Riester am Ende

Crash-Kurs der Riester-Rente: „Dieses Vorhaben ist gescheitert“

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Über fünf Millionen Kündigungen beweisen das Scheitern der Riester-Rente. 2025 wird zum Rekordjahr der Abmeldungen. Eine Reform wird dringend nötig.

Berlin – Die Riester-Rente steht vor dem endgültigen Aus. Mehr als fünf Millionen Verträge wurden seit der Einführung vor fast 25 Jahren vorzeitig gekündigt – das entspricht jedem vierten der insgesamt 20 Millionen Abschlüsse. Allein von Januar bis August 2025 kamen fast 220.000 Kündigungen hinzu, wie aktuelle Recherchen des unabhängigen Geldratgebers Finanztip zeigen. „Die Riester-Rente startete vor fast 25 Jahren mit dem Versprechen, die Rentenlücke zu schließen und den Menschen eine verlässliche Altersvorsorge zu bieten“, erklärt Saidi Sulilatu, Chefredakteur von Finanztip. „Dieses Vorhaben ist gescheitert“ .

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wie bereits in einer früheren Analyse gezeigt wurde, erhalten Riester-Sparer, die bereits 2022 ihre Rente erhielten, durchschnittlich nur 1.581 Euro pro Jahr ausgezahlt. Das entspricht einer monatlichen Zusatzrente von lediglich 132 Euro – und das vor Steuern.

Rekordkündigungen offenbaren das Ausmaß der Riester-Krise: Niedrige Auszahlungen enttäuschen Sparer

Laut der Bundesregierung erhalten Riester-Sparende, die 2023 in Rente gehen, durchschnittlich 141 Euro monatlich. Für 2030 werden 258 Euro prognostiziert, für 2035 sogar 357 Euro. Diese optimistischen Zahlen gelten jedoch nur unter idealen Voraussetzungen – wie einer durchgehenden Einzahlung des Höchstbetrags seit 2002. Besonders dramatisch: Bei Kündigungen mussten Verbraucher laut Finanztip im Schnitt der vergangenen drei Jahre Zulagen und Steuervorteile in Höhe von durchschnittlich rund 1.900 Euro zurückzahlen – zusätzlich zu den Gebühren der Anbieter. Finanztip hat in einem Positionspapier fünf zentrale Reformpunkte formuliert:

  1. Niedrigere Kosten, mehr Rendite: Die Riester-Rente scheiterte an hohen Kosten, Intransparenz und komplexen Regularien. Eine moderne Altersvorsorge braucht einfache, standardisierte ETF-Produkte mit gedeckelten Gesamtkosten von maximal 0,5 Prozent pro Jahr.
  2. Produkte ohne Garantien: Die 100-prozentige Beitragsgarantie hat Riester in der Niedrigzinsphase unattraktiv gemacht. Eine moderne Altersvorsorge sollte flexible Varianten zulassen – Produkte mit und ohne Garantien.
  3. Flexible Auszahlmodelle: Die Riester-Rente ist unflexibel: Das angesparte Kapital muss größtenteils verrentet werden und geht bei frühem Tod oft verloren. Moderne Vorsorge braucht Wahlfreiheit, etwa Teilentnahmen und vererbbare Auszahlungen.
  4. Breite Beteiligung: Opt-in-Modelle wie Riester scheitern an geringer Beteiligung. Opt-out-Systeme nutzen die Passivität: Wer nicht widerspricht, spart automatisch – ein Vorteil für Geringverdienende und finanzferne Gruppen.
  5. Klare Steuerregeln: Riester war zu komplex: Komplizierte Anträge und Steuerregeln haben viele abgeschreckt. Altersvorsorge muss einfach und transparent sein.
Nach dem Scheitern der Riester-Rente drängt die Zeit: Eine echte Reform der privaten Altersvorsorge ist überfällig, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.

Dramatische Rentenlücke erfordert schnelles Handeln: Frühstartrente reicht nicht aus

Die Bundesregierung plant ab 2026 eine sogenannte Frühstartrente. Jedes Kind zwischen sechs und 18 Jahren soll zehn Euro pro Monat vom Staat in ein Altersvorsorgedepot erhalten. Doch Sulilatu kritisiert: „Die Frühstartrente in der diskutierten Form verfehlt das Ziel einer breiten Vorsorge. Altersvorsorge ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – nicht nur eine Kinderzulage“.

Ohne Zusatzvorsorge fehlen im Alter schnell Hunderttausende Euro. Eine heute 30-jährige Frau mit 2.700 Euro netto hat einen Gesamtbedarf von einer Million Euro, wenn sie mit 67 Jahren in Rente geht und 100 Jahre alt wird. Rechnet man mit 20 Rentenjahren, liegt die Rentenlücke immer noch bei über 500.000 Euro. Wer jedoch frühzeitig 15 Prozent seines Nettogehalts in einen global gestreuten Aktien-ETF investiert, habe gute Chancen, die Inflation langfristig zu schlagen.

Alternative zur Riester-Rente: Staatlich gefördertes Vorsorgedepot als Lösung

Entscheidend sei der frühe Einstieg: „Je früher man das Investieren anfängt, desto weniger Druck hat man später“. So müsste eine 30-jährige Frau mit 2.700 Euro netto rund 430 Euro monatlich investieren, um ihre Rentenlücke zu schließen. Beginnt sie erst mit 35 Jahren, steigt der Betrag auf etwa 540 Euro, bei einem Start mit 40 Jahren sogar auf fast 690 Euro. „Teure Versäumnisse der Vergangenheit müssen korrigiert werden“, fordert Sulilatu.

Ein staatlich gefördertes Vorsorgedepot für alle Verbraucher – unabhängig vom Alter beim Start, ohne komplizierten Antrag oder Einkommensprüfung – sei laut Sulilatu eine mögliche Alternative. In der Praxis legen aber nur 20 Prozent der 30- bis 39-Jährigen über 400 Euro im Monat für die Altersvorsorge zurück. (ls)

Rubriklistenbild: © Eibner / IMAGO

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