Lokführer-Gewerkschaft

Wie GDL-Chef Claus Weselsky die Bahn lahmlegt

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Mit viel Elan startet Claus Weselsky seine letzte Tarifrunde bei der Deutschen Bahn. Der Chef der Gewerkschaft GDL ist ein begnadeter Stratege. Ein Porträt

Am 9. November ist es wieder soweit. Die Tarifrunde zwischen Deutscher Bahn und der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) startet offiziell. Schon jetzt ist klar: Es wird hart, Fahrgäste müssen sich auf Zugausfälle einstellen. Denn auf Gewerkschaftsseite arbeitet ein begnadeter Stratege, der wie schon in den Tarifrunden vorher das Beste für seine Mitglieder herausholen will und vor wenig zurückschreckt: Claus Weselsky. Bisher war er immer erfolgreich. Nicht nur gegen die Deutsche Bahn.

Claus Weselsky war selbst Lokführer. Nun verhandelt er für die Beschäftigten.

Feiertage sind für Weselsky kein Grund, nicht zu streiken

Bereits im Juli hatte der GDL-Chef angekündigt, die Gewerkschaft gründe eine eigene Leiharbeitsfirma für Lokführer – als Konkurrenz zur Bahn. Ende Oktober gab es dann einen Tarifforderungskatalog, den Bahn-Personalvorstand Martin Seiler als nicht darstellbar bezeichnete. 50 Prozent Plus hatte sein Team errechnet. Weselsky gab dann noch ein paar kämpferische Interviews, bei denen klar wurde: Die GDL könnte im wichtigen Weihnachtsverkehr streiken.

Die Feiertage sind für den Gewerkschaftschef kein Grund, nicht zu streiken. Schon 2021, bei der letzten Tarifrunde, als gerade ein Hochwasser das Ahrtal verwüstet hatte, sagte Weselsky, wenn man danach ginge, sei nie der richtige Zeitpunkt für einen Streik. Bahnreisende können sich also auf leere Bahnhöfe einstellen. Denn Weselsky ist niemand, der einfach einknickt.

Claus Weselsky will immer gewinnen

Kompromisslos in der Sache sei er, hört man immer wieder. Das bedeutet: Er will gewinnen. Das bedeutet auch, dass er erst aufhört, wenn die Gegenseite, vom Tarifpartner würde er wohl eher nicht reden, kapituliert. Das würde er allerdings nie so sagen, er spricht dann eher von Einsicht.

Wie das läuft, konnten Bahnreisende und Konzern 2021 erleben und vor allem 2014/2015. In elf Monaten gab es damals neun Streikwellen, 765 Stunden standen die Züge, hat das „Handelsblatt“ damals ausgerechnet. Eine gute halbe Milliarde Euro kostete der Arbeitskampf demnach die deutsche Volkswirtschaft. Weselsky nahm es in Kauf, schließlich ging es um die Lokführer:innen, die er als GDL-Chef vertreten hat. Und um die Zugbegleiter:innen, die er vertreten wollte. Und das Überleben der GDL neben der weitaus größeren Eisenbahnergewerkschaft EVG.

GDL-Chef Weselsky kommt aus einer Arbeiterfamilie

Weselsky ist jedes tarifpolitisch effiziente Mittel Recht, und das bedeutet: Streik. Bis zum letzten. Auch wenn man angefeindet wird, als Buhmann der Nation da steht. Wenn man bedroht wird. Wenn man mehrere Kilo Gewicht verliert während des Ausstands, wie Weselsky der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte, der er vor Jahren sein privates Fotoalbum öffnete. Dabei blieb Weselsky immer souverän. Geradezu legendär, wie er reagierte, als die Telefonnummer der GDL während der Streiks 2014/2015 in der „Bild“ veröffentlicht wurde. Der Gewerkschaftschef schaltete die Rufumleitung ein – zum damaligen Bahnchef Rüdiger Grube.

Weselsky wurde im Februar 1959 in Dresden als drittes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Aufgewachsen ist er in Kreischa bei Dresden. Er lernte Triebfahrzeugschlosser und wurde Lokführer für Diesel- und E-Loks bei der Reichsbahn. Die letzte steuerte er 1992.

Weselsky hat die GDL auf sich zugeschnitten

1990 arbeitete Weselsky als Personal- und Betriebsrat, stieg dann in der GDL auf, 2006 wählten ihn die Mitglieder zum Vize-Vorsitzenden. Beim ersten Bahnstreik 2007/2008, als die GDL einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer erstritt, arbeitete er an der Strategie im Hintergrund, nach außen trat sein GDL-Chef Manfred Schell auf. Die harte Linie stammte von Weselsky, der dann 2008 Schells Nachfolger wurde.

Seither hat er die Gewerkschaft auf sich zugeschnitten, manche sagen, er regiere autokratisch. Mit Schell hat er sich überworfen, der ehemalige Ehrenvorsitzende wurde aus der Gewerkschaft ausgeschlossen, ebenso einige weitere hohe Funktionäre. Je nach Seite ging es um nicht gezahlte Mitgliedsbeiträge und Intrigen oder das Entfernen störender Mitglieder. Schell jedenfalls verglich Weselskys Führungsstil mit dem von Diktatoren wie Assad und Mao.

Weselsky ist stolz, nie in der SED gewesen zu sein

Die Gewerkschaft war die erste, die sich in der zerfallenden DDR 1990 wieder bildete. Die Lokführer:innen schlossen sich ihr gern an. 1993 mit der Fusion von Reichsbahn (Ost) und Bundesbahn (West) kam die GDL zur Deutschen Bahn. Besonders hoch ist der Organisationsgrad im Osten. Und die Gewerkschaft hat den entscheidenden Vorteil einer Spartengewerkschaft: Ohne Lokführer steht die Bahn. Zu dieser Macht kommt das Talent Weselskys, unfassbar hartnäckig zu sein.

Er vertrete nur die Mitglieder seiner Gewerkschaft, sagte Weselsky 2021. Und das klang sachlich korrekt. Aber irgendwie auch schräg. Dass es Weselsky nur um bessere Bedingungen für die Lokführer:innen, Zugbegleiter:innen und eigentlich auch alle anderen geht, nimmt man ihm nicht recht ab. Das liegt vor allem an der aus der Zeit gefallenen Klassenkampfrhetorik: da der gierige Vorstand, hier die ausgebeuteten Lokführer. Dann ist er immer korrekt im Anzug gekleidet, das Haar gestutzt, der ergraute Oberlippenbart auch. Und: Er sächselt, mit Abstand der unbeliebteste Dialekt in Deutschland. Der Eindruck ist der eines Apparatschiks aus vergangener Zeit, der sich im Ton vergreift.

Dabei ist Weselsky nichts ferner als sozialistische Politik. Er ist stolz, niemals in der SED gewesen zu sein, der Einheitspartei der DDR. 2007 trat er in die CDU ein, beschreibt sich selbst als konservativ. Weselsky konzentriert sich auf das, was er erreichen will: mehr Geld für die Mitglieder, mehr Macht für die Gewerkschaft. Und das wird er auch in dieser Tarifrunde versuchen – seiner wohl letzten. Er wird im Februar 65.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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