„Das ist erst der Anfang“: Auf der IAA blasen die China-Autohersteller zum Angriff auf VW, BMW und Co.
VonSven Hauberg
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China-Autos dominieren die IAA. Noch ist ihr Marktanteil in Deutschland zwar gering. Für VW und Co. sind das trotzdem keine guten Nachrichten.
„Deutschland ist der Ort, an dem alles begann.“ Sätze wie diesen hört man oft auf der Automesse IAA, die am Montag im München die Presse zum Vorab-Rundgang lud. Zum Beispiel von Clifford Kang, dem Vizepräsidenten der chinesischen Seres Group, zu der unter anderem Aito gehört, ein Hersteller von Luxusfahrzeugen. Bewunderung für die Erfindernation des Automobils schwingt da mit, aber ein bisschen auch etwas von: Die Geschichte des Autos mag in Deutschland begonnen haben, weitererzählt aber wird sie anderswo.
Und zwar vor allem in China. Chinesische Autohersteller dominieren die diesjährige IAA, die deutschen Branchengrößen wie BMW, Mercedes oder Volkswagen wirken mit ihren Messeständen beinahe an den Rand gedrängt. Neben Aito sind Marken wie Forthing, XPeng und Avatr dabei. Also vor allem Hersteller, die hierzulande kaum einer kennt. Und vor denen sich doch alle fürchten. Weil sie dabei sind, den deutschen Autobauern den Rang abzulaufen.
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Beobachten kann man das vor allem in China selbst. Zum Beispiel in Shenzhen, der Tech-Metropole ganz im Süden des Landes. Gefühlt jedes zweite Auto fährt hier elektrisch, die allermeisten Hersteller kommen aus China. Deutsche E-Autos sieht man quasi nicht. Warum auch? Die Qualität der China-Autos stimmt längst, der Preis auch. Zudem gelten sie als sicher. Chinesen sind außerdem eher bereit als beispielsweise die Deutschen, neuen Marken eine Chance zu geben. Auch ein neuer Nationalstolz, geweckt von Staatschef Xi Jinping, spielt eine Rolle bei der Kaufentscheidung.
Waren vor fünf oder zehn Jahren die Deutschen noch führend bei den Zulassungszahlen, besetzen mittlerweile die Chinesen die Spitzenplätze in der Statistik. BYD zum Beispiel konnte alleine im ersten Quartal dieses Jahres 19 Prozent mehr Fahrzeug absetzen als im Vorjahresquartal, Geely sogar 58 Prozent mehr. VW hingegen verkaufte in China im vergangenen Jahr neun Prozent weniger Fahrzeuge ab als 2023, auch BMW und Mercedes meldeten deutliche Einbrüche. Für VW und Co. ist das eine fatale Entwicklung, der chinesische Markt ist schließlich der größte der Welt, über Jahre wurden hier astronomische Gewinne eingefahren. Jetzt drohen massive Stellenstreichungen, etwa bei VW. Und Porsche flog vor wenigen Tagen aus dem DAX.
Im Frühjahr, auf der Automobilmesse in Shanghai, waren so viele chinesische Hersteller präsent, dass selbst die meisten Chinesen nur mit den Schultern zucken konnten. Maextro? Aion? Noch nie gehört. Rund 200 chinesische Automarken gibt es derzeit, die meisten von ihnen produzieren ausschließlich E-Autos. „Ein Problem der deutschen Hersteller ist, dass sie alles parallel anbieten - Verbrenner und neue Antriebsarten. Viele chinesische Hersteller konzentrieren sich nur auf Elektroautos und Plugin-Hybride, das bringt ihnen natürlich Vorteile“, sagt die Auto-Expertin Beatrix Keim, Leiterin des CAR Center of Automotive Research, im Gespräch mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA.
