China strebt nach Dominanz bei Künstlicher Intelligenz – mit Folgen für den Rest der Welt
VonSven Hauberg
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China und die USA kämpfen um die Vormachtstellung bei Künstlicher Intelligenz. Noch führen die USA, sagt Expertin Antonia Hmaidi im Interview. „Aber China holt schnell auf.“
Seit Jahren versuchen die USA, den Aufstieg Chinas zur KI-Weltmacht zu verhindern. Geklappt hat das bislang nur bedingt: Chinesische KI-Anwendungen wie DeepSeek sind fast so gut wie ChatGPT und andere Konkurrenzprodukte aus dem Westen. Das Problem: China-KI unterliegt einer strengen Zensur. Wird sie ins Ausland exportiert, „werden auch die chinesischen Narrative exportiert“, sagt Expertin Antonia Hmaidi von der China-Denkfabrik Merics im Interview mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA.
Frau Hmaidi, China und die USA wollen beide die weltweit führende KI-Macht werden. Wer liegt in diesem Wettstreit derzeit vorne?
Wenn man auf die wichtigen Innovationen blickt, dann haben momentan ganz klar die USA die Nase vorne. Die großen Sprachmodelle wie ChatGPT sind in den letzten Jahren alle aus den USA gekommen. Seit Anfang des Jahres sehen wir zwar, dass China in diesem Bereich sehr schnell aufholt. Aber noch folgen chinesische Unternehmen den Hauptinnovationen aus den USA lediglich.
Das Überraschende an DeepSeek war, dass es fast so gut ist wie die besten Sprachmodelle aus den USA, aber viel günstiger in der Entwicklung war. Das ist typisch, wenn man einer Innovation nur folgt: Man muss nicht viel Geld ausgeben, um herauszufinden, welche Technologie nun die Beste ist, sondern kann stattdessen auf bestehenden Technologien aufbauen.
„Die USA haben es geschafft, die KI-Entwicklung in China zu verlangsamen“
Zur Person
Antonia Hmaidi beschäftigt sich bei der China-Denkfabrik Merics unter anderem mit der Geopolitik von Technologie, Chinas Streben nach technischer Eigenständigkeit sowie mit Chinas Cybersicherheit und Hacking-Kampagnen.
Das würde ich so nicht sagen. Die USA haben es durchaus geschafft, die KI-Entwicklung in China zu verlangsamen und zu verteuern. Gleichzeitig sehen wir aber, wie chinesische Unternehmen wegen der Beschränkungen der USA ihre Anstrengungen in vielen Bereichen erhöht haben. Weil sie nicht die besten NVIDIA-Chips importieren können, versuchen sie eben, gleichwertige Chips selbst zu entwickeln. Das Ziel der chinesischen Regierung ist es, eines Tages von den USA unabhängig zu werden. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.
In den USA sind es vor allem Privatunternehmen wie OpenAI oder Meta, die die Entwicklung von KI vorantreiben. Wie ist das in China?
Einerseits ist es so, dass der chinesische Staat bei vielen Unternehmen wie zum Beispiel DeepSeek keine große Rolle spielt. DeepSeek war zunächst ein kleines Start-up und hatte zumindest anfangs keine staatlichen Kunden, die es gefördert haben. Anders war das bei Huawei: Huawei hat sehr enge Beziehungen zum chinesischen Staat und von diesem auch den Auftrag bekommen, KI-Chips herzustellen. Viele KI-Unternehmen starteten auch mit KI-gestützten Überwachungstechnologien, die von der Regierung gefördert wurden. Was wir ebenfalls sehen: Die chinesische Regierung investiert sehr stark in die Ausbildung, um die Entwicklung von KI voranzubringen.
„KI wird an chinesischen Schulen auch zur Überwachung eingesetzt“
Wie zeigt sich das?
