E-Autos für 10.000 Euro: Wie ein brutaler Preiskrieg Chinas Wirtschaft ausbremst
VonSven Hauberg
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Die chinesische Wirtschaft läuft heiß, viele Unternehmen produzieren zu viel. Die Regierung steuert zwar gegen, meidet aber große Reformen.
Sie heißen BYD, Xpeng oder Avatr: Auf der Automesse IAA in München konnte man Anfang September sehen, was Chinas Autoindustrie zu bieten hat, so viele Hersteller wie nie zuvor waren aus der Volksrepublik an die Isar gekommen. Und doch war das, was dort ausgestellt war, nur ein kleiner Teil dessen, was in China derzeit auf dem Markt ist. Mehr als 100 Autobauer gibt es in dem Land, selbst für ein Volk von 1,4 Milliarden Menschen, von denen ein großer Teil noch kein eigenes Auto hat, sind das sehr viele. Zu viele, sagen die allermeisten Analysten.
Weil das Angebot so groß ist, viele Verbraucher in China ihr Geld allerdings lieber sparen, etwa fürs Alter oder für schwierige Zeiten, überbieten sich die Hersteller seit Monaten mit Rabattaktionen. Ein billiges Elektroauto gibt es schon für umgerechnet weniger als 10.000 Euro. Für die Autobauer bedeutet das: Gewinne lassen sich so kaum noch machen. Entbrannt ist ein Preiskrieg, den viele Autobauer kaum überleben dürften. Zwischen 2018 und 2024 fielen laut Deutscher Bank die Profite der chinesischen Autoindustrie um 33 Prozent, obwohl die Verkäufe im selben Zeitraum um 21 Prozent zunahmen. „Es ist ein sehr extremer, harter Wettbewerb. Das aktuelle Niveau ist nicht nachhaltig“, sagte im Sommer Stella Li, Spitzenmanagerin von BYD, in einem Bloomberg-Interview.
Phänomen „neijuan“: Chinas Wirtschaft kämpft mit Überproduktion und wenig Nachfrage
Über alle Branchen hinweg fallen in China seit drei Jahren die Erzeugerpreise, also die Preise, die Hersteller für ihre Produkte verlangen. Experten sehen Anzeichen einer sich verfestigenden Deflation. Zuletzt verlangsamte sich der Preisverfall zwar etwas, von 3,6 Prozent Rückgang im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 2,9 Prozent im August. Das grundlegende Problem aber bleibt bestehen: Weil viele Menschen in Erwartung weiter sinkender Preise Investitionen aufschieben, geht der Konsum noch mehr zurück. Die chinesische Wirtschaft, so der Ökonom Michael Pettis, schaffe es nicht, „den Anstieg der inländischen Produktion mit dem Anstieg der inländischen Nachfrage in Einklang zu bringen“.
Massive Produktion ohne ausreichende Nachfrage: In China hat sich für dieses Phänomen der Begriff „neijuan“ etabliert, was so viel bedeutet wie „sich nach innen einrollen“; im Englischen ist meist von „Involution“ die Rede. Geprägt wurde der Begriff „neijuan“ ursprünglich von chinesischen Internetnutzern, um ein anderes Phänomen zu beschreiben: das Gefühl, trotz eines guten Uniabschlusses und harter Arbeit beruflich und finanziell nicht von der Stelle zu kommen. Oder, wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit, erst gar keinen Job zu finden. Auch auf die chinesische Wirtschaft passt die Analogie des Hamsterrads: Unternehmen produzieren immer mehr, ohne ihre Gewinne steigern zu können. Denn die große Konkurrenz zwingt sie zu massiven Preisnachlässen, in einigen Fällen von satten 50 Prozent.
Militärparade in Peking: China präsentiert unter den Augen von Putin und Kim neue Superwaffen
Entstanden ist das Problem, weil Chinas Regierung einzelne Wirtschaftsbereiche massiv fördert. In sogenannten Fünfjahresplänen (der aktuelle läuft Ende des Jahres aus) legt sie unter anderem fest, wohin Subventionen fließen sollen. Neben direkter finanzieller Unterstützung profitieren ausgewählte Branchen von Steuererleichterungen, günstigen Krediten oder verbilligtem Bauland. Und weil die chinesischen Regionen in einem Wettbewerb zueinander stehen, versucht jede Provinzregierung, ihren eigenen Branchenprimus aufzubauen. Das Ergebnis sind viel zu viele Unternehmen, die ohne staatliche Unterstützung kaum überlebensfähig wären.
Betroffen ist auch die Solarindustrie. Schätzungen zufolge hatte China im vergangenen Jahr ausreichend Kapazitäten zur Produktion von Wafern, Zellen und Modulen, um den weltweiten Bedarf bis zum Jahr 2032 zu decken. Diese Überproduktion bekommt die ausländische Konkurrenz zu spüren. So machte der Schweizer Solarmodulhersteller Meyer Burger unlängst „das herausfordernde Wettbewerbsumfeld infolge umfangreicher Modulimporte aus China zu sehr niedrigen Preisen“ für die schwierige Lage des Unternehmens verantwortlich. Meyer Burger hatte den Betrieb seiner Standorte in Sachsen und Sachsen-Anhalt Anfang September eingestellt, etwa 600 Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Aus chinesischer Sicht ist es zwar ein Erfolg, wenn die ausländische Konkurrenz aufgeben muss. Wenn man aber auch selbst keine Gewinne einfährt, kann man kaum von einer nachhaltigen Strategie sprechen.
Chinas Regierung hat das Problem erkannt. So spricht Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping mittlerweile von „destruktiven Rabatten“ und einer „ungeordneten Preiskonkurrenz“ und ruft die Unternehmen zur „Anti-Involution“ auf. Konkret wurde beispielsweise ein Gesetz zu unfairem Wettbewerb geändert, mehrere Bereiche der chinesischen Industrie haben sich zudem dazu verpflichtet, weniger zu produzieren. Auch rief die Zentralregierung in Peking die Provinzen dazu auf, strauchelnde Unternehmen nicht länger künstlich am Leben zu halten. Eine große Pleitewelle will Peking allerdings verhindern.
China schreckt vor drastischen Maßnahmen zurück
Vor einem „radikalen Abbau der Überkapazitäten“ schrecke die Regierung zurück, schreibt der China-Experte Klaus Mühlhahn in seinem Newsletter Chinapolitan. „Ein solcher Schritt könnte kurzfristig die Produktion, den Export und vor allem die Beschäftigung gefährden – ein Risiko, das die auf Stabilität bedachte Regierung nicht eingehen will.“ Laut Mühlhahn steckt China „in einer Zwickmühle. Der Versuch, die Symptome der Involution zu bekämpfen, ohne die Wurzel des Problems – die Überproduktion – konsequent anzugehen, ist zum Scheitern verurteilt.“ (Quellen: Eigene Recherche, Deutsche Bank Research Institute, Chinapolitan, Carnegie Endowment for International Peace, Bloomberg, Reuters, dpa)