Staatsverschuldung

Der nächste Crash kommt bestimmt: Schulden bedrohen die Stabilität weltweit

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Rüstungskredite, Infrastrukturpakete, steigende Zinsen – in den Kampf um Anteile an Weltmarkt und Weltmacht gehen die Staaten mit bereits sehr hohen Schulden. Wann kommt der nächste Crash?

In Deutschland wird die Schuldenbremse für Rüstungsausgaben gelockert und ein kreditfinanziertes Sondervermögen über 500 Milliarden Euro eingerichtet. Die EU will 800 Milliarden Euro für europäische Militärausgaben mobilisieren. Die Regierungen in China und den USA planen ebenfalls neue Schulden, trotz guter Konjunktur und bereits hoher Schuldenquoten. Droht eine neue Schuldenkrise? Laut Weltbank droht sie nicht, sie ist schon da – doch sei es eine „stille Krise“, weil keiner sie zur Kenntnis nimmt.

Schulden erreichen weltweit neue Höhen: Vor allem die USA treiben den Crash voran

In dem zunehmend militarisierten Kampf um Anteile an Weltmarkt und Weltmacht gehen die Staaten mit bereits erhöhten Schulden. Laut Internationalem Bankeninstitut IIF stiegen die globalen Gesamtschulden – von Privaten und Regierungen – 2024 auf den Rekordwert von 318 Billionen Dollar, das entsprach 328 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. 65 Prozent des Anstiegs resultierten aus höheren Staatsschulden, vor allem in den USA, Großbritannien, Kanada und Schweden. Laut Industrieländerclub OECD liegt die Staatsschuldenquote der Industrieländer inzwischen bei 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – mehr als 40 Prozentpunkte mehr als zu Beginn des Jahrhunderts.

Und es geht weiter. Aufrüstung, Klimawandel und verschärfte globale Standortkonkurrenz machen neue Kredite nötig. Die Länder der G7 dürften dieses Jahr Haushaltsdefizite von durchschnittlich sechs Prozent des BIP aufweisen – „das ist sehr hoch angesichts niedriger Arbeitslosigkeit und insgesamt passablem Wirtschaftswachstum“, urteilt der britische Economist. Um ihr Defizit zu finanzieren, müssten sich allein die USA dieses Jahr zwei Billionen Dollar leihen, die EU etwa 500 Milliarden – plus zusätzliche Rüstungskredite. Bis 2028, prognostiziert das IIF, werden die globalen Staatsschulden um 35 Prozent auf 130 Billionen Dollar wachsen, angetrieben vor allem von den USA.

Schulden werden immer teurer: Zinsen schon jetzt höher als die Verteidigungsausgaben

Damit wachsen die Refinanzierungsrisiken, warnt die OECD in ihrem neuen Global Debt Report. Schließlich hängt die Stabilität der Staatsfinanzen daran, dass Regierungen Schulden zu akzeptablen Zinsen aufnehmen können. Die Summen, die sie sich leihen müssen, beschränken sich allerdings nicht nur auf die jährliche Neuverschuldung zur Deckung der Haushaltsdefizite. Ein Vielfaches davon leihen sie sich, um in der Vergangenheit aufgenommene Schulden zurückzuzahlen und sie so zu verlängern. Auch die Milliardenkredite aus der Finanzkrise 2008 und der Coronakrise müssen permanent refinanziert werden. Die OECD rechnet vor: Für ihre Neuverschuldung müssen die Industrieländer sich an den Märkten lediglich rund drei Billionen Dollar leihen. Dazu kommen 13 Billionen für die Rückzahlung der Alt-Schulden.

Gleichzeitig werden diese aus vergangenen Krisen „geerbten“ Schulden immer teurer: Laut OECD betrugen die Zinsen auf festverzinsliche Wertpapiere 2024 durchschnittlich fast vier Prozent – 2020/21 waren es weniger als ein Prozent. Dadurch habe der Anteil der Zinszahlungen am BIP in zwei Drittel aller OECD-Staaten zugenommen und liege im Durchschnitt über den Ausgaben für Verteidigung.

Problem: Länder mit geringer Kreditwürdigkeit

Sorgen um die Stabilität der Staatsfinanzen drehen sich derzeit zwar vor allem um die USA und um die EU, wo in den letzten Jahren steigende Schulden Regierungskrisen in Großbritannien und Frankreich auslösten. Doch reißt eine Kette immer an ihren schwächsten Gliedern. Griechenlands Probleme lösten die Euro-Krise aus und die Pleite der Bank Lehman Brothers die globale Finanzkrise.

