Weltwirtschaft

Das globale Industrie-Rennen – „Können nicht alle unsere Industrieanteile erhalten“

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Weltweit wollen Staaten ihr verarbeitendes Gewerbe stärken. Das kann nicht für alle aufgehen. Die Schwächeren bleiben dabei zurück.

Berlin – Die deutsche Industrie ist in Gefahr. Fast täglich kommen neue Meldungen über Entlassungspläne – von Volkswagen über Thyssen-Krupp bis SAP und BASF. Die Industrieproduktion hierzulande schrumpft seit langem. Politik, Gewerkschaften und Unternehmensverbände fordern daher massive Investitionen und Kostensenkungen, um das verarbeitende Gewerbe zu stärken. Das wollen andere Industriemächte allerdings auch, allen voran die USA und China. Und das wird nicht für alle aufgehen. „Wir können nicht alle unsere Industrieanteile erhalten oder erhöhen“, so US-Ökonom Michael Pettis, „das ist simple Arithmetik.“

Deindustrialisierung in Deutschland – Ein „reales Risiko“

Vor einigen Jahren hieß es noch, die Welt sei auf dem Weg in die Dienstleistungs- oder Informationsökonomie. „Industrie“ hingegen klang nach 1960er Jahre, und Industriepolitik war insbesondere in Deutschland ein toter Hund. Heute dagegen ist das verarbeitende Gewerbe zum Sorgenkind der Politik geworden. Die Deindustrialisierung Deutschlands sei „ein reales Risiko“, warnt der Industrieverband BDI, und der voraussichtlich kommende Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fordert eine „grundlegende Wirtschaftswende“ zur Rettung des Standortes.

Produktionslinie für Leiterplatten beim Unternehmen Anhui Shixin Electronic Technology in Fuyang: China ist seit 2008 Industrieweltmacht Nummer eins.

Anlass sind die Pläne zum Jobabbau vieler Unternehmen sowie der langfristige Rückgang der deutschen Industrieproduktion. Die Gründe hierfür liegen zum einen in einer allgemeinen Nachfrageschwäche: „Europa leidet stärker unter dem schwachen Wachstum des Welthandels“, erklärt der BDI. Folge: Der Absatz stockt, was sich bei den Unternehmen als Überkapazitäten bemerkbar macht – die Fabriken sind nicht ausgelastet, was die Rendite drückt. Dazu kommt eine grundlegende Transformation der Industrie, bedingt durch Klimaschutz und Digitalisierung. Hier, so heißt es, hinke Deutschland der Konkurrenz aus China und den USA hinterher.

Ganz so schlimm ist es jedoch nicht, darauf deuten schon die jüngsten Rekorde am Aktienmarkt hin. Die deutsche Industrie ist relativ gut durch die vergangenen Jahrzehnte gekommen. Hierzulande beträgt ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung laut UN-Entwicklungsorganisation Unido rund 20 Prozent, doppelt so viel wie in den USA, Frankreich oder Italien. Im Wettbewerbsfähigkeitsindex der Unido rangiert Deutschland seit vielen Jahren weltweit an Nummer eins, während die USA und Japan abgestiegen sind. Tatsächlich ist es weniger der Bestand der deutschen Industrie, der derzeit gefährdet scheint, sondern ihre „traditionelle Führungsposition“ in vielen Sektoren, so der Draghi-Report zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

„Strukturelle Veränderung“ bei produzierten Waren – Mehr Einnahmen trotz geringerer Produktion?

Diese Führungsposition spielt ihr wiederum die Mittel ein, die sie in die Transformation investieren kann, in dem Versuch, die Wettbewerber auf Abstand zu halten. Zum Beispiel VW: Der Konzern machte vergangenes Jahr einen guten Gewinn. Was ihn zu den Sparprogrammen motiviert, ist lediglich die Unzufriedenheit mit der Kapitalrendite. Sie muss laut Volkswagen-Management steigen, damit in den kommenden Jahren 180 Milliarden Euro in Digitalisierung und Elektrifizierung gesteckt werden können.

