Arbeitsmarkt

Wandel in deutscher Wirtschaft – wie viel Industrie benötigt unser Land?

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In Deutschland ist die Industrie nach wie vor stärker als in anderen wohlhabenden Nationen. Der gesamte Bereich durchläuft einen Wandel. Eine Untersuchung.

Berlin – Es gab Zeiten, da war die Bundesrepublik mehr Industrieland als heute. Historische Aufnahmen zeigen Arbeiter und Arbeiterinnen, die zwischen stählernen Maschinen herumwuseln wie Charlie Chaplin im Filmklassiker „Modern Times“. In den 1960er Jahren hing fast jeder zweite Job in Deutschland am produzierenden Gewerbe. 2005 war es nur noch knapp jeder vierte Arbeitsplatz, seitdem verharrt der Anteil etwa auf diesem Niveau. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der Jobs im Dienstleistungssektor stark gestiegen. Drei von vier Arbeitsplätzen sind dort inzwischen angesiedelt; Dienstleistungen machen auch den mit Abstand größten Teil des Bruttoinlandprodukts aus.

Anteil der Industrie schrumpft – normaler Vorgang für Volkswirtschaften?

Ankündigungen von Unternehmen und von Wirtschaftsfachleuten lassen je nach Sichtweise vermuten oder befürchten, dass die Bedeutung der Industrie – falls die Politik nicht interveniert – in den nächsten Jahren weiter sinkt. In vielen anderen wohlhabenden Ländern ist der Anteil des industriellen Sektors an der Wirtschaftsleistung bereits deutlich niedriger. In den USA lag dieser laut Weltbank und UN im Jahr 2022 bei knapp 17,9 Prozent, in Deutschland war er mit 30,7 Prozent noch fast doppelt so hoch.

Die Autoindustrie spült weiter viel Geld in die Kassen.

Der Anteil der Industrie folge im Laufe der Entwicklung eine Volkswirtschaft typischerweise einer „umgekehrten U-Kurve“, schreibt der Harvard-Ökonom Dani Rodrik in einer Publikation aus dem Jahr 2015. Er meint damit: Wenn ein Land sich wirtschaftlich entwickelt, steigt der Anteil der Industrie zunächst, um dann wieder abzufallen. Weil die Produktivität steigt, gehe der Anteil der Arbeitskräfte im Verhältnis sogar besonders stark zurück.

„Wir können Geschichte nicht umkehren“ – Dienstleistungssektor muss für Jobs sorgen

Auf dem „Forum New Economy“ machte Rodrik im vergangenen Jahr deutlich, dass er sich insbesondere in der EU um gute, sichere Arbeitsplätze sorge. Regierungen sollten versuchen, die wirtschaftliche Sicherheit und den Wohlstand der Mittelschicht zu verbessern, sagte er, warnte aber vor einem zu starken Fokus auf die Industrie. „Wir können das nicht tun, indem wir das verarbeitende Gewerbe betonen, denn wir können die Geschichte nicht umkehren. Viele dieser Arbeitsplätze werden im Dienstleistungssektor entstehen müssen.“

In Dienstleistungsbranchen werden derzeit zum Beispiel Erzieher, Lehrkräfte und Solar-Installateurinnen händeringend gesucht. Gerade in Deutschland spülen Industriejobs – besonders in der Autoindustrie – allerdings weiter viel Geld in die Kassen und sind überdurchschnittlich gut bezahlt. Laut Statista lag der durchschnittliche Jahresverdienst in der Autobranche 2023 bei mehr als 80 000 Euro. Die Branche trägt dementsprechend auch überproportional viel zu den Steuereinnahmen bei.

Finanzielle Einbußen bei Umschulung – Industrie nicht immer der beste Arbeitgeber?

Gleichzeitig werden manche Engpassberufe trotz des Mangels ziemlich schlecht entlohnt; die Umschulung eines Daimler-Fachangestellten zum Erzieher würde für diese starke finanzielle Einbuße bedeuten. Außerdem könnte ein Rückgang der Industrie einige Regionen besonders hart treffen, etwa den von der Autoindustrie und Zulieferern geprägten Südwesten, die VW-Stadt Wolfsburg oder das Ruhrgebiet wegen der Chemie- und Stahlindustrie.

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Hinzu kommt, dass sich der geostrategische Blick verändert hat. In Zeiten chinesischer Ambitionen und der neuen Präsidentschaft von Donald Trump wird die Abhängigkeit von industrieller Produktion im Nicht-EU-Ausland schnell zur politischen und wirtschaftlichen Gefahr. Bei einigen Industriezweigen ist dies bereits der Fall – etwa bei der Produktion von Solarpanelen, deren Abwanderung nach China die Politik hat geschehen lassen.

Rubriklistenbild: © dpa

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