Damit rücken jene Länder in den Fokus, deren Schulden zwar nicht so hoch sind wie die der USA und Europas, deren Kreditwürdigkeit aber gering ist: die Entwicklungs- und Schwellenländer. Laut IIF müssen sich die Emerging Markets dieses Jahr über acht Billionen Dollar leihen. Kurzfristig werde es hier zwar voraussichtlich keine Probleme geben, so das Institut. „Spannungen im globalen Handel und das Einfrieren von Hilfszahlungen durch die USA aber könnten die Länder vor große Herausforderungen stellen.“ Schließlich sind die Staatsschulden in Afrika und Lateinamerika seit 2010 doppelt so schnell gewachsen wie in den etablierten Industriestaaten. „Hier könnte ein Funken eine Finanzkrise auslösen“, warnt der US-Ökonom Robert Litan.

Argentinien

Zur Abwendung des Staatsbankrotts kann der argentinische Präsident Javier Milei Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen neuen Kredit aufnehmen. Der Kongress erteilte Mileis Regierung die erforderliche Zustimmung zu einem Dekret, der die Aufnahme neuer Schulden mit zehnjähriger Laufzeit in noch unbekannter Höhe erlaubt.

Mit dem Kredit will Milei die Devisenreserven der Zentralbank aufstocken und Schuldenzahlungen decken. Argentiniens derzeitige Schulden beim IWF belaufen sich auf 44 Milliarden Dollar (40,3 Milliarden Euro).

Laut Weltbank allerdings steht diese Krise nicht bevor – sie ist schon da. „Wir befinden uns in einer ernsten globalen Schuldenkrise, vielleicht die schwerste seit den 1980er Jahren“, schreibt Indermit Gill, Chefökonom Weltbank. Schwer sei eine Krise dann, wenn sie unzähligen armen Menschen auf der Welt großen Schaden zufüge – „und nicht bloß dann, wenn die Banken in den Industrieländern straucheln“. Laut UN leben inzwischen 3,3 Milliarden Menschen in Ländern, die mehr für ihren Schuldendienst ausgeben als für Gesundheit und Bildung. Fast 40 Prozent aller Entwicklungsländer litten unter einer Form von Schuldenstress. Daran trügen die armen Länder keine Schuld, so Weltbank-Ökonom Gill. Die Covid-Pandemie, Kriege, Sanktionen und Klimawandel hätten ihre Finanzen strapaziert.

Neue Finanzkrise in den Startlöchern?

Dazu kommen die Zinsen, die durch den Kapitalhunger der reicheren Länder nach oben getrieben werden. Für viele Entwicklungsländer lägen die Zinsen nun oberhalb der Wirtschaftswachstumsraten. „Die kreditwürdigsten Regierungen und privaten Schuldner saugen das Kapital der Welt auf“, erklärt David Malpass, Ex-Präsident der Weltbank. Auch die OECD weist darauf hin, dass sich die Lage für die ärmeren Länder „kompliziere“, da Anleger auch bei sicheren Schuldnern in reichen Ländern gute Zinsen bekämen – und von armen Ländern verlangen Anleger einen Zinsaufschlag. Das wird für sie teuer. Denn in jenen Ländern mit hohem Risiko und geringen Einkommen wird laut OECD in den nächsten drei Jahren die Hälfte aller laufenden Schulden fällig und muss zu höheren Zinsen refinanziert werden.

Um den globalen Schuldenberg haltbar zu machen, muss möglichst allerorten das Wirtschaftswachstum anziehen – keine leichte Aufgabe angesichts der laufenden und drohenden Handelskriege und der verschärften Konkurrenz um Marktanteile. Ob das funktioniert oder eine tatsächlich systemische Krise droht, lässt sich kaum prognostizieren. „Die große Mehrheit der Ökonomen hat die Finanzkrise 2007 nicht vorhergesehen“, so der australische Ökonom Steve Keen. Auch die Möglichkeit einer Klimakrise werde vielfach nicht gesehen – „und zwar aus Gründen, die noch dümmer sind als jene, die gegen eine globale Finanzkrise sprachen“. Im Ergebnis basierten die Aktienmarktbewertungen derzeit auf völlig übertriebenen Erwartungen darüber, wie die Finanzmärkte mit dem Klimawandel fertig würden.

Rubriklistenbild: © Rodrigo Abd/dpa

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