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Steffen Herrmannschließen
Die Tarifrunde zwischen der Deutschen Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL endet mit einem Kompromiss: Die Arbeitszeit wird schrittweise reduziert – als Wahlmodell.
Nach fünf Monaten, sechs Streiks und mehreren Auseinandersetzungen vor Gericht haben sie sich geeinigt. Die Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL erzielen einen Tarifabschluss – pünktlich zu den Osterfeiertagen. Für Reisende heißt das: freie Fahrt. Streiks sind vom Tisch.
„Das Ringen hat sich gelohnt“, sagte DB-Personalvorstand Martin Seiler am Dienstag in Berlin. Es seien intensive Verhandlungen gewesen, erst um kurz nach fünf Uhr am Morgen habe man sie beendet. Die Einigung mit der GDL bezeichnete der DB-Personalvorstand als „richtungsweisend“. Die Verhandlungspartner traten getrennt vor die Presse, GDL-Chef Claus Weselsky folgte anderthalb Stunden später. „Mit dem Tarifabschluss haben wir einen historischen Durchbruch erzielt und sind somit beispielgebend auch für andere Gewerkschaften in diesem Land“, sagte Weselsky.
GDL-Chef Weselsky hat sich zwar mit seiner Forderung einer 35-Stunden-Woche durchgesetzt, musste DB-Mann Seiler aber entgegenkommen. Die Beschäftigten im Schichtdienst können selbst entscheiden, wie viel sie arbeiten möchten: zwischen 35 Stunden pro Woche und 40 Wochenstunden ist alles möglich.
Deutsche Bahn: „herausfordernder Kompromiss“
„Wir können den Kompromiss tragen, auch wenn er finanziell herausfordernd ist“, sagte Seiler. Weselsky wiederum kritisierte das Bahn-Management erneut, das die Einigung mit Verweis auf das Tarifeinheitsgesetz nur in 18 Betrieben anwenden will. Die Schuld für die lange Dauer des Konflikts sah Weselsky beim DB-Vorstand: „Erneut wurden auf Kosten des Steuerzahlers Millionen verbrannt, ehe man notgedrungen zur Einsicht gelangte. Das hätte man auch deutlich billiger und früher haben können.“
Ein Blick auf die Details: Anfang 2026 sinkt die Arbeitszeit zunächst auf 37 Stunden. Bis 2029 folgen drei weitere Schritte auf 35 Wochenstunden. Die Gehälter der GDL-Mitglieder bleiben aber gleich – das war eine Kernforderung der GDL. Allerdings sinkt die Arbeitszeit ab 2027 nicht automatisch ab. Stattdessen können die schätzungsweise 9000 betroffenen Beschäftigten selbst wählen, ob sie weniger arbeiten wollen. Wer mehr arbeiten will, erhält laut der Deutschen Bahn auch mehr Geld: Pro Stunde gibt es 2,7 Prozent mehr Lohn. Nach DB-Angaben erhielten Lokführer:innen und Zugbegleiter:innen, die sich für eine 40-Stunden-Woche entscheiden, damit rund 14 Prozent mehr Lohn als bei einer 35-Stunden-Woche.
GDL und Bahn einigen sich auf „Optionsmodell“
DB-Personalvorstand Seiler bezeichnete die Einigung als „klugen Kompromiss“. Es gelte das Leistungsprinzip: Wer mehr arbeite, verdiene entsprechend mehr. „Das ist eine wegweisende Lösung, die Flexibilität, Teilhabe und Transformation ermöglicht“, sagte Seiler. Das Optionsmodell schaffe individuellen Freiraum und mache die Bahnberufe attraktiver. „Wir haben von Anfang an betont, dass eine stumpfe Arbeitszeitverkürzung, die allen zwangsweise übergestülpt wird, absolut nicht zeitgemäß ist“, sagte der Bahn-Manager. Niemand bekomme durch den Tarifvertrag zwangsweise eine 35-Stunden-Woche. Für Bahn-Vorstand Seiler liegen die Vorteile auf der Hand: „Das Optionsmodell gibt auch dem Unternehmen die Möglichkeit und die Kapazität, trotz Fachkräftemangel im Interesse der Kunden weiter zu wachsen, und wird dadurch auch der besonderen Situation am Arbeitsmarkt gerecht.“
„Wir haben von Anfang an betont, dass eine stumpfe Arbeitszeitverkürzung, die allen zwangsweise übergestülpt wird, absolut nicht zeitgemäß ist“
Die GDL-Forderung nach einer 35-Stunden-Woche war der Knackpunkt der Tarifverhandlungen, hier waren die beiden Parteien lange weit voneinander entfernt. DB-Personalvorstand Seiler hatte immer wieder auf den Arbeitskräftemangel verwiesen und darauf, wie schwierig es für den Staatskonzern sei, neues Personal zu finden, das die Lücken stopft, die entstehen, wenn die Arbeitszeit auf 35 Stunden sinkt. GDL-Chef Weselsky wiederum hatte argumentiert, dass eine kürzere Wochenarbeitszeit den Job deutlich attraktiver mache.
