Bürgergeld-Betrug: Bas nimmt „mafiöse Strukturen“ ins Visier – diese Städte sind Problemzonen
VonDiana Serbe
schließen
Bürgergeld-Missbrauch hat in bestimmten Städten besorgniserregende Ausmaße erreicht. Die Tricks der Betrüger und die Gegenoffensive der Bundesregierung.
Berlin – Nachdem bereits im Sommer 2025 bandenmäßiger Betrug beim Bürgergeld nachgewiesen wurde, stellen sich einige Regionen der Bundesrepublik als wahre Hotspots der Kriminellen heraus. Dabei gehen sie mit einem festen System vor.
Die Zahl der Verfahren wegen bandenmäßigen Bürgergeld-Betrugs ist alarmierend gestiegen: von 229 Fällen im Jahr 2023 auf 421 im Jahr 2024. Das ergab die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Juli 2025. Aus dem Dokument geht auch hervor, wie die Betrügerinnen und Betrüger arbeiten. Demnach rekrutieren Mittelsmänner Menschen aus EU-Ländern wie Bulgarien oder Rumänien mit dem Versprechen auf Arbeit in Deutschland. Vor Ort werden Beschäftigungsverhältnisse inszeniert – mit Scheinverträgen und gefälschten Stundennachweisen. Ziel ist es, die Anspruchsvoraussetzungen für das Bürgergeld zu erfüllen.
Bürgergeld-Missbrauch: Scheinanmietung von Immobilien und gefälschte Arbeitsverträge
Parallel dazu werden die Betroffenen in verwahrlosten Immobilien untergebracht. Diese Objekte – in dem Dokument der Bundesregierung drastisch „Schrottimmobilien“ genannt – werden zu überhöhten, aber formal noch als „angemessen“ geltende Mieten vermietet. Das Jobcenter übernimmt die Wohnkosten, wodurch die kriminellen Netzwerke doppelt profitieren: durch die Mieteinnahmen und einen Teil der Bürgergeld-Leistungen.
Die Betroffenen geraten in ein Netz aus Abhängigkeiten und Ausbeutung, aus dem sie sich nur schwer befreien können. Die zuständige Ministerin für Arbeit und Soziales, Bärbel Bas (SPD), sprach in einem Stern-Interview von „mafiösen Strukturen“. Ein Wissenschaftler relativierte die Aussage von Arbeitsministerin Bas allerdings.
Rente für Auswanderer: Die begehrtesten Länder für Deutsche im Ruhestand
Teils lebensgefährliche Bedingungen: Bürgergeld-Missbrauch findet vor allem in NRW statt
Obwohl sich die Hotspots des Bürgergeld-Missbrauchs laut buergergeld.org vor allem in Nordrhein-Westfalen (NRW) befinden – insbesondere in Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen, Krefeld, Leverkusen und Wuppertal – tritt das Problem bundesweit auf. Ähnliche Muster tauchen beispielsweise in Berlin und Mannheim auf. Anfang 2025 führten Behörden koordinierte Razzien in NRW durch. Dabei wurden 55 Gebäude und mehr als 100 Wohnungen kontrolliert. Die Ergebnisse waren erschreckend: Es wurden Fälle von Sozialbetrug, Scheinarbeitgebern, ausbeuterischer Arbeit und teils lebensgefährlichen Wohnbedingungen aufgedeckt.
Ähnliche betrügerische Strukturen wurden auch beim Kindergeld aufgedeckt. Für das Jahr 2024 meldete die Familienkasse bundesweit rund 140.000 Verdachtsfälle auf Kindergeld-Missbrauch. In über 100.000 Fällen wurden steuerrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet, wobei in etwa 8000 Fällen der Verdacht auf organisierte Strukturen bestand.
Die Jobcenter setzen nun auf verschiedene Instrumente zur Betrugsbekämpfung, darunter verstärkte Unterlagen- und Identitätsprüfungen, Außendiensteinsätze und automatisierte Datenabgleiche zwischen Jobcentern, Ausländerbehörden, Familienkassen und Zoll. Städte wie Gelsenkirchen gehen einer Information des Lands NRW nach noch einen Schritt weiter und kaufen gezielt „Schrottimmobilien“ auf, um sie vom Markt zu nehmen. Im Interview mit IPPEN.MEDIA erklärt ein Jobcenter-Chef, wie Betrugsfälle bei Sozialleistungen im Alltag oft nur zufällig bekannt werden. (Quellen: bundestag.de, buergergeld.org, Stern, mhkbd.nrw) (diase)