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Die Hälfte der Landkreise in Deutschland entnimmt zu viel Grundwasser. Experten zufolge verschlimmert der Klimawandel die Situation. Von Joachim Wille.
Berlin – Deutschland gilt bisher als wasserreiches Land. Der Bundesfachverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) betont gerne, dass dem natürlichen Wasserkreislauf – also: Niederschläge minus Verdunstung – jährlich jeweils nur rund 13,5 Prozent entnommen werden, um ihm nach der Nutzung dann wieder zugeführt zu werden. Doch eine neue Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass in immer mehr Regionen Deutschlands das Grundwasser knapp wird – durch zu hohe Entnahme, aber auch durch den Einfluss des Klimawandels.
Landkreise verbrauchen zu viel Wasser – Klimakrise verschärft das Problem
Die Untersuchung, die das Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) im Auftrag des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) durchgeführt hat, zeigt laut dem Verband: In 201 von 401 Landkreisen wird mehr Grundwasser entnommen, als sich durch Niederschläge neu bilden kann. Besonders betroffen sind demnach nicht nur die bekannten Trockenregionen im Osten Deutschlands, sondern auch Ballungszentren wie die Großstädte an der Rheinschiene und Regionen in Niedersachsen.
Die Klimakrise verschärft nach Einschätzung der ISOE-Fachleute das Problem. Fast ein Viertel der Landkreise verzeichnete „akuten Grundwasserstress“. In nahezu allen Bundesländern haben die Grundwassermessstellen gemäß der Auswertung neue Tiefststände verzeichnet.
Die ISOE-Studie analysiert nach Angaben des Instituts erstmals flächendeckend, wo und von wem Grundwasser in Deutschland genutzt wird. Danach wird über die Hälfte des Grundwassers für die Trinkwasserversorgung entnommen. Teils wird Wasser mittels Fernleitungen mehrere hundert Kilometer weit in größere Städte transportiert. So versorgt Wasser aus dem Bodensee zum Beispiel die Region Stuttgart.
Industrie befeuert Wassermangel – ein Beispiel ist Bergbau
Aber auch Bergbau, verarbeitendes Gewerbe und Landwirtschaft spielen laut der Analyse eine bedeutsame Rolle. Der Braunkohle-Tagebau am Niederrhein und in Mittel- und Ostdeutschland zum Beispiel senkt durch das Abpumpen riesiger Wassermengen die Grundwasserspiegel. Doch auch die Chemieproduktion, etwa beim BASF-Konzern in Ludwigshafen, benötigt erhebliche Mengen Grundwasser. Die Landwirtschaft hat bisher nur einen kleineren Anteil am Gesamtverbrauch. In den Trocken- und Dürrejahren seit 2018 ist ihr Bedarf allerdings gestiegen. „In einigen Landkreisen werden schon heute beträchtliche Mengen an Grundwasser zur Bewässerung genutzt“, so der BUND.
BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen kommentierte die Studie: „Der Verbrauch muss runter, und Landschaften müssen so wiederhergestellt werden, dass sie Trockenperioden und Starkregen abfedern.“ Der BUND erkennt an, dass die 2023 aufgelegte „Nationale Wasserstrategie“ der Bundesregierung viele wirksame Maßnahmen vorsieht. Konkret sind es 78 Maßnahmen, die bis 2030 umgesetzt werden sollen. Dabei hakt es zu Zeit noch, unter anderem wegen Finanzmangel und unterschiedlicher Interessen von Ministerien. Der BUND fordert, die Maßnahmen möglichst schnell anzupacken. Dafür nennt er drei Schwerpunkte:
Ewigkeitschemikalien wie PFAS sowie Pestizide, Nährstoffe und Arzneimittel machten es für Wasserversorger immer schwerer und teurer, hochwertiges Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Die Herstellung und Nutzung dieser Stoffe müsse eingeschränkt werden.
Humusreiche Böden, naturnahe Wälder und Flüsse, strukturreiche Auen, nasse Moore und sogenannte Schwammstädte helfen laut BUND, dass der Boden die Niederschläge wieder besser halten kann. Gezielte Fördermaßnahmen seien nötig, um Widerstandsfähigkeit und Renaturierung dieser Ökosysteme zu stärken.
Rubriklistenbild: © Jan Woitas

