nachwuchs nicht ausreicht.

Debatte um Migration: Deutschland braucht qualifizierte Zuwanderer

Lieber Grenzen öffnen statt schließen?
Wir müssen jedenfalls den Zuzug für Arbeitskräfte vereinfachen. Wenn eine Firme jemand aus dem Ausland mit einem längerfristigen Arbeitsvertrag anstellen will, sollte sie bitte selbst darüber entscheiden dürfen, ob er oder sie für eine Arbeit in Deutschland qualifiziert ist oder nicht – und nicht eine Behörde. Auch Leiharbeit aus dem Ausland muss möglich sein. Denn unsere Mittelständler haben keine großen Personalabteilungen, die international Mitarbeiter suchen können. Momentan ist das aber verboten.
Die Debatte dreht sich aber vor allem um jene, die nicht arbeiten wollen.
Zuzug in die Sozialsysteme gibt es, ihn könnte man mit einer Reform des Bürgergeldes aber weniger attraktiv machen. Zusätzlich haben wir das Problem, dass Unternehmen und Flüchtlinge viel zu lange auf Genehmigungen der Ausländerbehörden warten müssen. Warum vereinfachen wir das nicht, damit Flüchtlinge schneller in Arbeit kommen? Das würde die Staatskasse entlasten und wohl viel Druck aus der Debatte nehmen.
Im Moment sind die Parteien heillos zerstritten. Falls Friedrich Merz Kanzler wird: Glauben Sie, er kann eine Koalition bilden, die sich auf echte Wirtschaftsreformen einigt?
Es ist der Job der Parteien, sich zusammenzuraufen. Und alle sagen, dass sie die Dringlichkeit für Reformen verstanden haben. Die Politik darf sich nach der Wahl nur nicht in Details verlieren, auch beim Koalitionsvertrag. Es reicht, wenn die Richtung stimmt, dann werden wir als Industrie unseren Teil beitragen.

Rubriklistenbild: © Martin Hangen

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