Experten zweifeln an Zukunft

„Derzeit nicht wettbewerbsfähig“: Angst vor wirtschaftlichem Abstieg Deutschlands nimmt zu

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Bundeswirtschaftsministerin Reiche warnt vor wirtschaftlichen Gefahren.

Berlin – Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat vor einem wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands gewarnt. „Wir sind mit unseren Strukturen derzeit nicht wettbewerbsfähig“, sagte sie auf dem Außenwirtschaftstag in Berlin laut dpaDie Unternehmen in Deutschland leiden nach Ansicht von Reiche unter zu viel Bürokratie, hohen Energiepreisen und einem ausufernden Sozialstaat, der Arbeit zu teuer macht und der eine Belastung für den Kostenfaktor Arbeit darstellt. Gleichzeitig wandte sich Reiche auch an Brüssel: Die EU dürfte sich nicht länger als „regulatorischer Bremsklotz“ verstehen, sondern müsse ein „Motor für starken Wettbewerb“ werden.

Fehlende Wettbewerbsfähigkeit: Reiche bekommt Unterstützung

Für ihre Worte bekommt Reiche Zustimmung. Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer, sagte laut dpa, die deutsche Wirtschaft habe an Leistungsfähigkeit verloren. „Ich unterstütze ausdrücklich die Forderung der Ministerin nach einem konsequenten Rückbau von Bürokratie, insbesondere in Brüssel“, sagte auch Jens Südekum, Berater im Finanzministerium, der Bild-Zeitung. Reiche sage viel Richtiges, etwa zur Notwendigkeit einer strategischen Außenwirtschaftspolitik.

Am Duisburger Hafen werden Container verladen - der Binnenhafen ist als Umschlagplatz wichtig für Nordrhein-Westfalens Industrie. (Symbolbild)

Mehrere führende Wirtschaftsinstitute hatten zuvor bekannt gegeben, dass sie in Deutschland für 2026 Chancen auf eine konjunkturelle Belebung sehen. Als Grund wurden unter anderem die finanzpolitischen Impulse der Bundesregierung sowie die Investitionen in Verteidigung und Klimaschutz genannt.

„Wendepunkt erreicht“: Wirtschaftsexperten sehen Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr

Doch die Institute hatten zuletzt an der Nachhaltigkeit dieser Belebung gezweifelt. „Die deutsche Wirtschaft steht nach wie vor auf wackeligen Beinen“, sagte Geraldine Dany-Knedlik, Leiterin des Bereichs Prognose und Konjunkturpolitik im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Angesichts anhaltender struktureller Schwächen werde die Dynamik nicht von Dauer sein. „Deutschland steht wirtschaftspolitisch an einem Wendepunkt, denn die Wachstumsaussichten verschlechtern sich zusehends“, hieß es beim Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle.

Bessere Lieferketten für mehr Wettbewerbsfähigkeit gefordert

In der Außenwirtschaftspolitik bereiten das strikte Vorgehen Chinas im Umgang mit seltenen Erden und die verschärfte Exportkontrolle große Sorgen. Die Industrie in Deutschland ist auf diese Metalle angewiesen, weil sie für zahlreiche Produkte wie Motoren, Turbinen und Sensoren gebraucht werden. Ministerin Reiche warnte vor einseitigen Abhängigkeiten von China und verwies auf andere Märkte wie Vietnam und Mexiko und deren hohes Wachstumspotential. Sie rief Unternehmenschefs dazu auf, ihre Lieferketten breiter aufzustellen.

Deutschland stehe im Zentrum eines globalen Spannungsfeldes zwischen offenen Märkten und geopolitischen Machtinteressen, etwa in China und in den USA, sagte die Ministerin. „Wie wir dieses navigieren, entscheidet darüber, ob wir eine echte Wirtschaftsmacht bleiben können.“ Die Auslandsnachfrage nach deutschen Waren schwächele wegen der schwindenden Wettbewerbsfähigkeit und höherer Zölle, mahnte das IWH in Halle. (Mit dpa)

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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