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Viele andere aber werden bleiben, XPeng zum Beispiel. Der Autobauer aus Guangzhou sei heute die Nummer sechs unter den weltweiten Herstellern von E-Autos, sagt der XPeng-Vorsitzende Brian Gu in München. Im kommenden Quartal wolle sein Unternehmen erstmals Profit abwerfen. Gu steht neben einem grünen P7, einer neuen Sportlimousine. Was auffällt: Das Auto sieht deutlich moderner aus als die Modelle der deutschen Konkurrenz, die auf der IAA zu sehen sind. Das gilt eigentlich für fast alle China-Autos, die in die Münchner Messehallen gekarrt wurden.
Auf deutschen Straßen sieht man die Modelle aus Fernost hingegen kaum. Ein Blick auf die Zulassungszahlen vom August zeigt zwar: Elektroautos gewinnen auch hier an Bedeutung, bei 19 Prozent lag ihr Marktanteil im vergangenen Monat. Hinzu kommen Hybridfahrzeuge und Plug-in-Hybride, für reine Verbrenner bleibt da nur noch ein Marktanteil von gut 40 Prozent. Die Antriebswende, sie nimmt auch in Deutschland Fahrt auf. Profitieren können die Chinesen davon allerdings nicht.
Im August hatte etwa BYD, seit vergangenem Jahr weltgrößter Hersteller von E-Autos, in Deutschland einen Marktanteil von mageren 0,5 Prozent. Und BYD kennt man hierzulande noch besser als die meisten anderen China-Autobauer, die Marke war einer der Hauptsponsoren der Fußball-EM 2024. Dass der Hersteller aus Shenzhen dennoch nicht mehr Autos in Deutschland absetzen kann, liegt laut Expertin Keim zum einen an schlechtem Marketing. „Und es gibt zu wenige Händler, wo sich die Menschen die Autos anschauen und sie ausprobieren können. Hinzu kommt, dass den Deutschen die Marke und Werthaltigkeit sehr wichtig sind. Sie vertrauen den etablieren Marken einfach mehr.“
Deutsche Autobauer wollen in China weiter relevant bleiben
Das Problem mit den Händlern will BYD zügig angehen, Ende des Jahres soll es hierzulande 120 Verkaufsstellen geben, ein Jahr später schon 300. Für ganz Europa kündigte Stella Li, Executive Vize President von BYD, auf der IAA mehr als 1000 Verkaufsstellen bis Jahresende an, man wolle zudem in 32 Ländern präsent sein. „Und das ist erst der Anfang“, so Li. In den ersten acht Monaten hat ihr Unternehmen weltweit 2,86 Millionen Elektroautos und Hybride verkauft, davon mehr als 600.000 außerhalb Chinas. „Das sind 137 Prozent mehr als im Vorjahr“, sagt Li. 13 Modelle habe das Unternehmen in Europa im Angebot, auf der letzten IAA vor zwei Jahren seien es noch sechs gewesen.
Automobil-Expertin Keim blickt dennoch auch für die deutschen Hersteller positiv in die Zukunft. Nicht nur in Europa würden BMW, VW oder Mercedes weiter relevant bleiben, sagt sie. Sondern auch in China. „Es waren deutsche Autobauer wie Audi und VW, die in China ab den frühen Achtzigern und Neunzigern dort als erste produziert haben. Die Marken sind dort also überall bekannt, oftmals bekannter als viele chinesische Marken. Und noch immer gelten deutsche Autos als besonders verlässlich und sicher.“
Und: Die deutschen Hersteller schaffen es wieder, Autos zu bauen, die auch chinesische Kunden ansprechen. Mit anderem Design als für den europäischen oder amerikanischen Markt und mit viel Technik-Schnickschnack im Inneren. Entwickelt in China, nicht in Deutschland. Und so ist ein Satz, den man auf dieser IAA vor allem von deutschen Herstellern besonders häufig hört, zum Beispiel am Stand von Zulieferer Schaeffler aus Herzogenaurach: „Wir haben zugehört und verstanden, was sich die Chinesen wünschen.“