„Risiken werden unterschätzt, Billig priorisiert“

Chip-Krise – Experte mit massiver Kritik: Deutschland hat nichts gelernt

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Wegen eines Handelskonfliktes zwischen China und den USA kommt es zu einem Chipmangel, der die deutsche Industrie hart trifft. Experten kritisieren die massive Abhängigkeit scharf.

Berlin – Die neue Chipkrise hat massive Auswirkungen auf die deutsche Autoindustrie. Nach Angaben der IG Metall vom Freitag (24. Oktober) planen Unternehmen wie der weltgrößte Autozulieferer Bosch wegen ausbleibender Chip-Lieferungen Kurzarbeit. Volkswagen schloss kurzfristige Auswirkungen des Chipmangels auf die Produktion nicht aus. Im Handelskonflikt mit den USA hatte China den niederländischen Chiphersteller Nexperia lahmgelegt, der einem chinesischen Konzern gehört. 

Chipkrise – Experte kritisiert: „Risiken werden unterschätzt, Billig priorisiert“

Deutschland und Europa haben aus früheren Chipkrisen nichts gelernt, kritisiert Frank Bösenberg, Chef der Silicon Europe Alliance, in der Wirtschaftswoche. Er höre aber schon länger, „dass die Einkäufer der Autoindustrie in alte Muster von vor 2019 zurückgefallen sind. Risiken werden unterschätzt, Billig priorisiert.“ Dabei sei nun genau ein Werk von Nexperia betroffen. „Auch ein Brand dort hätte eine solche Chipkrise auslösen können. Die Anreizstruktur bei Käufern ist auf Billigkeit getrimmt, nicht auf langfristige Sicherheit“, kritisiert der Experte.

Nexperia-Mitarbeiter gehen durch die Reinräume am Hamburger Standort. (Archivbild)

Das Problem: Bei den Halbleitern habe Europa im Backend fast null Prozent Marktanteil. Selbst die USA halte überraschend viel Backend. „Europa hat sich da schon immer auf Asien, insbesondere China verlassen“, so Bösenberg in der Wirtschaftswoche. Dabei bedeute Technologiesouveränität nicht, nur ein Glied der Kette zu sichern. „Wir reden über Versorgungssicherheit – da brauche ich die ganze Kette: Frontend, Backend und sogar Electronic Manufacturing Services, also das Löten der Chips auf Platinen“, erklärt er. Er schlägt vor, eine nicht-chinesische Lieferkette aufzubauen: „Es gibt Ausweichmöglichkeiten, zum Beispiel in Vietnam oder Indonesien.“

Merz-Regierung besorgt: „Aktuell ist die Situation noch nicht gelöst“

Auch die Merz-Regierung beobachtet den Chipmangel mit Sorge und will die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren. „Wir sind da an Maßnahmen dran“, sagte eine Sprecherin des CDU-geführten Wirtschaftsministeriums laut Reuters. Details nannte sie nicht. Die Regierung sei im Kontakt mit der Wirtschaft. Sie verwies auch auf die zuletzt im Kabinett gebilligte Mikroelektronik-Strategie. Diese lege den Fokus auf die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte am Rande eines Besuchs in Kiew, die deutsche Wirtschaft sei auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. Zusammen mit der EU-Kommission stehe Deutschland dazu im Kontakt mit der chinesischen Regierung und habe sich an das dortige Handelsministerium gewandt, um schnell wieder den Export von Chips möglich zu machen. „Aktuell ist die Situation noch nicht gelöst. Aber wir arbeiten daran.“

Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte bei einem Besuch in China von Sonntag an über die Kooperation beider Staaten sprechen wollen. Jedoch wurde die Reise nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin überraschend abgesagt. Konkrete Gründe nannte das Ministerium nicht.

Kritik an China-Abhängigkeit: „Warum haben wir es denn nicht gelernt aus der letzten Krise?“

IG-Metall-Vorstand Mario Gutmann kritisierte die nun von Unternehmen und Politik angekündigten Schritte als zu spät. „Warum haben wir es denn nicht gelernt aus der letzten Krise?“, fragte Gutmann. Deutschland und Europa hätten ihre Abhängigkeit schon längst verringern sollen. „Für mich ist die Kernbotschaft, die dahinter steht, das Schlimmste eigentlich, dass wir es nicht geschafft haben, uns an der Stelle sauber aufzustellen.“ Dieser politisch verursachte Lieferengpass werde nicht der letzte sein. „Das wird wieder kommen“, sagte Gutmann. „Wie schnell es geht, sieht man ja, und dann gehen die Lichter aus.“

Auch CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hat der deutschen Automobilindustrie bei der Versorgung mit Halbleitern eine „grob fahrlässige Abhängigkeit von China“ vorgeworfen. Sollten bei Autoherstellern hierzulande demnächst die Lieferbänder stillstehen, sei das „erneut“ die Konsequenz dieser Abhängigkeit, sagte Röttgen dem Tagesspiegel vom Freitag. „Diese Abhängigkeiten sind deutsche Unternehmen sehenden Auges und trotz zahlreicher Warnungen eingegangen.“

Chipkrise: Hintergrund zum Liefermangel

Nexperia gehört dem chinesischen Konzern Wingtech, der wegen angeblicher Risiken für die nationale Sicherheit auf einer schwarzen Liste der US-Regierung steht. Nexperia produziert in Europa, verarbeitet die Chips aber in China weiter, so dass sie teils als Bestandteil von Bauteilen von dort exportiert werden.

Auf Druck der USA übernahmen die Niederlande vor wenigen Tagen die Kontrolle bei Nexperia, woraufhin China den Export stoppte. Dies führt zu Lieferproblemen bei Halbleitern wie Dioden, Transistoren und Chips für das Batteriemanagement. Betroffen sind vor allem die Autoindustrie und der MaschinenbauQuellen: Wirtschaftswoche, Reuters, AFP

Rubriklistenbild: © David Hammersen/dpa

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