- VonStephanie Schoenschließen
Rund 51.500 Arbeitsplätze hat die Autoindustrie in einem Jahr abgebaut – und damit fast sieben Prozent aller Jobs der Branche. Zollstreit, Energiepreise und Konjunkturflaute – die Schwierigkeiten sind vielfältig.
Stuttgart – Die Automobilbranche führt die Hitliste der am stärksten betroffenen Industrien der anhaltenden wirtschaftlichen Probleme in Deutschland an. Wie eine Analyse der Beratungsgesellschaft EY nun aufzeigt, gehen in der deutschen Industrie immer mehr Arbeitsplätze verloren – die meisten davon in der Automobilbranche.
Fast die Hälfte der gestrichenen Industriearbeitsplätze findet sich in der Autoindustrie
Die Studie, die auf Daten des Statistischen Bundesamtes beruht, zeigt auf, dass Industriearbeitsplätze in Deutschland in großem Stil abgebaut werden. Mit 5, 42 Millionen Beschäftigten zum 30. Juni 2025 zählt die deutsche Industrie 2,1 Prozent weniger Beschäftigte als noch vor einem Jahr. Insgesamt wurden in der Industrie innerhalb eines Jahres 114.000 Stellen gestrichen – fast die Hälfte davon allein in der Automobilindustrie, mit rund 51.500 in einem Jahr. Das sind 6,7 Prozent aller Beschäftigten der Branche. Im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 sind in der Automobilbranche ganze 112.000 Stellen verloren gegangen. Keine andere Industriebranche hat einen derart starken Beschäftigungsabbau zu verzeichnen.
Der Trend verstärkt sich, ist aber schon länger erkennbar. Im Vergleich zum Vor-Pandemie-Jahr 2019 hat die gesamte deutsche Industrie fast eine Viertelmillion Arbeitsplätze verloren (245.000) und damit 4,3 Prozent aller ihrer Beschäftigten.
Nicht nur in der Automobilbranche – Industrieumsätze zum achten Mal in Folge im Minus
Auch bei den Umsätzen geht es steil bergab in der deutschen Industrie. Im zweiten Quartal 2025 sind wieder Umsatzrückgänge in Höhe von 2,1 Prozent zu verbuchen. Das ist das achte Mal in Folge, dass die Industrien ein Minus einfahren. Einzig und allein die Elektronikbranche stemmt sich gegen den Trend, alle anderen Industrien kennen beim Umsatz nur eine Richtung: abwärts. Die Umsatzerlöse der stark gebeutelten Autobranche gingen in diesem Zeitraum um 1,6 Prozent zurück.
Die Probleme der Automobilindustrie sind vielfältig
Die deutschen Industrien kämpfen und insbesondere die Autobranche kämpfen an vielen Fronten – schwache Binnennachfrage, chinesische Konkurrenz, Umstellung auf Elektromobilität, teure Energie, viel Bürokratie und ganz besonders kämpfen sie jetzt auch mit den Einfuhrzöllen in die USA. Die Verteuerung der deutschen Produkte auf dem US-Markt trifft die exportorientierten deutschen Industrien besonders hart. Zusätzlich hat die Automobilbranche auch noch mit rückläufigen Absatzzahlen auf dem chinesischen Markt zu kämpfen,. Dort macht ihr besonders die lokale Billigkonkurrenz zu schaffen.
Stellenabbau nicht nur in der Autobranche unumgänglich
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Industrie massiv unter Druck setzen, führen nun zwangsläufig zu umfangreichen Sparprogrammen, die bereits von VW und Mercedes-Benz auch schon angekündigt wurden. Bei Porsche soll die Batterie-Tochter Cellforce weitgehend den Betrieb einstellen. Die Maßnahmen treffen natürlich auch die Zulieferer. ZF, Bosch und Continental haben ebenfalls angekündigt, die Kostensenkungen voranzutreiben. Wie Jan Brorhilker von EY erklärte, machen die massiven Gewinneinbrüche, schwache Auslandsmärkte und Überkapazitäten einen Stellenabbau unumgänglich. Das trifft auch andere Industrien – im Maschinenbau wurden in einem Jahr 17.000 Stellen abgebaut, in der Metallerzeugung 12.000. Nicht vom Stellenabbau betroffen waren hingegen die Chemie- und Pharmabranche.
Standortdebatte ist neu entfacht – aber die Industriebeschäftigung ist weiterhin auf hohem Niveau
Beobachter der Entwicklungen in der deutschen Industrie heizen wieder die Debatte um den Industriestandort Deutschland an. Vielfach wird bereits von einer anhaltenden Deindustrialisierung gesprochen. Allerdings lässt sich das aus den Beschäftigtenzahlen in der Industrie so nicht ableiten. Zum Jahresende 2024 lag die Zahl der Industriebeschäftigten um 185.000 Erwerbspersonen und damit 3,5 Prozent höher als noch 2014.
Allerdings ist nach Einschätzung der Wirtschaftsexperten von EY damit zu rechnen, dass sich der Trend zum Stellenabbau in der Industrie fortsetzen wird. Brorhilker erklärte, dass bei einigen großen Industrieunternehmen Kostensenkungs- und Restrukturierungsprogramme aktuell laufen. In den aktuellen Beschäftigungsstatistiken werden sich die Auswirkungen dieser Stellenstreichungen erst mit einiger Verzögerung zeigen. Er erwartet, dass im Lauf des Jahres und bis ins kommende Jahr hinein die Zahl der Industriejobs weiter sinken wird. Das hat auch Konsequenzen für den Nachwuchs, denn in Automobilindustrie und auch im Maschinenbau werden immer weniger junge Menschen eingestellt. Das wird auch beim akademischen Nachwuchs in den Ingenieursberufen spürbar werden – und zu einer steigenden Anzahl an Arbeitslosen unter den Hochschulabsolventen führen, so EY weiter.
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