Politik schaut in falsche Richtung

Bürgergeld-Empfänger bei Schwarzarbeit im Fokus – Problem liegt bei anderer Gruppe

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Bürgergeld-Empfänger werden oft beschuldigt, illegal zu arbeiten. Eine Studie offenbart jedoch, dass die wahren Täter andere sind.

Köln – Das Bürgergeld bleibt umstritten, die Debatte orientiert sich vor allem an der Härte gegenüber Leistungsberechtigten, die sich nicht an die Regel halten. Die CDU will dadurch das eigene Wirtschaftsprogramm finanzieren und plant eine Abschaffung in der bisherigen Form, die mit kompletten Streichungen der Zahlungen einhergeht. Und auch die SPD steigt in die Diskussion ein. So hat Parteichef Lars Klingbeil im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) mehr Härte gegen Schwarzarbeitende im Bürgergeld gefordert.

Klingbeil hat damit ein Thema wieder aufgemacht, das im Sommer 2024 heiß diskutiert wurde. Der Vorwurf: Bürgergeld-Beziehende verdienen sich nebenbei etwas dazu. Das hat letztendlich dazu geführt, dass in der sogenannten Wachstumsinitiative der Ampel-Koalition härtere Sanktionen bei Schwarzarbeit beschlossen wurden. Das Kabinett hatte die Maßnahmen noch beschlossen, durch den Koalitionsbruch ist das Vorhaben jedoch gescheitert.

Studie stellt fest: Nicht Bürgergeld-Beziehende betreiben Schwarzarbeit, sondern Gutverdienende

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt nun, dass der Schwerpunkt der Schwarzarbeit am anderen Ende der Einkommensverteilung zu suchen ist. Es sind gerade nicht die Bürgergeld-Beziehenden, die unter der Hand arbeiten. Je höher das Einkommen, desto eher arbeiten die Deutschen schwarz, so der Schluss des Schattenwirtschaftsexperten Dominik Ernste.

Die Politik nimmt bei der Schwarzarbeit vor allem Menschen im Bürgergeld-Bezug in den Blick. Dabei sind es Besserverdienende, die an der Steuer vorbei arbeiten. (Montage)

7,9 Prozent der Deutschen mit einem Einkommen über 4000 Euro im Monat verdienen der Studie des arbeitgebernahen Instituts zufolge etwas dazu, ohne Steuern und Sozialabgaben darauf zu zahlen. Je niedriger das Einkommen, desto niedriger auch der Anteil der Schwarzarbeitenden. Unter einem monatlichen Einkommen von 1500 Euro sind es lediglich 3,1 Prozent.

EinkommensgruppeAnteil der Schwarzarbeitenden
Unter 1500€3,1 %
1500–2500€4,4 %
2500–4000€5,2 %
Über 4000€7,9 %
Quelle: IW Köln

Bürgergeld-Berechtigten fehlt es an Gelegenheiten für Schwarzarbeit – und Kontrolle ist stärker

Beziehende von Transferleistungen arbeiteten seltener schwarz. Ihnen fehle es dazu oft bereits an Kundenkontakten, erklärte IW-Ökonom Ernste dem Spiegel. Zudem sei bei ihnen die Wahrscheinlichkeit höher, entdeckt zu werden.

Bei Besserverdienenden ergebe sich häufiger die Gelegenheit. Zudem lohne sich Schwarzarbeit für sie stärker, weil bei ihnen die Einkommen höher seien, erklärt der Forscher. „Architekten oder Kfz-Meister arbeiten schwarz, weil sie dazu gute Gelegenheiten haben“, sagte Ernste dagegen. Das liege teilweise auch an ihrer Selbstständigkeit. Auch Steuerhinterziehung finde bei höheren Einkommensschichten häufiger statt.

Die IW-Studie beruht auf einem Online-Acces-Panel. Dabei wurden 2628 Menschen ab 18 Jahren in Deutschland zum Thema Schwarzarbeit befragt. Die Umfrage ist laut IW quotenrepräsentativ in den Kategorien Einkommen, Wohnort nach Bundesland, Alter und Geschlecht. Dabei hätten nur etwa fünf Prozent angegeben, selbst Schwarzarbeit zu betreiben. Die Ergebnisse sollten daher „nicht überrepräsentiert werden“, sagte Ernste dem Spiegel. Durch Fragen, die nicht die jeweilige befragte Person selbst betreffen, soll das Ergebnis jedoch auf Richtigkeit geprüft werden. Damit könnten bis zu zehn Millionen Menschen schwarz arbeiten, statt der 3,3 Millionen, die sich durch die direkte Umfrage selbst nachweisen lassen.

IW-Ökonom: Schwarzarbeit attraktiv, weil „zu wenig Netto vom Brutto bleibt“

Laut der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls entstand 2023 durch die Arbeit am Steuer- und Sozialsystem vorbei ein Schaden von 615 Millionen Euro. Die Bundesregierung hat im November einen Gesetzentwurf zur Modernisierung und Digitalisierung der Schwarzarbeitsbekämpfung eingebracht.

IW-Ökonom Ernste ist wenig optimistisch. „Neue Gesetze, Vorschriften und Kontrollen werden die Schwarzarbeit nicht reduzieren“, wird er in einer Mitteilung des Instituts zitiert. „Der Staat muss die Ursachen bekämpfen. Schwarzarbeit ist so attraktiv, weil den Beschäftigten zu wenig Netto vom Brutto bleibt.“

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/Boris Roessler/dpa

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