Relativiert werden muss auch der viel beklagte Rückgang der Industrieproduktion, also der Rückgang der Menge an produzierten Industriegütern. Sie liegt zwar rund sechs Prozent unter dem Stand von 2015. Gleichzeitig aber, so das Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo, wächst die preisbereinigte Bruttowertschöpfung, also der Mehrwert der Produktion nach Abzug aller bezogenen Vorleistungen. Sie ist bis zum dritten Quartal 2023 um über sieben Prozent gestiegen.

Weniger produzieren, mehr einnehmen – wie kommt diese Divergenz zustande? Das Ifo-Institut erklärt sie unter anderem mit einer „allmählichen strukturellen Veränderung der im verarbeitenden Gewerbe produzierten Waren“. Die Unternehmen reduzieren die Produktion im Inland. Gleichzeitig aber konzentrieren sie sich stärker auf höherwertige Produkte: „Mehr ‚Klasse statt Masse‘ würde zumindest erklären, warum die mengenmäßige Produktion in der deutschen Industrie eher auf der Stelle verharrt, bei gleichzeitig steigender Bruttowertschöpfung.“

Verarbeitendes Gewerbe soll stärker werden – China als Industriemacht Nummer 1

Anzeichen für eine breit angelegte Deindustrialisierung Deutschlands fehlen damit zwar. Dennoch versuchen Politik und Wirtschaft, das verarbeitende Gewerbe zu stärken – und zwar in allen großen Industriestaaten. Denn es ist ein riesiger Markt, dessen Güter leicht exportiert werden können. Laut Unido ist dieser Markt global knapp 20 Billionen Dollar schwer, das ist über ein Fünftel des Welt-Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Zudem, so die Organisation, ist das verarbeitende Gewerbe ein Motor des technologischen Fortschritts und fördert Produktivitätswachstum und Innovation der Gesamtwirtschaft – weswegen die reichen Länder auch meist „Industrieländer“ genannt werden. Das Produktivitätswachstum der Industrie – auch als „Rationalisierung“ bekannt – wird deutlich daran, dass in den vergangenen 25 Jahren ihre Wertschöpfung pro Kopf von 1200 auf 1900 Dollar gestiegen ist – jeder und jede Industriebeschäftigte produziert immer mehr pro Tag und Stunde.

Produktion sinkt

Die Industrie in Deutschland steckt weiter in der Krise. Im Oktober hat es überraschend einen weiteren Produktionsdämpfer gegeben. Im Monatsvergleich sank die Fertigung in den Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes um 1,0 Prozent, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden mitteilte. Analysten hatten im Schnitt einen Anstieg um 1,0 Prozent erwartet. Im Jahresvergleich fiel die Fertigung unerwartet stark um 4,5 Prozent.

Der Produktionsdämpfer war allerdings im Vormonat September etwas schwächer als bisher bekannt. Das Bundesamt revidierte den Rückgang im Monatsvergleich auf 2,0 Prozent von zuvor 2,5 Prozent.

Im Oktober wurde der Produktionsrückgang Angaben des Bundesamts maßgeblich von der Energieerzeugung beeinflusst. Diese sei saison- und kalenderbereinigt um 8,9 Prozent im Monatsvergleich gefallen. Zudem habe sich ein Produktionsrückgang in der Automobilindustrie um 1,9 Prozent negativ ausgewirkt. dpa

Wegen dieser Vorteile ist ein heftiger Kampf der Standorte um das verarbeitende Gewerbe ausgebrochen, insbesondere in den Bereichen der Hochtechnologie, wo das größte Wachstum zu verzeichnen ist: Computer, Autos, Pharma, Chemie. Für die traditionellen Industriestandorte in Nordamerika, Westeuropa und Japan ist es jedoch ein Abwehrkampf. Ihre Produktion steigt zwar, ihr globaler Marktanteil jedoch ist stark geschrumpft. Aufsteiger ist Asien, hauptsächlich China, das seit 2008 mit einem Anteil von über 30 Prozent Industrieweltmacht Nummer eins ist.