Mehr Geld für Mitglieder der GDL
In gleichzeitig geführten Tarifverhandlungen hatte sich die GDL mit 29 kleineren Wettbewerbern der Deutschen Bahn bereits auf die 35-Stunden-Woche geeinigt. Mit diesem „neuen Branchenstandard“ hatte Weselsky versucht, den Druck auf den Marktführer DB zu erhöhen. Die Einigungen mit der DB-Konkurrenz standen allerdings unter einem Vorbehalt: dass sich Weselsky auch beim Staatskonzern mit seiner 35-Stunden-Woche durchsetzt.
Neben der Arbeitszeit einigten sich GDL und Deutsche Bahn auch auf die Auszahlung einer Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 2850 Euro. Außerdem gibt es eine Lohnerhöhung in zwei Schritten: 210 Euro mehr pro Monat zum 1. August 2024 und dann nochmals 210 Euro mehr pro Monat ab 1. April 2025.
Tarifvertrag zwischen Bahn und GDL läuft 26 Monate
Der Tarifvertrag wird eine Laufzeit von 26 Monaten haben und am 31. Dezember 2025 enden. Anschließend folgt laut der Deutschen Bahn eine „zweimonatige Verhandlungsphase“ mit einer Friedenspflicht – es darf also nicht gestreikt werden. „Das ist eine gute Nachricht für die Fahrgäste“, sagte Seiler. Außerdem hätten sich GDL und DB bereits auf „Schlichtungsmodalitäten“ geeinigt für den Fall, dass die Verhandlungen im Frühjahr 2026 scheitern. Die Vereinbarungen zur Arbeitszeit sollen bis Ende 2028 gelten. Die von der GDL geforderte Ausweitung des Geltungsbereichs der Tarifverträge auf die Beschäftigten in der Infrastruktur wird es nicht geben.
Für Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Uni Kassel, hat sich DB-Manager Seiler „in wesentlichen materiellen Positionen“ durchgesetzt. Der Bahn-Vorstand habe lange Laufzeiten und ein hohes Maß an Flexibilität erreicht, sagte Schroeder dem Sender Phoenix. Gleichzeitig habe das Management des Staatskonzerns aber auch Kröten schlucken müssen, denn anfangs habe man eine Arbeitszeitverkürzung kategorisch ausgeschlossen. Eine frühere Einigung sei nicht möglich gewesen, „weil die Arbeitsbeziehungen in der Bahn so vergiftet sind wie in keinem anderen Wirtschaftszweig“, sagte Schroeder. Der anstehende Wechsel an der GDL-Spitze sei eine Chance, vertrauensvolle Arbeitsbeziehungen zu entwickeln.
Viel Lob für Einigung zwischen GDL und Bahn
Der Arbeitsmarkforscher Enzo Weber bezeichnete die Einigung als „guten Kompromiss“. „Das ist der Einstieg in die X-Tage-Woche beziehungsweise X-Stunden-Woche“, schrieb der Forscher auf Linkedin. Beschäftigte könnten weniger arbeiten, ohne dass die berufliche Entwicklung leide. Sie könnten auch mehr arbeiten, „und zwar für mehr Geld“. Das sei mit Blick auf ganz unterschiedliche Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten der richtige Schritt.
Mit Blick auf die Planungssicherheit für Fahrgäste begrüßte der Fahrgastverband Pro Bahn die Einigung ausdrücklich. Aus der Politik gab es ähnliche Reaktionen. Laut Thomas Bareiß (CDU) könne die Bahn sich endlich wieder auf die vielen ungelösten Probleme wie die steigende Unpünktlichkeit, das verschlechterte Angebot und den sinkenden Umsatz im Personen- und Güterverkehr konzentrieren. „Hier besteht dringend Handlungsbedarf“, sagte der Bundestagsabgeordnete der FR. Sein Kollege im Verkehrsausschuss Bernd Riexinger (Die Linke) nannte den Abschluss einen Erfolg der GDL, der Bewegung in die tarifpolitische Arbeitszeitpolitik der nächsten Jahre in weiteren Branchen bringe.

