Wirtschaftskrise

Deutsche Wirtschaft enttäuscht von Merz-Regierung: „Die Stimmung ist regelrecht aggressiv“

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„Aggressive“ Stimmung in deutschen Unternehmen: BDI-Chef spricht eine deutliche Warnung an die Politik aus. Viele Unternehmer seien „maßlos enttäuscht“.

Berlin – Zu hohe Energie, zu hohe Standortkosten, steigende Löhne und zu viel Bürokratie: Die deutsche Wirtschaft kämpft zunehmend mit Wettbewerbsnachteilen. „Der Wirtschaftsstandort befindet sich im freien Fall, doch die Bundesregierung reagiert nicht entschlossen genug“, kommentierte BDI-Präsident Peter Leibinger den Industriebericht aus dem Dezember. Demnach rechnet der BDI nun mit einem Rückgang der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe von zwei Prozent – deutlich stärker als die bisher prognostizierten 0,5 Prozent. Doch damit nicht genug, scheint auch die Stimmung unter den Unternehmen zu kippen.

BDI-Chef über Stimmung zur deutschen Politik in den Unternehmen: „Regelrecht aggressiv“

Hat die Bundesregierung den Zug verpasst, die Unternehmer abzuholen? „Die Stimmung ist extrem negativ, teils regelrecht aggressiv“, so der BDI-Präsident im Interview mit der SZ. Nach Monaten sind die Probleme der Unternehmen unverändert, obwohl die Stimmung im Mai noch hoffnungsvoll, wenn auch kritisch, gewesen sei. „Viele in den Unternehmen sind aber so maßlos enttäuscht, wie ich es noch nie erlebt habe.“

BDI-Präsident Leibinger sieht die deutsche Industrie in einer strukturellen Krise.

Hiesige Unternehmen kämpfen zudem unter dem starken Wettbewerbsdruck mit China. Laut Leibinger eine Gefahr für den industriellen Kern Deutschlands, denn China produziert günstiger und schneller und baue zudem Deutschlands Geschäftsmodell nach. Währenddessen kämpft sich die Industrie durch Bürokratie, geringe Arbeitszeiten, mangelnde Flexibilität. „Mit Zöllen und weniger offenen Weltmärkten werden wir fertig. Unser Kernproblem ist die Geschwindigkeit. Wir sind schlicht viel zu langsam“, so der BDI-Chef. Seine Idee: „So wie Peking früher ausländische Unternehmen gezwungen hat, Joint Ventures mit chinesischen Firmen einzugehen, könnten wir das umkehren und chinesische Unternehmen in Joint Ventures mit europäischen Firmen zwingen“.

Wirtschaftskrise in Deutschland: „Der Bürokratieabbau bleibt ein ungenutzter Wachstumstreiber“

Klar ist, die Wirtschaft in Deutschland steckt in einer schweren Krise, der schwersten seit Gründung der Bundesrepublik: „Längste Rezession, Produktionsschwund seit 2018, geringes Produktivitätswachstum, Letzter im Wachstum unter den großen Volkswirtschaften“, fasst der BDI-Chef zusammen.

Während sich die Industrie in der Europäischen Union allmählich erholt, droht Deutschland weiter zurückzufallen. Laut dem aktuellen Industriebericht des BDI wird für die deutsche Industrie ein Produktionsrückgang von rund zwei Prozent erwartet. Für die EU insgesamt wurde die Prognose hingegen nach oben korrigiert: Dort gilt die Industrierezession als überwunden, für das laufende Jahr wird ein Zuwachs von etwa einem Prozent prognostiziert. Die deutschen Warenexporte dürften 2025 zumindest nicht weiter sinken.

Laut Leibinger brauche es daher dringend eine wirtschaftspolitische Wende und entschlossene Strukturreformen, sowie Entlastungen. „Der Bürokratieabbau bleibt ein ungenutzter Wachstumstreiber“, kommentiert er im Rahmen des Industriereports in einer Unternehmensaussendung. „Eine spürbare Entlastung wäre ein Konjunkturprogramm zum Nulltarif. Das Entlastungskabinett war zwar ein guter Anfang. Jetzt brauchen die Unternehmen aber weitreichende Entlastungen, die sie im Alltag wirklich spüren“.

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau/dpa

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