Wirtschaft als Sache nationaler Sicherheit – China als „strategischer Rivale“

Abgestiegen sind vor allem die USA, die nun zum Gegenangriff übergehen. Washington erhebt Zölle insbesondere gegen China, erlässt Exportbeschränkungen für Hochtechnologie und legt Förderprogramme über Hunderte von Milliarden auf, um Fabriken auf das eigene Territorium oder zumindest in den eigenen Machtbereich zu holen: Reshoring heißt das oder Friendshoring. Zwar sind diese Maßnahmen kostspielig, sie gefährden etablierte Handelsbeziehungen. Der Ausschluss billiger Auslandsware oder ihre Verteuerung über Zölle erhöht die Kosten für die US-Verbraucher:innen und Unternehmen.

Doch ist Washington offenbar bereit, diesen Preis zu zahlen. Denn es geht um mehr als bloß Wirtschaftswachstum. Es geht um „nationale Sicherheit“, also um die Unabhängigkeit von China und den Erhalt der geopolitischen Dominanz der USA. „Zölle sind nicht länger ein Handelsthema, sie sind ein Sicherheitsthema“, erklärt Stephen Jen vom US-Vermögensverwalter Eurizon SLJ Capital. Und Scott Bessent, Berater von Donald Trump und Kandidat für das Amt des US-Finanzministers, sagte jüngst, die Gesundheit der industriellen Basis der USA sei „eng verbunden mit der Stärke der militärindustriellen Basis“.

Ähnlich denkt man nicht nur in Peking, sondern auch in der Europäischen Union, die China zum „strategischen Rivalen“ ernannt hat und wo profitable Handelsbeziehungen mittlerweile als „Abhängigkeiten“ problematisiert werden. „Die EU leidet im Chipmarkt unter einer starken Abhängigkeit von Nicht-EU-Akteuren“, klagt der BDI. Und der ehemalige Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell, mahnte: „Wir haben gelernt, wie Abhängigkeiten zu einer Waffe werden können.“

Schwellenländer im Kampf der Giganten – Werden ärmere Länder an „den Rand“ gedrückt?

Alle drei großen Spieler kämpfen also darum, ihre Industrie zu stärken, um an Wachstum und damit an ökonomischer Masse zu gewinnen. Denn „wenn man eine geopolitische Macht sein will, ist Wirtschaftsmacht der Schlüsselfaktor“, erklärt der Ökonom Guntram Wolff von der Denkfabrik Bruegel in Brüssel.

Damit tut sich jedoch ein Widerspruch auf. Denn Ausgangsproblem ist, dass bereits heute ein Überangebot an industriellen Produktionskapazitäten besteht. Gleichzeitig wollen alle großen Ökonomien ihre Marktanteile ausbauen. „Die USA und China stellen gemeinsam fast die Hälfte der globalen Industrieproduktion“, erklärt Ökonom Pettis auf der Plattform X. Strebten beide nach einer Erhöhung ihres Industrieanteils, dann bedeute das, dass der Anteil aller anderen Länder sinken müsse. „Es ist wenig überraschend, dass weder die EU noch die Entwicklungs- und Schwellenländer daran interessiert sind, diese Rolle zu übernehmen.“ Das ist sichtbar: Die EU erhebt Zölle gegen China, Entwicklungsländer haben seit Anfang 2022 über 250 Handelsbeschränkungen erlassen – 120 davon gingen allein auf das Konto Brasiliens.

Vor diesem Hintergrund warnt die Unido davor, dass die ärmeren Länder aufgrund ihrer Kapitalschwäche an den Rand gedrückt würden. Und das wäre gerade für sie folgenreich. Denn die Gruppe der ärmeren Länder „würde besonders von einer stärkeren Industrie und einer höheren Produktivität profitieren“. Doch dafür werden die etablierten Industriemächte ihnen wohl keinen Platz einräumen.

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