VonBona Hyunschließen
Die Zeit für die Wirtschaft Russlands wird knapp – und während Putin einen militärischen Triumph anvisiert, könnte er ein großes Defizit ignorieren. Die Menschen fürchten sich.
Moskau – Die Zeitbombe tickt – und im Jahr 2025 tickt sie offenbar noch schneller für Russlands Wirtschaft. Eine hohe Inflation, Sanktionen und massive Verluste setzen Kreml-Chef Wladimir Putin weiterhin unter Druck. Doch das größte Desaster könnte noch bevorstehen – und nicht mal ein Sieg im Ukraine-Krieg würde helfen.
Countdown für Russlands Wirtschaft: Putin gehen die Kämpfer aus – Bevölkerung schrumpft drastisch
Die russische Wirtschaft wird im kommenden Jahr nicht so wachsen, wie Putin es sich wünschen würde. Gleiches betrifft auch die russische Bevölkerung. Bereits vor Beginn des Krieges hatte Russland mit demografischen Problemen zu kämpfen. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte Russlands Bevölkerung sich halbieren, errechnete die US-Denkfabrik Atlantic Council bereits im August 2024. Dies habe vor allem für Russlands Wirtschaft und die Bevölkerung gravierende Folgen.
„Die Russische Föderation steckte schon lange vor ihrer Invasion in der Ukraine in einer Art demografischer Zwangsjacke“, sagte Nicholas Eberstadt, Inhaber des Henry-Wendt-Lehrstuhls für politische Ökonomie am American Enterprise Institute (AEI), dem Kyiv Independent.
Die Auswirkungen für die russische Gesellschaft seien verheerend, so Harley Balzer, emeritierter Professor für Regierung und internationale Angelegenheiten an der Georgetown University, jüngst gegenüber Kyiv Independent. „Aus russischer Sicht ist (der Sieg im Krieg in der Ukraine) das kleinere Problem. Das größere Problem ist, ob das Land danach trotzdem noch lebensfähig sein wird.“
Nach ukrainischen Schätzungen hat Russland allein im Jahr 2024 etwa 420.000 Kämpfer verloren. Nicht nur im Zuge des Kriegseinsatzes sterben viele Männer. Ein großes Problem bleibt die Alkoholabhängigkeit. „Jedes Jahr sterben in Russland mindestens 150.000 bis 200.000 Menschen an den Folgen von Alkohol, und etwa 80 Prozent davon sind Männer“, sagte Alexey Raksha, der jahrelang für die russische Statistikbehörde arbeitete, gegenüber des Exilmediums Meduza im Oktober 2024.
Sinkende Geburtsrate – Putin kämpft neben Inflation mit demografischem Problem
Russland hat zudem mit sinkenden Geburtsraten zu kämpfen. Russland verzeichnete in den ersten sechs Monaten des Jahres 2024 die niedrigste Geburtenrate seit 1999. Im Juni sank die Zahl der Lebendgeburten unter 100.000. Von Januar bis Juni 2024 lebten in Russland 599.600 Kinder – 16.000 weniger als im gleichen Zeitraum des Jahres 2023, wie aus den Daten der russischen staatlichen Statistikbehörde Rosstat hervorging.
Ein UN-Bericht über demografische Trends in der Welt aus dem Jahr 2024 beziffert die Geburtenrate Russlands auf 1,45 Kinder pro Frau – deutlich unter den 2,1, die zur Aufrechterhaltung des Bevölkerungsniveaus erforderlich wären. Als Reaktion auf diese drohende Krise hat der Kreml verschiedene Initiativen gestartet. Im November 2024 hatte Russland angekündigt, Propaganda für einen kinderlosen Lebensstil zu verbieten, in der Hoffnung, die sinkende Geburtenrate anzukurbeln.
Nach Angaben des Kremls hatte der russische Präsident im September 2024 angesichts der sinkenden Geburtenrate in seinem Land Frauen dazu aufgerufen, zu arbeiten und viele Kinder zu bekommen. Die Frage ist allerdings, wie sehr Putin dieses Problem der russischen Wirtschaft im kommenden Jahr priorisieren wird. Die demografische Krise kümmere Putin nicht wirklich, sagte John Foreman, ein ehemaliger britischer Verteidigungsattaché in Moskau, dem Kyiv Independent. „Putin ist bereit, absolut alles für die Front zu opfern.“
Russlands Wirtschaft zum ewigen Krieg verdammt – auch über 2025 hinaus?
Ob sich Putin vor allem wirtschaftlich leisten kann, den Krieg weiterzuführen, ist fraglich. Aufgrund der Umstellung auf eine Kriegswirtschaft könnte Russlands Wirtschaft ohnehin dazu verdammt sein, einen ewigen Krieg gegen die Ukraine zu führen, weil es derzeit der Hauptbooster für das Wirtschaftswachstum ist. (bohy)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Sergey Guneev

