Chinas E-Autos: Direktimport nach Deutschland – Fluch oder Segen?
VonPatrick Freiwah
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So günstig kann man chinesische E-Autos nun online kaufen – auch der Import von VW-Modellen ist möglich. Doch gibt es Haken, die bei der Nutzung in Europa auftreten können.
Peking/Brüssel – Wer in Deutschland oder sonst wo in Europa ein günstiges Elektroauto sucht, blickt oft neidisch nach China. Dort rollen moderne Stromer in der Regel für einen Bruchteil der hiesigen Preise vom Band.
Doch bisher war es nahezu unmöglich, Fahrzeuge aus der Volksrepublik direkt zu bestellen und legal auf deutschen Straßen zu fahren. Das wird sich nun ändern – mit Folgen für den gesamten europäischen Automarkt.
Autohändler bringt chinesische E-Autos direkt vor die Haustür
Der Online-Shop China EV Marketplace, nach eigenen Angaben der weltweit größte Anbieter für chinesische Elektrofahrzeuge, will den europäischen Markt aufmischen: Ab sofort können Kunden in Europa ein neues E-Auto oder auch Plug-in-Hybrid (PHEV) direkt in China bestellen und sich bis vor die Haustür liefern lassen – inklusive aller nötigen Papiere für die Zulassung in Europa.
Damit fällt der bisherige Aufwand weg, sich um Zoll, Abholung am Hafen und komplizierte Zulassungsverfahren zu kümmern. „Unser neuer Service beseitigt die traditionellen Komplikationen und Ärgernisse, die mit internationalen Autoimporten verbunden sind“, zitiert das Portal CarNewsChina einen Manager der Handelsplattform.
China EV Marketplace: Preise, die deutsche Hersteller nervös machen?
Die Preisdifferenzen zwischen Deutschland und China sind enorm: Ein BYD Seagull kostet auf der Plattform 10.200 US-Dollar netto – umgerechnet rund 10.500 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Das gleiche Modell wird hierzulande als BYD Dolphin Surf ab 22.990 Euro angeboten. Auch der Leapmotor C10 ist mit etwa 17.500 Euro brutto deutlich günstiger als im regulären Europa-Vertrieb, wo über 36.000 Euro fällig werden.
Selbst Fabrikate von Europas größtem Autokonzern Volkswagen sind auf der Plattform erhältlich: Einen VW ID.3 aus chinesischer Produktion (entsteht in Co-Produktion mit SAIC) gibt es für unter 24.000 Euro inklusive Steuern – deutlich günstiger als die Listenpreise auf dem Heimatmarkt. Neben VW sind weitere E-Modelle wie ID.4X und ID.6X verfügbar, auch in China hergestellte Tesla-Modelle können bestellt werden.
Import von E-Autos aus China: Hürden und Risiken
So attraktiv die Preise des Geschäftsmodells auch klingen: Es gibt einige Haken, wie Electrive.net erklärt: Die Autos kommen mit dem chinesischen Ladestandard GB/T, nicht dem in Europa üblichen CCS-Anschluss. Zwar legt der Anbieter einen Adapter bei, doch könne es zu Einschränkungen bei der Ladegeschwindigkeit kommen.
Ersatzteile könnten schwer zu beschaffen sein, und bei der Software ist nicht immer garantiert, dass sie auf Deutsch umgestellt werden kann. Zudem kommunizieren viele Systeme und Apps der Fahrzeuge mit chinesischen Servern – was die Nutzung in Europa erschweren kann.
Plug-in-Hybride aus China im Vorteil – USA fallen als Zielmarkt weg
Der Boom bei China EV Marketplace ist dem Bericht zufolge vor allem den Plug-in-Hybriden zu verdanken: Während vollelektrische Fahrzeuge (BEVs) aus China in der EU mit Zöllen von bis zu 35 Prozent belegt sind, bleiben PHEVs davon verschont. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres verkaufte das Unternehmen weltweit 7000 Modelle – ein Plus von 66 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Interessant ist auch die Entwicklung in den USA: Dort stellt die Handelsplattform den Versand ein, weil die Verkäufe durch die hohen Zölle der Trump-Regierung eingebrochen sind. Das zeigt, wie stark politische Entscheidungen den internationalen Handel beeinflussen.
Was bedeuten Auto-Importe aus China für den deutschen Markt?
Ob China EV Marketplace die in der Volksrepublik hergestellten Fahrzeuge wirklich problemlos in Deutschland zulassen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Zumindest könnte die Möglichkeit, günstige E-Autos direkt zu importieren, den Preisdruck auf europäische Hersteller wie Volkswagen erhöhen – und damit den Wettbewerb auf dem Automarkt anheizen. Für Verbraucher und Verbraucherinnen eröffnen sich neue Chancen, aber auch Risiken, etwa bei Service und Ersatzteilen.
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Ein weiterer Aspekt: Für die Industrie wird es künftig einfacher, Konkurrenzmodelle für Vergleichszwecke zu kaufen. Da diese oft zerlegt werden, sind fehlende Service-Möglichkeiten weniger relevant. (PF)