Bumerang für Putin – Schattenflotte könnte langfristig teuer werden
VonLennart Schwenck
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Putins Schattenflotte umgeht Sanktionen, verursacht aber enorme Kosten. Umweltrisiken und illegale Strukturen könnten Russland teuer zu stehen kommen.
Brüssel/Moskau – Russlands sogenannte Schattenflotte, bestehend aus hunderten alten Tankern unter falschen Flaggen und undurchsichtigen Eigentümerstrukturen, ist zu einem massiven Problem geworden, das weit über die ursprüngliche Sanktionsumgehung hinausgeht. Laut der New York Times vorliegenden Informationen umfasst diese Flotte mittlerweile etwa 17 Prozent aller weltweit im Einsatz befindlichen Öltanker. Nach Angaben von S&P Global Market Intelligence waren es bereits 940 Schiffe Anfang 2025 – ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die EU hat als Reaktion darauf ihre Sanktionslisten drastisch erweitert. Laut dem Rat der Europäischen Union stehen mittlerweile 444 Schiffe auf den Sanktionslisten, nachdem im Juli 2025 weitere 105 Schiffe hinzugefügt wurden. Diese Maßnahmen zeigen bereits Wirkung – die russischen Einnahmen sind laut Angaben der Bundesregierung um 38 Milliarden Euro gesunken.
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Umweltrisiken bedrohen europäische Gewässer: Illegale Strukturen könnten Krieg überdauern
Die Schattenflotte birgt erhebliche Umweltrisiken. Greenpeacewarnte vor Kurzem, dass „Russlands Schattenflotte weltweit die Umwelt“ bedrohe und „Meeresschutzzonen, Küstenregionen und Brutgebiete von Meeresvögeln“ gefährde. Besonders problematisch sind die sogenannten Schiff-zu-Schiff-Transfers vor Sizilien, bei denen Öl auf See von Schiff zu Schiff gepumpt wird, um dessen Herkunft zu verschleiern. Auch Greenpeace Ukraine kritisierte gegenüber der New York Times: „Der Mangel an Versicherungsschutz kombiniert mit den wirklich alten Schiffen erhöht nur das Risiko einer Umweltkatastrophe.“ Die durchschnittlich 20 Jahre alten Schiffe der Schattenflotte sind deutlich älter als die reguläre Ölflotte mit 13 Jahren.
Die langfristigen Kosten einer Ölkatastrophe wären verheerend: Laut International Tanker Owners Pollution Federation liegen die Kosten pro verschüttetem Barrel zwischen 600 und 4.000 US-Dollar. Bei historischen Katastrophen erreichten die Aufräumungskosten astronomische Summen – die Exxon Valdez (ein Tankerunglück 1989 vor Alaska) kostete 3,5 Milliarden Dollar und für die Deepwater Horizon (eine Bohrinsel-Explosion 2010 im Golf von Mexiko) wurden rund 40 Milliarden Dollar veranschlagt. Polen allein erwirtschaftet jährlich 13,65 Milliarden Euro im Tourismussektor – eine größere Ölpest könnte diesen Wirtschaftszweig für Jahre schwer schädigen.
Die langfristigen Kosten der Schattenflotte – von den direkten Ausgaben über Umweltrisiken bis hin zu den strukturellen Schäden für die internationale Ordnung – könnten Putins Kriegsfinanzierung zusätzlich belasten.
Experten befürchten, dass die durch die Sanktionen entstandenen illegalen Strukturen den Krieg überdauern könnten. Ian Ralby, Experte für maritime Sicherheit, warnte gegenüber in der New York Times: „Viele Menschen wollen den einfachen Teil machen – Sanktionen verhängen – aber wir haben tatsächlich ein größeres Problem verursacht. Die Sanktionen bringen sie nicht aus dem Geschäft. Sie bringen sie aus dem legitimen Geschäft.“
Putins schmutzige Schattenflotte: EU verschärft Druck mit neuen Sanktionspaketen
David O‘Sullivan, EU-Sanktionsbeauftragter, beschrieb die Herausforderungen im Umgang mit Sanktionen mit einem Bild aus der Popkultur: dem Arcade-Spiel „Whac-A-Mole“. Im Interview mit der New York Times erklärte O‘Sullivan, dass die Bekämpfung von Umgehungsstrategien einem ständigen Schlagabtausch gleicht: „Kaum hat man ein Schlupfloch geschlossen, taucht sofort ein neues Problem auf“, so der EU-Beamte.
Massive Kosten für Russlands Kriegskasse: Schattenflotte wächst trotz Sanktionen
Die Umgehung der Sanktionen kommt Russland teuer zu stehen. Laut Ukrainian Shipping Magazine hat Moskau seit Mai 2022 bereits 14 Milliarden Dollar für den Aufbau der Schattenflotte ausgegeben – lediglich für den Kauf der über 400 Tanker. Die enormen Ausgaben belasten zusätzlich zu den Kriegskosten den russischen Staatshaushalt erheblich.
Putin plant laut einem aktuellen Bericht eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent für 2026, um den kostspieligen Ukraine-Krieg zu finanzieren. Bereits jetzt machen Militär und Sicherheit etwa 40 Prozent aller staatlichen Ausgaben aus. Die T-Bank-Analystin Sofya Donets schätzte, dass die Steuererhöhung 2026 die Inflation um 1,5 Prozentpunkte verstärken wird. (ls)