Debatte um Atomausstieg

Neue Analyse zeigt: Strompreise sind nach AKW-Aus nicht gestiegen

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Steigende Strompreise werden oft dem Atomausstieg zugeschrieben. Eine aktuelle DIW-Studie zeichnet ein anderes Bild.

Berlin – Die Debatte um den Atomausstieg in Deutschland bleibt kontrovers. Einige Politiker und Wissenschaftler plädieren für eine Rückkehr zur Kernenergie, um die Strompreise zu senken und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, insbesondere angesichts der Abkehr von relativ kostengünstigem russischem Gas aufgrund des Ukraine-Konflikts und von fossilen Energieträgern wegen der Klimakrise.

Ökonomen vergleichen Strompreise mit und ohne Atomenergie

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung für Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, widerspricht jedoch dieser Ansicht. Sie betont: „Die Abschaltung der Atomkraftwerke hat die Strompreise nicht nach oben getrieben“. Ihr Institut hat eine Untersuchung durchgeführt, in der zwei Szenarien verglichen wurden: eines mit und eines ohne sechs Atomkraftwerke.

Die Studie des DIW kommt zu dem Schluss, dass die Abschaltung der letzten Atomkraftwerke in Deutschland nicht wesentlich zu den Preisspitzen der vergangenen Jahre beigetragen hat und auch keine substanziellen Netzengpässe verursacht hat. „In der Realität ist dieser Effekt aber dadurch kompensiert worden, dass zeitgleich erneuerbare Energien ausgebaut wurden und der Stromverbrauch insgesamt zurückgegangen ist“, so das DIW.

Studiendirektor Christian von Hirschhausen weist darauf hin, dass „vor allem die kriegsbedingten Gaspreissteigerungen und die enormen Ausfälle französischer Kernkraftwerke die Strompreise erhöht“ haben. Der Einfluss des Atomausstiegs sei dagegen „vernachlässigbar“. „In der Realität sind bei der Abschaltung der verbleibenden drei Kernkraftwerke vor einem Jahr die Preise zunächst leicht gesunken“, berichtet das DIW.

Strompreise steigen durch Atomausstieg „sehr gering“ – AKWs sind aber sehr teuer

Claudia Kemfert weist darauf hin, dass die Strompreise durch den Atomausstieg „maximal sehr gering“ ansteigen könnten. Dies basiert auf Modellsimulationen, die einen Anstieg des durchschnittlichen Strompreises von elf Euro pro Megawattstunde für 2021 zeigten. Im Vergleich zur Entwicklung durch höhere Rohstoffpreise sei dieser Anstieg jedoch gering.

Die Forscher betonen: „In der Debatte über die Atomwende sind diese Größenordnungen grundsätzlich vernachlässigbar gegenüber den Gesamtkosten der Atomkraft, die seit Beginn der kommerziellen Nutzung vor allem durch Risikoübertragung auf die Gesellschaft beziehungsweise in Form von Subventionen bezahlt wurden“. Sie weisen auch darauf hin, dass die Kosten für die Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle bisher vollständig ignoriert wurden, „obwohl diese auch in Deutschland erheblich sind und im Laufe der Zeit signifikant ansteigen werden“.

„Die Abschaltung der Atomkraftwerke hat die Strompreise nicht nach oben getrieben“, sagte DIW-Ökonomin Claudia Kemfert. (Montage)

Kemfert kommt zu dem Schluss: „Die Atomkraftwerke sind keine Option für die Energiewende“. Sie betont, dass sie „teuer, risikoreich und auch nicht automatisch sicher“ sind. Sie verweist auf Frankreich, wo Atomkraftwerke im Sommer wegen Wassermangels abgeschaltet werden mussten. „Das heißt, hier haben wir gar keine Versorgungssicherheit.“

Debatte um Atomausstieg „völlig sinnlos“ im Hinblick auf die Energiewende

Kemfert stimmt mit dem Wissenschaftler und Energieexperten Volker Quaschning überein, dass Atomkraftwerke für die Energiewende ungeeignet sind, da sie nicht so schnell hoch- und runtergefahren werden können, „wie wir es eigentlich bräuchten“. Ein Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sei „völlig sinnlos, da Grundlastkraftwerke zum Ausgleich der immer stärker fluktuierenden Erzeugung ungeeignet seien“. Die Debatte um eine Rückkehr zur Kernenergie sei daher „völlig überflüssig“.

Die Ökonomen des DIW halten im Rahmen der Energiewende einen Ausbau von 80 Prozent erneuerbarer Energien und einen Kohleausstieg bis 2030 für realistisch. Phasen mit wenig Strom aus Windkraftwerken und Solaranlagen könnten durch eine flexible Nachfrage, Erzeugung in Pumpspeicherkraftwerken oder durch Stromimport überbrückt werden. Gaskraftwerke hätten nach den Modellen des DIW noch einen Anteil von 18 Prozent.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/ Armin Weigel/dpa

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