Debatte um Kürzungen bei Bürgergeld und Rente: „Treffen jene, die am wenigsten haben“
VonMax Schäfer
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Der Landkreistag verlangt Kürzungen beim Bürgergeld und anderen Sozialleistungen. Das gehe an der „Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei“, kritisiert ein Sozialverband.
Berlin – Der Sozialverband Deutschland (SoVD) weist die Forderung, angesichts klammer Kassen in den Haushalten von Kommunen, Bund und Ländern Sozialleistungen wie das Bürgergeld zu kürzen, zurück. Diese gehen „an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei“, erklärte SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier IPPEN.MEDIA. „Gerade in unsicheren Zeiten braucht es einen Sozialstaat, der schützt und Halt gibt.“
Kürzungen bei Bürgergeld und anderen Sozialleistungen „treffen immer jene, die am wenigsten haben“
„Einschnitte treffen dabei immer jene, die am wenigsten haben“, warnte Engelmeier vor den Forderungen von Hans-Günter Hanneke (CDU), der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistags ist.
„Diese Koalition stimmt die Bevölkerung in keiner Weise auf einen notwendigen Politikwechsel ein“, hatte Henneke in der FAZ kritisiert. „Der müsste in Leistungseinschränkungen bestehen.“ Konkret nannte der Landkreistag-Chef die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, wie sie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgeschlagen hat. Damit würde das Rentenalter erhöht. Dazu müsse die Mütterrente „zurückgeführt werden“, statt sie weiter auszubauen.
Auch Kürzungen beim Bürgergeld seien laut dem Landkreistags-Chef nötig. „Wenn Angebote ohne wichtigen Grund nicht angenommen werden, müssten Leistungen gestrichen werden“, forderte Henneke zudem. Das soll nicht nur das Bürgergeld betreffen, sondern gelte auch für andere Leistungen.
Anpassung der Regelsätze beim Bürgergeld belastet Kommunen
Laut dem Finanzreport 2025 der Bertelsmann Stiftung beläuft sich das gemeinsame Defizit der Kommunen für 2024 auf 24,8 Milliarden Euro. Henneke erklärte, dass die wirtschaftliche Stagnation seit 2023 dazu geführt habe, dass die Einnahmen nicht wie erwartet gestiegen seien. Hauptursachen seien die gestiegenen Personalkosten und Sozialausgaben, die auf gesetzliche Regelungen zurückzuführen sind.
„Wir hatten die Anpassung der Regelsätze in der Sozialhilfe und im Bürgergeld, außerdem sind mehr Menschen in den Leistungsbezug gekommen“, erläuterte Henneke im Interview mit der FAZ. „Die Kosten in der Sozialhilfe sind um 12,4 Prozent gestiegen.“ Auch in der Kinder- und Jugendhilfe gab es eine Zunahme von 17,1 Prozent, während die Eingliederungshilfe um 13,7 Prozent wuchs.
Statt Bürgergeld und andere Leistungen zu kürzen: Sozialverband fordert gerechtere Verteilung
Auch der SoVD sehe in der „Steuerpolitik einen zentralen Ansatz“ und setze auf eine „gerechte Besteuerung großer Vermögen und hoher Einkommen“, so Engelmeier. „Es darf nicht sein, dass Menschen mit wenig Geld die Hauptlast der Krisen tragen, während Wohlstand unangetastet bleibt.“
Bundesregierung will beim Bürgergeld sparen – und Beziehende über Sanktionen in Arbeit bringen
Auch die Bundesregierung will den Sozialstaat neu aufstellen und Sozialleistungen zusammenfassen. Vorschläge dazu soll es durch Kommissionen geben. Bereits geplant sind jedoch Einsparungen beim Bürgergeld. Der Haushaltsentwurf für 2026 sieht 1,5 Milliarden Euro weniger für den Regelsatz und die Kosten der Unterkunft vor.
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Landkreistag-Chef kritisiert mangelnden Willen zur Haushaltskonsolidierung
Für Landkreistag-Chef Henneke sind die bisherigen Bemühungen, besonders im Haushaltsentwurf 2026, jedoch nicht ausreichend. „Auch darin ist von den Erwartungen, die zum Jahreswechsel im Wahlkampf geweckt wurden, nichts mehr übriggeblieben“, erklärte das CDU-Mitglied. „Jetzt noch umsteuern, das wird ungeheuer schwierig.“ Er kritisierte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) für seinen mangelnden Willen zur Konsolidierung: „Konsolidierung heißt Rückführung von vorhandenen, und nicht Abwehr von zusätzlichen Ausgaben.“ (mit dpa)