An den Universitäten wurden in den letzten Jahren viele Studiengänge eingerichtet, die einen Fokus auf KI legen. Die Folge davon ist, dass China heute weltweit die meisten Absolventinnen und Absolventen im KI-Bereich hat. Schon in der Schule wird die Nutzung von KI stark forciert. Statt wie hierzulande vor allem über mögliche Risiken zu sprechen, wird KI in China eher als Chance gesehen. KI wird an chinesischen Schulen aber auch zur Überwachung eingesetzt – zum Beispiel, um zu überprüfen, ob jemand in einem Test geschummelt hat oder ob die Schülerinnen und Schüler im Unterricht auch wirklich aufpassen.
Westliche Anwendungen wie ChatGPT sind in China verboten. Gleichzeitig unterliegen auch chinesische Anwendungen einer strengen Zensur.
KI-Modelle, die in China trainiert oder angeboten werden, müssen nachweisen, dass sie bestimmte Fragen auf die richtige Art und Weise beantworten. In diesem Zusammenhang bedeutet richtig: so wie es sich die chinesische Regierung wünscht. Ansonsten werden sie nicht zugelassen. Wer DeepSeek zum Beispiel nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz fragt, …
… wo die Regierung 1989 Hunderte oder vielleicht sogar Tausende friedlich protestierende Studenten niederschießen ließ …
… wird keine Antwort erhalten. Wenn Sie einen Satz mit „Xi Jinping ist …“ anfangen, erscheint eine Chatbot-Nachricht, dass er darauf nicht antworten kann. Und wenn Sie DeepSeek zu den Beziehungen zwischen China und der EU befragen oder nach Taiwan, bekommen Sie eine Antwort, die eindeutig der chinesischen Sichtweise folgt. Ein Problem dabei ist, dass China seine KI-Technologie auch exportiert, vor allem in Länder des Globalen Südens. Und damit werden auch die chinesischen Narrative exportiert. Es ist aber auch so, dass viele Länder des globalen Südens dennoch lieber auf chinesische KI setzen als auf amerikanische, die deutlich teurer ist. Für sie ist chinesische KI besser als gar keine KI.
„Wenn wir zwei getrennte KI-Welten haben, dann haben wir auch weniger Wettbewerb“
Werden wir eines Tages zwei getrennte Sphären sehen, ähnlich wie beim Internet – eine westliche KI und eine chinesische KI, die in unterschiedlichen Teilen der Welt genutzt werden?
Ja, dieses Risiko besteht auf jeden Fall. Ein interessanter Schauplatz, wo wir das schon jetzt beobachten können, ist der Nahe Osten. Die Regierung von Katar zum Beispiel möchte eine KI, die islamischen Werten folgt. Chinesische Unternehmen haben weniger Hemmungen als westliche, so etwas anzubieten. Ein Problem ist: Wenn wir zwei getrennte KI-Welten haben, dann haben wir auch weniger Wettbewerb, was wiederum Innovationen verlangsamt. Und der Stromverbrauch der KI wird steigen, wenn wir zwei komplett voneinander getrennte KI-Infrastrukturen betreiben.
Welche Rolle bleibt in diesem Wettstreit den Europäern?
Die EU wird immer wieder dafür kritisiert, KI zu stark zu regulieren. Aber gute Regulierung kann auch ein Wettbewerbsvorteil sein, etwa beim Thema Datenschutz. Dass Regulierung nicht automatisch Innovationen verhindert, sehen wir in China. Ich finde es auch richtig, wenn wir als demokratische Gesellschaft sagen, dass wir Regeln für die Nutzung von KI wollen, und diese Regeln auch durchsetzen. Das Problem der EU ist, dass die Regulierung oftmals viel zu lange dauert. Und dass wir dabei nicht pragmatisch genug sind. Die EU glaubt, sie brauche für alles eine umfassende Regulierung, die am besten für zehn oder 15 Jahre gültig ist. Aber so funktioniert Technologie nicht. Wir müssen uns schneller auf die rasante Entwicklung einstellen, die wir derzeit erleben, und die EU-Regulierungen müssen schneller anpassbar werden.