VonMarcel Reichschließen
Aufatmen in Europa: Die von Donald Trump angedrohten 50-Prozent-Zölle kommen erst später. Trump gibt der EU nach einem Gespräch mit von der Leyen mehr Zeit für Verhandlungen.
Washington – US-Präsident Donald Trump hat überraschend eingelenkt und die Einführung der von ihm angekündigten drastischen Zölle auf EU-Importe verschoben. Statt wie ursprünglich angedroht am 1. Juni sollen die 50-prozentigen Strafzölle nun erst am 9. Juli in Kraft treten. Dieser Aufschub von gut einem Monat soll mehr Zeit für Verhandlungen zwischen Washington und Brüssel ermöglichen.
Die Entscheidung folgte nach einem Gespräch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Sie hat mir zugesagt, dass nötige Gespräche schnell starten würden“, schrieb Trump auf seiner Online-Plattform Truth Social.
Trump verschiebt Zoll-Hammer gegen EU: symbolisches Datum als neuer Termin
Unmittelbar vor Trumps Ankündigung hatte von der Leyen auf der Plattform X betont, dass die Europäische Union und die USA „weltweit eine der wichtigsten und engsten Handelsbeziehungen“ teilen. „Europa ist bereit, Gespräche schnell und entschlossen voranzubringen“, erklärte sie und bat um Zeit bis zum 9. Juli.
Das neue Datum ist kein Zufall: Es markiert genau den Ablauf eines im April von Trump festgesetzten 90-Tage-Aufschubs für andere von ihm angekündigte Zölle auf Importe aus aller Welt. Damals hatte der US-Präsident nach erheblichen Turbulenzen an den Aktien- und Finanzmärkten eingelenkt und ein dreimonatiges Verhandlungsfenster geöffnet.
Die EU hatte daraufhin ebenfalls angekündigt, geplante Gegenzölle auf US-Produkte vorerst für drei Monate auszusetzen. Nun laufen beide Fristen am selben Tag ab, was den Druck auf die Verhandlungsführer erhöht.
Trumps Zoll-Kehrtwende nach harter Rhetorik
Die Verschiebung kommt überraschend, nachdem Trump noch am Freitag mit drastischen Worten der EU mit sofortigen Strafzöllen gedroht hatte. „Ich bin nicht auf der Suche nach einem Deal“, hatte der US-Präsident im Weißen Haus erklärt und den Schritt mit festgefahrenen Verhandlungen begründet.
Diese Ankündigung hatte an den Finanzmärkten für erhebliche Unruhe gesorgt. Der deutsche Leitindex Dax war auf den tiefsten Stand seit zwei Wochen abgesackt, da Investoren befürchteten, dass europäische Produkte in den USA deutlich teurer würden.
Beobachter sehen in Trumps Vorgehen ein wiederkehrendes Muster: Der US-Präsident droht zunächst mit drastischen Maßnahmen, um dann einzulenken und Verhandlungsspielraum zu gewinnen. Erst kürzlich schlossen die USA mit Großbritannien einen Handelspakt ab, um hohe Zölle abzuwenden. Auch mit China hat die US-Regierung eine Senkung der gegenseitigen Zölle ausgehandelt.
EU-Angebote an Trump liegen auf dem Tisch
Um den aktuellen Handelsstreit zu entschärfen, hat die EU den USA bereits eine Vereinbarung zur gegenseitigen Aufhebung aller Zölle auf Industriegüter angeboten. Die Trump-Regierung ist darauf bislang jedoch nicht eingegangen.
Nach Einschätzung der EU-Kommission könnten weitere Optionen auf dem Verhandlungstisch liegen:
- Ein neuer Deal zum Ausbau amerikanischer Exporte von Flüssiggas (LNG)
- Erhöhte Importe von US-Militärtechnik
- Verstärkte Einfuhr von US-Agrargütern, um das amerikanische Handelsdefizit mit der EU abzubauen
Zoll-Gespräche mit Trump: EU bereitet sich auf Scheitern vor
Trotz der Verhandlungsbereitschaft bereitet sich die EU auch auf ein Scheitern der Gespräche vor. Brüssel betont, dass Trumps angedrohte Zölle nicht mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbar seien.
Die EU-Kommission hat bereits deutlich gemacht, dass sie im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen „entschiedene Maßnahmen“ ergreifen werde, darunter Gegenzölle auf US-Produkte. Eine entsprechende Liste mit potenziell betroffenen Waren wurde bereits vorbereitet.
US-Präsident Trump wirft den Europäern regelmäßig vor, die USA „abzuzocken“. In seinen Augen sei die EU sogar „in erster Linie zu dem Zweck gegründet worden, die USA im Bereich des Handels zu übervorteilen“.
Auf Truth Social kritisierte Trump die EU für „mächtige Handelsschranken, Mehrwertsteuern, lächerliche Unternehmensstrafen, nicht-monetäre Handelshemmnisse, Währungsmanipulationen, unfaire und ungerechtfertigte Klagen gegen amerikanische Unternehmen und vieles mehr“.
Trump nimmt Risiken für US-Wirtschaft und Verbraucher in Kauf
Experten weisen darauf hin, dass Trumps Zollpolitik auch erhebliche Risiken für die US-Wirtschaft birgt. Importzölle funktionieren ähnlich wie eine Steuer: Die Abgabe muss vom importierenden Unternehmen an den Staat gezahlt werden – in diesem Fall also von Firmen in den USA. Dies könnte zu steigenden Preisen für US-Verbraucher führen – ein innenpolitisches Risiko für Trump.
Mit der Verschiebung auf den 9. Juli haben beide Seiten nun etwas mehr als einen Monat Zeit, um eine Lösung zu finden. Die Gespräche dürften intensiv werden, da sowohl die EU als auch die USA ein Interesse daran haben, einen umfassenden Handelskrieg zu vermeiden.
Ob es tatsächlich zu einer Einigung kommt, bleibt abzuwarten. Die bisherigen Erfahrungen mit Trumps Handelspolitik zeigen jedoch, dass oft in letzter Minute noch Kompromisse gefunden werden – besonders wenn die wirtschaftlichen Risiken für alle Beteiligten zu groß werden.
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