Krise folgt auf Krise

Gastro-Branche im Ausnahmezustand: Viele Betriebe müssen Öffnungszeiten kürzen

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Erst Corona, dann Energiekrise und jetzt eine höhere Mehrwertsteuer. Noch dazu eine alternde Bevölkerung. Die Gastronomie- und Hotelbranche lebt im Ausnahmezustand.

Berlin – Seit 2020 hat die Hotel- und Gastronomiebranche keine Ruhe mehr gehabt. Erst mussten alle Betriebe vorübergehend schließen, als die Corona-Pandemie die Welt lahmlegte; dann kam der Ukraine-Krieg und die darauffolgende Energiekrise und die Inflation. Zur Entlastung senkte die Regierung den Mehrwertsteuersatz auf Speisen und Getränke von 19 auf 7 Prozent. Damit ist ab 2024 aber wieder Schluss – ein weiterer Schlag für eine Branche, die sich immer noch nicht von der ersten Krise erholt hat.

Fachkräftemangel in der Gastro-Branche besonders akut

„In unserer Branche herrscht Frust, völliges Unverständnis bis Wut, zum Teil Verzweiflung und Resignation“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Ingrid Hartges, diese Woche in der Rheinischen Post. Die Entscheidung, die Mehrwertsteuer wieder auf 19 Prozent zu erhöhen, mache es den Betrieben noch schwerer, die vielen fehlenden Fachkräfte anzuwerben. „Die Ampel müsste gerade jetzt mehr Impulse setzen, die Arbeitsplätze und Existenzen sichern. Das Gegenteil ist nun der Fall.“

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt auch, dass sich die Beschäftigungszahlen seit Corona noch immer nicht erholt haben. Vor allem bei den geringfügig Beschäftigten, also den Mini- und Midijobbern, sucht die Branche weiter händeringend nach Personal. Diese Gruppe hatte während der Pandemie kein Kurzarbeitergeld erhalten und sich seitdem in anderen Bereichen Jobs gesucht.

Wie akut die Lage ist, zeigt auch eine aktuelle Auswertung der Beratungsfirma Index für die Wirtschaftswoche. Demnach hat die Gastro-Branche bis 2023 Ende Oktober insgesamt 1,3 Millionen Stellenanzeigen geschaltet. Dafür wurden 294 Millionen Euro ausgegeben, 2019 waren es noch 117 Millionen Euro, die die Branche für die Bewerbung von Stellen ausgab.

Allein bei der Bundesagentur für Arbeit wurden mehr als 30.000 offene Stellen im Gastgewerbe gemeldet. „Wir gehen allerdings davon aus, dass der tatsächliche Bedarf mindestens doppelt so hoch ist, da viele Betriebe ihre freien Arbeitsplätze nicht mehr bei den Arbeitsagenturen melden“, heißt es vonseiten der Dehoga dazu.

Ein Kellner trägt ein Tablett mit benutzten Gläsern und leeren Flaschen.

Vor allem gesucht werden der Auswertung zufolge sogenannte „gewerbliche Fachkräfte“, also Mitarbeitende mit einer Ausbildung. 2022 stiegen dem Magazin zufolge die Stellenausschreibungen für diese Berufe um 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dehoga: Branche braucht Arbeitskräfte aus dem Ausland

Um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, setzt die Branche auf faire Löhne, betriebliche Benefits wie beispielsweise Unterstützung bei der Wohnungssuche und Vergünstigungen in Fitnessstudios oder Restaurants. Doch allein das reicht nicht, sagt die Dehoga auch. „Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland und ganz Europa ist die Gewinnung von Fach- und Arbeitskräften sowie Auszubildenden in Drittstaaten ein unverzichtbarer Baustein“.

Aus Sicht der Branche hätte der niedrigere Mehrwertsteuersatz dazu beigetragen, dass viele Restaurants und Gaststätten wettbewerbsfähig bleiben. Vor allem im ländlichen Raum befürchte man nun deshalb Schließungen. Bereits jetzt gebe es Betriebe, „die sich gezwungen sehen, ihre Öffnungszeiten zu verkürzen, zusätzliche Ruhetage einzuführen oder das Angebot der Speisekarte zu konzentrieren“, heißt es von der Dehoga weiter. Der Fachkräftemangel beutelt die Branche, noch dazu werden die Preise 2024 steigen müssen – und viele Gäste bleiben mutmaßlich dann auch fern.

Rubriklistenbild: © Hannes P Albert/dpa

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