Branche im Umbruch

Autobauer gegen Verbrenner-Aus: Wutbrief an EU-Kommission gerichtet

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Letzte Chance: Gespräch. Automobil-Dachverbände fordern von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen einen Kurswechsel. Verbrenner-Aus bis 2035 nicht realisierbar.

Brüssel – Die europäische Automobilindustrie wenden sich in einen gemeinsamen Appell an die Europäische Kommission: In einem gemeinsamen Brief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fordern die Verbände der Autohersteller (ACEA) und Zulieferer (CLEPA) eine grundlegende Neuausrichtung der europäischen Mobilitätsstrategie.

Der am 27. August 2025 veröffentlichte Brief macht deutlich, dass sich die industriellen, wirtschaftlichen und geopolitischen Realitäten seit der Verabschiedung der aktuellen CO2-Reduktionsziele drastisch verändert haben. „Die starren CO2-Ziele für Pkw und Transporter für 2030 und 2035 sind in der heutigen Welt schlicht nicht mehr machbar“, heißt es in dem Schreiben.

Verbrenner-Aus bis 2035 nicht umsetzbar: Kritik der Automobilindustrie an unrealistischen Zielvorgaben

Die Industrie kritisiert, dass die EU zwar Hersteller bei der Lieferung neuer Fahrzeuge reguliert, aber die Bedingungen für den Übergang nicht schafft. Europa sei nahezu vollständig von Asien bei der Batteriewertschöpfungskette abhängig, die Ladeinfrastruktur ungleichmäßig verteilt und die Produktionskosten höher. VW-Chef Oliver Blume hatte bereits im April 2025 das Verbrenner-Aus bis 2035 infrage gestellt. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung forderte er „politisch flexible Übergangszeiträume“ und einen „Realitätscheck“ bei künftigen Meilensteinen.

Die aktuellen Marktanteile von Elektrofahrzeugen zeigen die Herausforderungen deutlich: Nur etwa 15 Prozent bei Pkw, rund 9 Prozent bei Transportern und 3,5 Prozent bei Lkw. „Ein großer Teil der Kunden bleibt beim Wechsel zu alternativen Antrieben zurückhaltend“, konstatieren die Verbände.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Autoindustrie fordert in Brief Kurswechsel beim Verbrenner-Aus.

Marktentwicklung bleibt hinter Erwartungen zurück: Forderung nach Technologieneutralität

Die Automobilindustrie plädiert für einen technologieneutralen Ansatz: „Elektrofahrzeuge werden die Führung übernehmen, aber es muss auch Raum für (Plug-in-)Hybride, Range Extender, hocheffiziente Verbrennungsmotoren, Wasserstoff und dekarbonisierte Kraftstoffe geben“. Besonders die bessere Nutzung von Plug-in-Hybriden sei entscheidend für das Erreichen der Dekarbonisierungsziele.

Mercedes-Chef Ola Källenius und Schaeffler-Manager Matthias Zink warnen eindringlich: „Ohne Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit riskiert der Übergang, unsere Industriebasis auszuhöhlen und Innovation, hochwertige Arbeitsplätze und die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten zu gefährden“.

Warnung vor Industrieabwanderung: Letzte Chance beim Strategischen Dialog

Den für den 12. September geplanten Strategischen Dialog zur Zukunft der Automobilindustrie bezeichnen die Unterzeichner als „letzte Chance“ für eine Kurskorrektur. Die EU müsse ihre Politik an die heutigen Markt-, geopolitischen und wirtschaftlichen Realitäten anpassen, „oder riskiert, eine ihrer erfolgreichsten und global wettbewerbsfähigsten Industrien zu gefährden“.
Die EU-Kommission hatte bereits im März Lockerungen vorgeschlagen und den Autoherstellern drei statt eines Jahres Zeit für die Einhaltung verschärfter CO₂-Vorgaben eingeräumt. Über diese Vorschläge müssen nun das Europaparlament und die 27 EU-Staaten verhandeln.

Und während die Automobilindustrie um politische Flexibilität kämpft, suchen viele Unternehmen bereits nach alternativen Geschäftsfeldern. Zahlreiche Autozulieferer wenden sich der boomenden Rüstungsindustrie zu, um wirtschaftliche Verluste auszugleichen. Peter Hodapp, dessen Unternehmen früher Türen für Mercedes und Porsche fertigte, baut nun Türen für Bundeswehrkasernen. „Es ist ganz klar ein Zukunftsmarkt“, sagte Hodapp gegenüber dem ZDF. Konkret erwägt der Rüstungskonzern Rheinmetall sogar die Übernahme des zur Schließung vorgesehenen VW-Werks in Osnabrück, um dort gepanzerte Fahrzeuge zu fertigen. Rheinmetall-Chef Armin Papperger bezeichnete das Werk als „gut geeignet“, machte aber deutlich: „Ohne langfristige Rahmenverträge mit gesicherten Abnahmemengen macht das für uns keinen Sinn.“

Rheinmetall profitiert überhaupt von der Autokrise massiv und investierte jüngst 200 Millionen Euro in ein neues Werk in Weeze, wo Rumpfteile für den F-35-Kampfjet produziert werden sollen. Die Politik unterstützt diese Entwicklung: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) begrüßte die Investitionen als wichtigen „Beitrag zur sicherheitspolitischen Infrastruktur Europas“. (ls)

Rubriklistenbild: ©  Sven Simon / IMAGO

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