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Laut einer aktuellen McKinsey-Studie hängen in Deutschland rund vier Millionen Jobs von Seltenen Erden ab. Ein Ausfuhrstopp Chinas würde neun Prozent der Wirtschaftsleistung bedrohen.
Berlin – China verschärft die Exportregeln für Seltene Erden mit weitreichenden Folgen auch für Deutschland. Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens McKinsey hängen hierzulande rund eine Million Arbeitsplätze direkt von der Versorgung mit diesen kritischen Rohstoffen ab, weitere drei Millionen sind indirekt betroffen. Würde die Versorgung aus China ausfallen, wäre in etwa neun Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung in Gefahr.
Eine Million Jobs in Deutschland hängen an Seltenen Erden
Erst vor wenigen Tagen kündigte China an, seine Exportkontrollen für bestimmte Seltene Erden zu verschärfen. Das trifft auch Deutschlands Industrie ins Herz. Die Automobilindustrie, die Luft- und Raumfahrt sowie die Energiebranche sind hierzulande stark auf die Verfügbarkeit von seltenen Erden angewiesen. Doch auch im Maschinenbau, in der Chemieindustrie, der Medizintechnik und in der Elektronik werden sie benötigt. Und China ist weltweit der wichtigste Lieferant.
Laut McKinsey arbeiten in Deutschland rund eine Million Menschen in Branchen, die auf Metalle der Seltenen Erden angewiesen sind. Ihr jährlicher Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt liegt dabei bei etwa 150 Milliarden Euro – gerechnet nur für die Bereiche, in denen diese Rohstoffe tatsächlich eingesetzt werden. Weitere etwa drei Millionen Beschäftigte in Sektoren wie Handel und Gastronomie profitieren indirekt davon, was einen zusätzlichen Wertschöpfungseffekt von rund 220 Milliarden Euro erzeugt. Würden keine kritischen Rohstoffe mehr nach Deutschland geliefert werden, wären rund vier Millionen Jobs und etwa 370 Milliarden Euro an Wertschöpfung gefährdet.
Allerdings sind die Zahlen von McKinsey nicht hoch gegriffen. „Nach unseren Recherchen gibt es sogar 1,3 Millionen Beschäftigte in Deutschland, die Produkte herstellen, in denen seltene Erden enthalten sind. Natürlich hätte ein Lieferstopp gravierende Auswirkungen auf diese Jobs“, meint Cornelius Bähr vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Handelsblatt.
Abhängigkeit von China: Fast die gesamte Verarbeitung Seltenener Erden liegt in chinesischer Hand
Die EU zählt derzeit 34 Rohstoffe zu den sogenannten „Critical Raw Materials“, also kritischen Rohstoffen. Dazu gehören Metalle wie Neodym, Praseodym, Terbium und Dysprosium, die etwa in Legierungen sowie bei der Herstellung von Magneten, Elektromotoren und Batterien eingesetzt werden. Auch Lithium, Kupfer und Kobalt gelten als kritisch – sie sind insbesondere für die Produktion von Batterien und elektronischen Bauteilen unverzichtbar. Wichtig dabei: Die seltenen Erden gehören dazu, aber nicht alle „Critical Raw Materials“ sind seltene Erden.
Da kritische Rohstoffe in Deutschland kaum vorkommen, müssen sie überwiegend aus dem Ausland importiert werden. Der Großteil stammt direkt aus außereuropäischen Ländern, teilweise mit starker Konzentration auf einzelne Staaten, so die Studie. Bei den Seltenen Erden hält China rund 69 Prozent des Weltmarkts im Bergbau. Noch deutlicher wird die Abhängigkeit bei der Verarbeitung: Bei der Veredelung von Seltenen Erden liegt Chinas Anteil sogar bei 99 Prozent. Auch andere kritische Rohstoffe stammen zu großen Teilen aus wenigen Ländern: Lithium liefert die EU zu 79 Prozent aus Chile, Platin zu 71 Prozent aus Südafrika und Kobalt zu 70 Prozent aus der Demokratischen Republik Kongo.
Laut Analyse wird der Bedarf an kritischen Rohstoffen in Deutschland in den kommenden Jahren deutlich steigen, besonders bei Lithium. Für die Energiewende sind diese Rohstoffe entscheidend, weil sie zum Beispiel in Windkraftanlagen oder Elektroautos eingesetzt werden. Auch die Ausgaben für solche Materialien werden bis 2030 in die Höhe klettern: Kupfer um 14 Prozent, Nickel um 25 Prozent, Lithium um 147 Prozent, Mangan um drei Prozent und Kobalt um 17 Prozent.
Verfügbarkeit kritischer Rohstoffe in Deutschland: „Wir steuern auf eine dramatische Situation zu“
Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass der weltweite Bedarf an Seltenen Erden in diesem Jahrzehnt um 70 Prozent zunehmen wird, bei Lithium sogar um über 400 Prozent. Noch höhere Zahlen nennt die Europäische Kommission: Brüssel schätzte vor zwei Jahren, dass die EU-Staaten bis 2030 das Sechsfache an Seltenen Erden und das Zwölffache an Lithium benötigen werden. „Wir steuern auf eine dramatische Situation zu. Vergleiche mit den Folgen der Gas- und Energiekrise im Jahr 2022 nach Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine sind nicht weit hergeholt“, meinte Matthias Wachter, Abteilungsleiter Rohstoffe beim Bundesverband der Deutschen Industrie, im Frühjahr zur Welt.
Das Problem Deutschlands und anderer westlicher Länder ist, dass sie nur einen kleinen Teil der benötigten Rohstoffe selbst produzieren. Seltene Erden etwa sind nicht wirklich selten, größere Vorkommen gibt es in Schweden und Grönland, schreibt die Tageszeitung. Sie wurden bisher kaum erschlossen, weil es einfacher war, die Förderung in Länder mit niedrigeren Arbeitskosten und lockereren Umweltstandards zu verlagern.
In Europa tut sich jedoch etwas: Mit dem „Critical Raw Materials Act“ will die EU die Abhängigkeit reduzieren und bis 2030 zehn Prozent des Bedarfs aus heimischer Förderung, sowie 40 Prozent aus eigener Weiterverarbeitung decken. Vor Ort stößt das aber oft auf Widerstand, etwa in Portugal gegen den Lithiumabbau oder in Serbien gegen ein EU-Projekt zur Erschließung von Lithiumvorkommen.