Ist auch das schlechte Wetter schuld?

Bierkonsum in Deutschland sinkt: Brauereien geraten in Schieflage

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Hat Deutschland aufgehört, eine Nation von Bierliebhabern zu sein? Der Bierverkauf geht auch dieses Jahr wieder zurück - trotz der Fußball-EM. Überraschenderweise gibt es jedoch eine Biersorte, die sich über einen starken Anstieg freuen kann.

Wiesbaden – Die deutsche Brauereiwirtschaft steckt in einer trinkfesten Krise. Nachdem immer mehr Brauereien in die Insolvenz schlittern, geht auch der Bierabsatz weiter zurück. Im ersten Halbjahr 2024 fiel der Absatz im Vergleich zum Vorjahr um 25,8 Millionen Liter oder 0,6 Prozent – dabei schrieb schon das letzte Jahr rekordverdächtige rote Zahlen. Nur eine Sparte „Bier“ kann sich über große Zuwächse freuen: das alkoholfreie Bier. Bald schon soll jedes zehnte in Deutschland gebraute Bier alkoholfrei sein.

Nicht-alkoholische Bier sind in Deutschland auf dem Vormarsch. (Symbolbild)

Krise in der Brauwirtschaft: EM-Monat verzeichnet tiefsten Wert seit 1993

Auch die Fußball-Europameisterschaft konnte den Abwärtstrend beim Bierkonsum dieses Jahr nicht aufhalten. Sie fand vom 14. Juni bis zum 14. Juli 2024 in Deutschland statt. Überraschenderweise fiel der Bierabsatz gerade im Juni auf den tiefsten Wert seit 1993. Trotz eines Anstiegs im April verzeichneten Mai und Juni laut dem Statistischen Bundesamt Rückgänge von -1,0 % und -11,2 Prozent.

„Ein Hauptgrund ist neben dem durchwachsenen Wetter die Konsumzurückhaltung der Verbraucher, die nicht nur dem Handel zu schaffen macht, sondern insbesondere der Gastronomie und den Brauereien. Auch während der Fußball-EM haben die Achterbahnfahrt der Temperaturen und die häufigen Unwetter vielen Wirten das Geschäft verhagelt, so manche Gartenparty fiel ins Wasser. Gleichwohl konnte eine ganze Reihe von Brauereien auch von diesem Sportereignis profitieren“, meint Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes in Berlin zu den aktuellen Zahlen.

„Hohe Produktionskosten machen den Betrieben zu schaffen“: Alkoholfreies Bier auf dem Vormarsch

Auch 2024 bleibe für die fast 1.500 Brauereien in Deutschland „ein forderndes Jahr, allein schon wegen des schwierigen Konsumklimas und der angespannten weltpolitischen Lage“. Eichele glaubt in einer Pressemitteilung nicht an eine schnelle Besserung des Markts: „Die unverändert hohen Produktionskosten machen den Betrieben zu schaffen, zumal sie die Kostensteigerungen allenfalls nur zu einem kleinen Teil über Preiserhöhungen an den Lebensmittelhandel weitergeben können.“ Zuletzt hatte der Präsident des Bayrischen Brauerbundes höhere Bierpreise gefordert.

Leicht über 80 Prozent des gesamten Bierabsatzes waren dabei für den Inlandsverbrauch bestimmt. Der Inlandsabsatz sank im Vergleich zum Vorjahr um fast einen Prozent auf 3,4 Milliarden Liter. Die restlichen 18,3 Prozent wurden steuerfrei als Exporte und als sogenannter Haustrunk – unentgeltliche Menge für Beschäftigte der Brauereien – abgesetzt. Das waren 0,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon gingen 428,1 Millionen Liter in EU-Staaten und 332,3 Millionen Liter in Nicht-EU-Staaten. Die restlichen 5,1 Millionen Liter wurden als Haustrunk verbucht. Bundesweiter Absatzsieger in Deutschland ist Bayern.

Laut Deutscher Brauer Bund bleibt Pils mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent die beliebteste Biersorte der Deutschen, gefolgt von Hellbieren (10 Prozent) und alkoholfreien Bieren. Diese hätten das Weißbier mit acht Prozent vom dritten Platz gedrängt.

Starke Zuwächse bei alkoholfreiem Bier: 109 Prozent mehr in der letzten Dekade

Die Nachfrage nach alkoholfreiem Bier hat besonders in den letzten Jahren stark zugenommen, was sich auch deutlich in den Produktionszahlen widerspiegelt. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland über 556 Millionen Liter alkoholfreies Bier produziert, was einem Wert von rund 548 Millionen Euro entspricht. Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich die Produktion in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt (+109 Prozent), 2013 lag sie noch bei etwa 267 Millionen Litern.

„Ein Erfolgsfaktor der Brauwirtschaft ist ihre Innovationskraft, die sich am besten am Boom der alkoholfreien Biere zeigt“, so Eichele. Deutschland produziert über 800 alkoholfreie Marken. Bald werde jedes zehnte in Deutschland gebraute Bier alkoholfrei sein. „Deutschland ist mit einer Jahresproduktion von insgesamt rund 9 Milliarden Liter Europameister im Bierbrauen, spielt aber auch bei alkoholfreien Bieren vorne mit: Kein anderes Segment der Brauwirtschaft hat in den letzten zehn Jahren so stark zugelegt wie alkoholfreie Biere und alkoholfreie Biermischgetränke.“ Branchenangaben zufolge konnten alkoholfreie Biere im 1. Halbjahr 2024 im Handel bundesweit zweistellige Wachstumsraten bei Absatz und Umsatz verzeichnen.

Trotz der wachsenden Beliebtheit von alkoholfreiem Bier wird in Deutschland nach wie vor erheblich mehr alkoholhaltiges Bier produziert. Letztes Jahr stellten die Brauereien rund 7,2 Milliarden Liter alkoholhaltiges Bier im Wert von etwa 6,4 Milliarden Euro her. Allerdings ist die Produktion von alkoholhaltigem Bier in den letzten zehn Jahren um 14 Prozent gesunken – 2013 lag die Produktion noch bei knapp 8,4 Milliarden Litern.

Krise in der Brauwirtschaft: Insolvenzen, Rückgang beim Bierabsatz

Der Bierabsatz ist nunmehr seit drei Jahrzehnten stetig rückläufig und erreichte im vergangenen Jahr einen neuen Tiefpunkt. So sank der Bierabsatz 2023 um 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 8,4 Milliarden Liter. Besonders besorgniserregend für Brauereien ist allerdings der langfristige Trend, denn in den letzten zehn Jahren fiel der Absatz um 11,5 Prozent, in den letzten 20 Jahren sogar um über 25 Prozent. Auch die Exporte schwächeln deutlich, was die Krise der deutschen Brauereien weiter verschärft.

Immer mehr Brauereien schlitterten in den letzten Monaten außerdem in die Insolvenz. So musste erst kürzlich eine Brauerei aus Viechtach Insolvenz anmelden, die es immerhin seit 450 Jahren gibt. Auch die älteste Brauerei des Saarlandes steht vor dem Aus. Die familiengeführte Traditionsbrauerei kann ebenfalls auf einen jahrhundertelangen Betrieb zurückblicken.

Rubriklistenbild: © IMAGO

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